Anne Behrens

Von der Fläche zum Objekt     

„Bei jedem Papier, dass ich anfasse, denke ich: Was kann ich damit machen?“ Der Satz der Künstlerin Anne Behrens kann als Leitmotiv über ihrem Schaffen stehen. Seit ihrem 16. Lebensjahr sucht sie immer wieder neue Formensprachen im Scherenschnitt zu entwickeln.

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Geboren 1935 in Aschendorf an der Ems, studierte Anne Behrens von 1954 bis 1958 an der Werkkunstschule Düsseldorf und ist seitdem freischaffend künstlerisch tätig. Darüber hinaus war sie von 1973 bis 2002 als Kunsterzieherin an der Fachhochschule für Sozialpädagogik tätig. Sie ist im Vorstand des Kunstvereins Grevenbroich sowie Mitglied der „Künstlerinnen-Sezession Düsseldorf“. Gruppen- und Einzelausstellungen machten und machen ihr Werk bekannt, das verschiedene Werkgruppen umfasst. Einige sollen im Folgenden vorgestellt werden.

 

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Ausgangspunkt der Werkgruppe „a² + b²“ (Abb.) war ein Mathematikheft ihres Vaters aus dem Jahr 1920. Handgeschriebene Berechnungen des Vaters setzte die Künstlerin in Bezug zu schwarzen Scherenschnitten. Feine Papierstreifen gehen wie Strahlen von einem Kreis und einem Oval aus. Sie scheinen fast den Umriss aufzulösen und erinnern an japanische Tuschmalerei. Die geometrischen Figuren erweitern den Ausschnitt des Schulheftes, bauen eine Brücke zu Kunst und Wissenschaft. Der Titel der Werkgruppe, die als „papier collés“ (geklebte Papiere) zu bezeichnen ist, bezieht sich auf einen von ihrem Vater handschriftlich notierten Lehrsatz des Pythagoras: „a² + b² = c²“ und besagt, dass in allen rechtwinkligen Dreiecken die Summe der Flächeninhalte der Kathetenquadrate gleich dem Flächeninhalt des Hypothenusenquadrates ist. Klare Formen herrschen in der Geometrie vor, für die die Künstlerin eine Vorliebe hat.

                       

 

behrens08Anne Behrens‘ Scherenschnitte resultieren aus ihrer Beschäftigung mit informeller Malerei. Die informelle Malerei, eine zur Nachkriegszeit entstande ne Strömung, verzichtet auf jeglichen geordneten Bildaufbau und lehnt jede „Form“ strikt ab. Stattdessen tritt der Malprozess sowie die Farbe selbst in den Fokus. Dies wird besonders in der Werkgruppe der „Kästchenformationen“ deutlich. Alte Pakete wurden informell bemalt, zerschnitten und zu kleinen Kästchen geklebt, um dann wieder zur Fläche dreidimensional zusammengesetzt zu werden.Die Farbe wird hier zum Inhalt. Das geschnittene und gefaltete Papier wird zur Form. Aneinandergereiht ergeben die Kästchen ein skulpturales Bild. Die einzelnen Quader werden entweder vom Farbauftrag oder von den Aufdrucken, d.h. den Schriftzeichen, der Pakete beherrscht. Die „Kästchenformationen“, deren Objektcharakter durch Plexiglaskästen zusätzlich betont wird, lassen an die Quadratbilder Paul Klees( 1879-1940) der 1920er-Jahre erinnern.

 

Der Blick, den die Künstlerin auf den Werkstoff Papier hat, ist immer ein mehrdimensionaler. Mehrdimensional meint hier nicht nur räumliche Dimensionen, sondern auch inhaltliche Mehrschichtigkeit. Die Werkgruppe „Zuckertüte“ ist beispielhaft für Anne Behrens‘ Erweiterung des Scherenschnitts. Hundert Zuckertüten, die sie aus einer geschlossenen Zuckerrübenfabrik erwarb, inspirierten sie zu dieser Gruppe. Jede einzelne weiße Tüte ist in einem Plexiglaskasten archiviert und individuell gestaltet. Zeichen, Letter, Wörter, Sätze schnitt die Künstlerin in die Tüten und lässt Papierstreifen von Innen nach Außen treten.

 

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Beeindruckend gibt Anne Behrens dem Gedenken an den Lyriker Thomas Kling (1957-2005) mit der Schere Ausdruck. Klings Werke gelten als stilbildend für die Lyrik seit den 1990er-Jahren. Seine Texte sind in ihrer Kompositionsform durch performative Elemente bestimmt, Wortklang und -melodie spielen eine wichtige Rolle. Zugleich ist ihnen jedoch eine sinnliche und semantische Vieldimensionalität konstitutiv, die Anne Behrens in den „Zuckertüten“ meisterlich umsetzte. Wir sind gespannt, was der Künstlerin als nächstes in die Hände fällt.

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