Zipora Rafaelov

Licht und Schatten
Die Scherenschnitt-Objekte von Zipora Rafaelov

portrt glas-haus 2006 installationDie seit 1981 in Düsseldorf lebende israelische Künstlerin Zipora Rafaelov transformiert mit ihren Werken das traditionelle Medium Scherenschnitt in die moderne Kunst. Ihre monochrom weiß gehaltenen Objekte werden konstituiert durch die dem Medium Scherenschnitt inhärente Eigenschaften wie der Konturlinie, der Positiv- und Negativformen und dem Wechselspiel von Licht und Schatten.

Geboren 1954 in Beer-Sheva, beginnt Zipora Rafaelov 1973 ein Studium der Journalistik und Ökonomie an der Universität in Tel-Aviv, das sie nach zwei Jahren abbricht. Während ihrer Tätigkeit als Chefsekretärin in einer Fabrik für Gewächshäuser besucht sie ab 1976 für vier Jahre ein Abendstudium am Institut für Schöne Künste in Bat-Yam. 1981 übersiedelt sie nach Deutschland und besucht für sechs Jahre die Kunstakademie in Düsseldorf, wo sie Zeichnung und Bildhauerei studiert. Sie schließt ihr Kunststudium als Meisterschülerin ab und erhält 1988 ein Arbeitsstipendium der Hedwig und Robert Samuel-Stiftung in Düsseldorf. Seitdem ist die Künstlerin international tätig.

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Ihre Objekte und Installationen bilden Schnittpunkte zu den Medien Scherenschnitt, Zeichnung und Skulptur. Zipora Rafaelov definiert ihre Kunst als zweidimensionale Zeichnung, die in die dritte Dimension der Räumlichkeit überführt wird (Katalog zum Ausstellungsprojekt in ehemaligen Synagogen v. 29.04.2001 bis 04.01.2004, S. 31). Hierfür zeichnet sie zunächst auf Papier oder Holz Formen mit Grafitstift. In einem zweiten Schritt sägt sie diese aus. Hierdurch entstehen drei Werkgruppen:

Die Faden-Form-Objekte (Ausst.-Kat. 2000, S. 16) sind Objektkästen, in denen entweder in einem rechteckigen Gestell Fäden eingespannt sind, an denen in unregelmäßigen Abständen die ausgesägten Positivformen befestigt sind, oder der Rahmen wird weggelassen und die Fäden werden am Boden auf einer Platte befestigt sowie an der Decke des Ausstellungsraumes. Weiterhin fertigt die Künstlerin Faden-Form-Objekte, deren Formen in einem buchstäblichen Rahmen gespannt sind. Diese Objekte können wie schwebend in den Raum gespannt werden. Unter die Gruppe der plastischen Bilder sind zum einen die aus dem Prozess des Aussägens entstehenden negativen Formen zu subsumieren, die durch Grate miteinander verbunden sind, und zum anderen positive Formen, die mit etwas Abstand zum Bildgrund appliziert werden; sie können als reliefartige Stillleben klassifiziert werden.

05Die fragilen Gegenstände in den Werken Zipora Rafaelovs sind einer archaischen Bildsprache vergleichbar. Allein mittels der Umrisslinie definiert, führt sie dem Rezipienten aus der Alltagswelt entlehnte Gegenstände wie Autos, Bügeleisen, Nähmaschinen und dergleichen, aber auch Tiere und Pflanzen vor. Vergebens sucht der Betrachter eine eindeutige Lesbarkeit der Piktogramme und damit der Werke zu finden. Sie fungieren wie eine Art Rebus-Rätsel: Dinge und Wörter können individuell in einen immer neuen Sinnzusammenhang gebracht werden. Es sind Gegenstände aus dem kollektiven Bildgedächtnis, in welches die Künstlerin mit Säge oder Skalpell eindringt. Sie entwirft mit ihrer Kunst einen Mikrokosmos, der zuweilen lyrische Anklänge evoziert. Der Zugang zu diesem Kosmos ist emotional-assoziativ geprägt. Dies wird durch das Prinzip der Wiederholung fokussiert. Es tauchen immer wieder an unterschiedlichen Stellen gleiche Dinge auf, die zu Bildzeichen werden. Zipora Rafaelov entwirft auf diese Weise ein individuelles Vokabular an Zeichen und Formen, die im jeweiligen Kontext neu gelesen werden müssen.

Für alle Werkgruppen ist der Einsatz des Lichtes wesentlicher Bestandteil des Kunstwerkes. Die angestrahlten weißen Gegenstände in den Installationen und plastischen Bildern werfen an den weißen Ausstellungswänden schwarze Schlagschatten. Bild und Abbild werden hier visualisiert und lassen Assoziationen zu Platons Höhlengleichnis zu. Obwohl das Phänomen Schatten immateriell und ephemer ist, trägt es in den Werken Zipora Rafaelovs dazu bei, die Materialität der weißen Gegenstände zu betonen, sie in plastisch-räumliche Projektionen zu überführen.

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Essentiell für die Ästhetik des Œuvres von Zipora Rafaelov ist die Farbe Weiß. Man kann sie entweder zusammen mit Schwarz als Nichtfarbe definieren oder aber als Summe aller Farben. Je nach Lichteinfall oder Tages- und Jahreszeit reflektiert die weiße Fläche der Formen das gesamte Farbspektrum. Weiß ist eine erweiternde Farbe, keine einschränkende. Reinheit und Licht werden mit ihr assoziiert; im eigentlichen Sinn bezeichnet Weiß keinen Stoff, sondern neigt zur Negierung der Materie. Die Wahrnehmung wird in Zipora Rafaelovs Werken so auf die Formen bzw. auf die Konturlinie gerichtet. Auf diese Weise rückt sie die Aufmerksamkeit auf Dinge, denen sonst keine große Bedeutung beigemessen wird. Sie hebt den Gegenstand an sich hervor. „Weiße Formen geben die reine Idee wieder, während die Farbe von der Sphäre des Idealen ablenkt und in die Niederungen der Realität führt“ (Philipp 2003, S. 20).

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Neben dem Medium Scherenschnitt sind ihre Arbeiten stilistisch von den Mobiles Alexander Calders (1898-1976) und den Flächenskulpturen Pablo Picassos (1881-1973) inspiriert. Die in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entstandenen Mobiles sind mechanisch oder frei bewegliche Skulpturen, die auch in einen Rahmen gehängt sein können (Hutton 2004, Abb. S. 160). Konstituierend ist für sie die Bewegung, welche die Form des Kunstwerks variieren lässt sowie ihren Bezug zum Raum. Zipora Rafaelovs Faden-Form-Objekte sind hingegen fest mit dem Rahmen verspannt. Calders Mobiles und Stabiles sind in den Primärfarben Rot, Blau Gelb, ferner Schwarz und Weiß gehalten. Seine biomorphen Skulpturen, die ein ausbalanciertes System gleichwertiger Elemente darstellen, offenbaren wie die Werke von Zipora Rafaelov eine poetische und humorvolle Sicht auf die Welt.

Picassos in den 50er Jahren entstandenen Flächenskulpturen rekurrieren auf sein Frühwerk um 1912. Durch erneute Auseinandersetzung mit Henri Matisse und den Papiers découpés beginnt Picasso, Skulptur und Fläche miteinander zu versöhnen. Seine Klappskulpturen, die nach Modellen in der Technik des Scherenschnitts in Blech ausgeführt sind, bestimmen sich allein aus der kantigen Kontur der sich teilweise überlappenden Flächen (Spies 2000, Abb. S. 294). Nur mittels leichter Biegung evoziert Picasso Räumlichkeit, die durch die Einwirkung von Schlagschatten noch potenziert wird, vergleichbar mit der Schattenwirkung in den Arbeiten Zipora Rafaelovs.

Mit ihren Faden-Form-Objekten, die Bezug zu dem jeweiligen Ausstellungsraum nehmen, und den plastischen Bildern (negative Formen und reliefartige Stillleben) hat Zipora Rafaelov ein Werk begonnen, das kunsttheoretische Aspekte zum Medium Scherenschnitt berührt. Der Scherenschnitt als Flächen- und Linienkunst partizipiert sowohl an den Gestaltungselementen der Zeichnung als auch der Skulptur. Die Linie als eigentliches Element des Zeichnerischen ist in den Werken der Künstlerin zugleich Anfangs- und Endpunkt der Gegenstände. Der hieraus resultierende Umriss wird von einer spielerisch geprägten Linie geformt. Ihre Formen und allgemein der Scherenschnitt entstehen aus dem Prozess des Entfernens, so wie die Figur aus dem Stein gehauen wird. In der Dreidimensionalität des Raumes betont Zipora Rafaelov die Flächigkeit ihrer Formen wie einst Picasso mit seinen Flächenskulpturen.

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Literatur:

  • Baal-Teshuva, Jacob: Calder (1898-1976). Taschen: Köln u.a. 1998
  • Hutton, Elisabeth, Oliver Wick (Hg.): Calder, Miro. Ausst.-Kat. Fondation Beyeler, Riehen/ Basel 2004. E. A. Seemann Verlag: Leipzig 2004
  • Pauli, Volker u.a. (Hg.): Zipora Rafaelov.,
  • Ausstellungsprojekt in ehemaligen Synagogen, Ausst. Kat. Seippel: Köln 2004
  • Philipp, Klaus Jan: Farbe, Raum, Fläche, Architektonische Farbkonzepte von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, in: Philipp, Klaus Jan und Max
  • Stemshorn (Hg.): Die Farbe Weiß, Farbenrausch und Farbverzicht in der Architektur, Ausst.- Kat. Stadthaus Ulm. Gebr. Mann Verlag: Berlin 2003, S. 18-47
  • Spies, Werner: Picasso. Skulpturen, Werkverzeichnis der Skulpturen in Zusammenarbeit mit Christine Piot, Hatje Cantz: Ostfildern 2000
  • Rafaelov, Zipora: Ausst.-Kat., Städtisches Museum Gelsenkirchen/ Museum Alte Post, Mühlheim an der Ruhr, DruckVerlag Kettler: Bönen 2000

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