Reinhard Wöllmer

Reinhard Wöllmer: Von minimalen Räumen

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Jahrhundertelang diente Papier als Trägermedium für Zeichnungen, Aquarelle oder Druckgrafik. Ungefähr seit dem 14. Jahrhundert sind Papiere als Bildträger für Zeichnungen und Skizzen bekannt. Karton und Pappe, obwohl bereits seit dem 16. Jahrhundert bekannt, wurden erst im 19. Jahrhundert in größerem Umfang verwendet. Erst die Kubisten und Dadaisten im 20. Jahrhundert begriffen für ihre Papiers collés und Collagen Papier als kunstwürdiges Material. Als selbständiges Werkmaterial fungiert Papier jedoch erst seit Ende der 1950er-Jahre. Mit der Gruppe ZERO, der Konkreten Kunst und dem Bauhaus wurden Grundlagen für eine Papierkunst geschaffen, die sich hauptsächlich in Europa entwickelte.

Der seriell arbeitende Nürnberger Künstler Reinhard Wöllmer (* 1957) befragt in seiner Kunst den Werkstoff Papier in Hinsicht auf seine räumlichen Eigenschaften. Mittel ist ihm der Schnitt oder der Falz, welche das plane Papier auf unterschiedliche Weise durchdringen, strukturieren und verräumlichen. Licht und Schatten sind aktiv am Bildgeschehen beteiligt und verändern die Werke je nach Betrachterstandpunkt. Untersuchen seine aus eingefärbten Papiermaché entstandenen Papierobjekte malerische Qualitäten, so sind seine Papierschnitte eher grafisch linear geprägt.

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Bereits während des Studiums der Malerei bei Prof. Clemens Fischer an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg war das Interesse am Raum latent vorhanden. Als Reinhard Wöllmer 1991 im Zuge eines Auslandsstipendiums der Stadt Nürnberg sich in Mazedonien aufhielt, machte die Not ihn erfinderisch. Um den Mangel an Papier für seine Collagen zu beheben, stellte er aus alten Zeitungen Papier selbst her und entwickelte u.a. durchbrochene Pappmaché-Halbkugeln in der Ästhetik von Eisenguss. Doch erst mit seinen leuchtend monochromen Papierobjekten thematisiert der Künstler die Wahrnehmung von Farbe und Raum. Entgegen traditioneller Vorstellungen bearbeitet Wöllmer das Papiermaché bildhauerisch. Mit dem Hammer bearbeitet er das zu Scheiben gewalzte Papier zu konvex-konkaven Formen. Es entstehen reliefartige, wandbezogene Arbeiten als exakte geometrische Formen. Beispiel hierfür ist das Objekt „Manganblau I“. Es zeigt einen Hohlkörper aus drei Kreisen, aus dem jeweils in der Mitte eine große Kreisfläche weggeschnitten wurde. Zwischen Vorder- und Rückseite, die beide nach vorne gewölbt sind, schiebt sich eine weitere leicht versetzte Schicht. Sie belebt mit ihrem Schattenwurf die weiße Wandfläche, öffnet und verstellt den Innenraum des Bildkörpers, der im Querschnitt wie eine Linse aussieht. Form und Inhalt sind eins.

Das Motiv des Kreises ist ein wiederkehrendes Element in der Kunst Wöllmers. In der 2001, 2003 und 2008 entstandenen Serie „Rhythmus unregelmäßig“ befinden sich zwei schwarze Kreise dicht untereinander in der Bildmitte. Innerhalb der Kreise sind jeweils zwei weiße Stäbchen unregelmäßig verteilt; ein fünftes Stäbchen fungiert als Verbindungsform der zwei Kreise. Seine Umrisslinie muss der Betrachter teilweise selbst ergänzen.

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Wurde das Objekt „Manganblau I“ direkt an der Wand installiert, so ist das Schnittbild gerahmt. Doch auch hier thematisiert der Künstler die Wahrnehmung von Raum – den gemalten und den tatsächlichen. Bei näherer Betrachtung wird offensichtlich, dass das linke obere und die beiden unteren Stäbchen mit weißer Farbe gemalt sind, während das rechte obere und das verbindende Stäbchen ausgeschnitten sind. Die negativen Schnittformen geben den Raum auf eine dahinter liegende weiße Fläche frei und werfen graue Schatten auf diese. Die Kreise ihrerseits werfen einen minimalen Schatten auf den Bildgrund und scheinen fast zu schweben, würden sie nicht paradoxerweise von den weißen Stäbchen beschwert. So vereinigt das Schnittbild die Dichotomien von Schwarz und Weiß, gemaltem und tatsächlichem Raum.

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Auch in dem Schnittbild „shady I“ sind Licht und Schatten konstruktive Elemente. Ein weißer Karton wurde schwarz bemalt. Schwarze vertikale Streifen wechseln sich mit weißen ab. In der unteren Bildhälfte wölben sich diese Streifen in den Raum und beschreiben in der Seitenansicht wieder einen Kreissegment. Zuvor schnitt der Künstler die Kante des oberen Teils, klappte die Streifen nach vorne, bog sie nach unten und wölbte sie mit der Schere. Die Enden der Papierstreifen liegen nun auf den gemalten schwarzen Linien. Der Schnitt in den planen Karton kippt die lamellenartige Struktur buchstäblich ins Dreidimensionale. Die Streifen werfen gräuliche Schatten und gliedern das Bild formal in zwei gleich große Bildhälften.

In Wöllmers neuesten Schnittarbeiten vereinigt er nun malerische und grafische Elemente. Das 2011 entstandene Schnitt-Objekt „Doppelpunkt“ ist in einen Kastenrahmen installiert. Auf diesen Rahmen ist Büttenpapier appliziert, das eine kaum wahrnehmbare Kreislinie aufweist. Sie ist leicht erhaben und nimmt Kontakt zum Außenraum auf. In einen weiß gemalten Ring, welcher an den Schnittlinien ebenfalls leicht erhaben ist und minimalen Schattenwurf aufweist, wurde eine Kreisfläche ausgeschnitten. Diese Negativform ist wie ein Bildöffnung, das den Blick freigibt auf einen Raum hinter einen Raum. Das Loch öffnet buchstäblich den Bildraum. Eine weitere Papierschicht, aus der zwei Kreise geschnitten wurden, die ihrerseits einen nach vorne gewölbten Kreis einbeschrieben sind, wird sichtbar. Auf dieser zweiten Papierschicht reflektiert die orange bemalte Rückseite der ersten. Ein Farbraum entsteht. Licht wird räumlich spürbar, als wenn man es greifen könnte. Licht wird fast haptisch. Die zwei ausgeschnittenen Doppelpunkte, von denen einer nur zur Hälfte zu sehen ist, sind diagonal zur ersten Papierschicht angeordnet. Die Diagonale ist für Reinhard Wöllmer ein gestalterisches Element. Sie ist ein Gegenpol zum Kreis, weil sie Dynamik und Balance entstehen lässt. Die kleinen ausgeschnittenen Kreisschnitte zeigen nun die Wandfläche, auf der sich die magentafarbene Rückseite der zweiten Papierschicht reflektiert. Das plane Papier wird verräumlicht durch Wölbungen, Schichtungen und Öffnungen. Licht und Schatten unterstreichen die dreidimensionale Wirkung. Farbe wird als bunter Schatten erlebbar. Es entsteht ein Farbraumrelief.

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Reinhard Wöllmer gelingt es, mit einfachen Mitteln komplexe Fragen an den Status ,Bild‘ zu stellen. Seine auf geometrische Grundformen reduzierten Papierobjekte und Schnittwerke reflektieren wahrnehmungstheoretische Bedingungen und beziehen aktiv den Betrachter mit ein. Wichtig ist hierbei eine ortsspezifische Beleuchtung. Sie moduliert Farbe, die mit dem Untergrund in einen Dialog tritt. Wöllmer malt mit Licht. Beleuchtete und verschattete Partien in den Arbeiten wechseln je nach Tageszeit und Lichtregie und verändern die Kunstwerke – mal erscheint der Schatten als harte schwarze Linie, als graue Fläche oder als weicher Farbraum. Die verschiedenen Schattenorte erweitern nicht nur die Arbeiten ins Räumliche, sondern auch die Farbskala. Raum wird in Wöllmers Werken nicht als gemalter illusionistischer Raum dargestellt, sondern als tatsächlicher Raum unmittelbar erfahrbar. Doch dies muss der Betrachter selbst erkunden.

Diese Charakterisierungen rücken Wöllmers Werke in den Kontext der Künstlerbewegung ZERO. Sie forderte einen Nullpunkt in der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg, von dem neue Gestaltungsprinzipien und Kunstvorstellungen ausgehen sollten. Kennzeichnend ist die Beschäftigung mit Natur, Licht, Bewegung, Technologie und Raum, die zu einer harmonischen Einheit verschmolzen werden sollen.

ZERO und die anderen Künstlergruppen verband ein Ausstieg aus dem Tafelbild und ein Einstieg in das Objekt. Lucio Fontana (1899-1968), der von den ZERO-Künstlern als Wegbreiter angesehen wurde, ließ den tatsächlichen Raum ins Bild treten, indem er die monochrom bemalte Leinwand perforierte oder mit einem Messer aufschnitt. Insbesondere in seinen Schnittbildern, den „Tagli“ („Schnitte“), überführte er die zweidimensionale Fläche ins Räumliche. Sie sind als radikaler Scherenschnitt zu bezeichnen. Dem italienischen Avantgardisten ging es beim Akt des Schneidens jedoch nicht um eine Zerstörung der Leinwand, sondern im Gegenteil um einer Schaffung einer Dimension jenseits des Bildes. Hinterlegte Fontana den Schnitt mit schwarzer Gaze, so lässt Reinhard Wöllmer seine Papierobjekte und Schnittbilder direkt mit der Wand agieren. Sie wird zu einem Dialogpartner. Bei beiden Künstlern ist der Schnitt ein transformatives Medium.

Wesentlich für Wöllmers Arbeiten ist der Einsatz von Licht und Schatten. Er betont nicht nur die raumplastische Dimension, sondern trägt auch zu einer Vibration der Oberfläche bei. Schnitt, Licht und Schatten verräumlichen und verlebendigen. Je nach Lichteinfall und Betrachterstandpunkt verändern sich die Hell-Dunkel-Phänomene. Reinhard Wöllmers Werke fordern unsere Wahrnehmung und Sensibilität heraus. Sie machen das Sichtbare sichtbar.

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Erschienen in SAW 38

www.woellmer.net

Literatur:

Juliane Bardt: Kunst aus Papier. Zur Ikonographie eines plastischen Werkmaterials der zeitgenössischen Kunst. Hildesheim u.a. 2006.

Dorothea Eimert (Hg.): Paper Art 5. Geschichte der Papierkunst. Ausst.-Kat. Leopold-Hoesch-Museum Düren. Köln 1994.

Barbara Hess: Lucio Fontana (1899-1968). „Ein neues Faktum in der Skulptur“. Köln u.a. 2006.

ZERO – Eine europäische Avantgarde. Ausst.-Kat., hrsg. von Galerie Heseler, München, Galerie Neher, Essen. Oberhausen 1992.

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