Liane Presich-Petuelli

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Liane Presich-Petuelli berichtet, dass nach überlieferter Familientradition ihre Urahnen väterlicherseits im 16. Jahrhundert aus Italien einwanderten – drei ledige Brüder, alle Bildhauer, die sich in Innerösterreich niederließen, einheimische Frauen heirateten und bald  angesehene Stellungen einnahmen, wie zum Beispiel Ignaz Petuelli als Marktrichter im Türnitzer Wechselgebiet. Er schrieb 1809 eine Chronik über die Franzoseneinfälle 1806 und 1809. Ein Pater Lambert aus dem Stift Göttweig in der Wachau, als Wissenschaftler ein anerkannter Höhlenforscher, war Mitglied der Académie Française in Paris; seine Mutter trug den Namen Petuelli. 1835 erschien der Name in Amtsakten der Freistadt Eisenstadt im damaligen Ungarn, als ein Geschwisterpaar Franz Johann und Katharina Clara um Überlassung von Devotionalienständen am Fuße der Kalvarienbergkirche, einem Marienwallfahrtsort in Oberberg-Eisenstadt ansucht. Ihr Beruf: „Betenmacher“, das heißt: „Rosenkranzschnitzer“. Auch in den fürstlich-esterhazyschen Rechnungsbüchern der Stadt Ödenburg ist der Name eingetragen.

03Als dann im Jahre 1921 der aus Melk in der Wachau stammende, aus sibirischer Gefangenschaftheimgekehrte junge österreichische Gendarm Karl Petuelli an den Anschlusskämpfen des jüngsten österreichischen Bundeslandes Burgenland teilnimmt, in Eisenstadt eine Familie gründet und lebenslang dort als Finanzbeamter beheimatet bleibt, ergibt sich ein erst vor kurzem bekannt gewordener Familienbezug. Die Mutter, als Eisenstädter Bauerntochter aufgewachsen und in der ungarischen Bürgerschule als begabte Zeichnerin besonders hervorstechend, vermittelte durch die bäuerlichen Großeltern ihren beiden Töchtern intensive Eindrücke jahreszeitlicher Feld- und Weingartenarbeit, Natur und Tierwelt und erzählte von einem Großvater, der, ob zwar Dorfschmied, durch Anfertigung von Papierblumenschnitten zum Schmuck dörflicher Festtage geschätzt wurde.

Sie förderte die musischen Begabungen ihrer Töchter, die 1925 und 1927 geboren wurden. Nach Volksschule und Gymnasium mit 1943 abgelegter Matura (Abitur) leistet LPP ein Arbeitsdienstjahr ab und inskribiert im letzten Kriegsjahr, während Wien bereits mit täglichen Bombenangriffen zu rechnen hatte, an der Hochschule für Musik in Wien das Lehrfach für Musikerziehung und Geschichte an
höheren Schulen.

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Sie erlebt in einem Luftschutzkeller im nahe gelegenen Musikvereinsgebäude die Zerstörung der Wiener Staatsoper und muss nach einem Angriff ihre Noten und anderes Studienmaterial aus der verschütteten Akademie-Dependance ausgraben. Die Besetzung ihrer Heimatstadt durch die russischen Truppen, der Verlust der elterlichen Wohnung, die Unmöglichkeit eines geregelten Reiseverkehrs nach Wien unter-brechen die Studienzeit, die erst mit 1947 wieder neu beginnen kann und nur durch Eigenfinanzierung möglich ist. Diese erfolgt sowohl durch Klavierunterricht in einer Musikschule als auch durch die Möglichkeit, in der renommierten Papierhandlung Ebeseder am Wiener Opernring durch Verfertigen von Scherenschnittkarten und Postkarten mit kleinen Blumenaquarellen die damals fehlenden Ansichtskarten zu ersetzen und sich damit einen Zuschuss zu den sehr bescheidenen Lebenskosten zu verschaffen.

04Neben Studium und „Werkstudententum“ entstehen aber fortlaufend neue Scherenschnittblätter, die bald eine Mappe füllen und anlässlich einer Begutachtung durch den Rektor der Kunstakademie am Schillerplatz auf dessen Interesse stoßen, verbunden mit der Aufforderung, weiterzumachen und auf eine eigene Ausstellung hinzuarbeiten. Dieser Anregung folgt eine Teilnahme an der ersten burgenländischen Landesausstellung in der Orangerie des Schlosses Esterhazy in Eisenstadt (Österreich), bei der auch Karl Prantl und Rudolf Kedl neben bekannten Altmeistern, wie Albert Kollmann, vertreten waren. Bis 1955 vollendet sie ihr Lehramtsstudium wie auch zwei weitere Staatsprüfungen an der Musikakademie sowie ihr Geschichtsstudium an der Universität Wien als bereits vollbeschäftigte Berufstätige am Gymnasium Oberschützen im Burgenland (Österreich).

Durch ihre Heirat 1956 ergibt sich eine Berufsortveränderung nach Wien und 1972 hausbaubedingt eine Rückkehr in ihre Heimatstadt Eisenstadt/Burgenland und Lehrtätigkeit am dortigen Gymnasium, welche durch Pensionierung 1985 ihr Ende findet.

Liane Presich-Petuelli lebt derzeit in Eisenstadt mit ihrem Mann Johannes Presich, der als Aquarellist und Karikaturist erfolgreich eigene Wege geht, im Kreise einer großen Familie mit zwei Söhnen und sieben Enkelkindern. Die Teilnahme von Liane Presich-Petuelli an Ausstellungen, intensive pianistische Konzerttätigkeit und literarische Aktivitäten – zwei Lyrikbände, Lesungen, Sendungen im ORF (Österreichischer Rundfunk und Fernsehen) – bereichern ein erfülltes Leben.

Aus welchen Eindrücken ergab sich bei Liane Presich-Petuelli die Neigung zum Scherenschnitt?
Den ersten Eindruck vermittelte ihr schon im Vorschulalter der Ankauf zweier gestanzter Schutzengel-Scherenschnittbilder von einem Wanderhändler, den ihre Mutter nach langem Zögern tätigte. Jede Geldausgabe musste in den Jahren um 1930 sehr bedacht sein. Für das kleine Mädchen hatte der Scherenschnitt dadurch einen besonderen Wert. Jahre später als Elfjährige fand sie in einer Zeitschrift einen Genre–Schnitt, Rehlein mit Birke, und beschloss, ihn als Geschenk für die Mutter nachzuschneiden. Aus diesem ersten Versuch entstand eine Serie von zwölf kleinen Bildchen in Postkartengröße – Blumen, Figuren und Landschaftsmotive nach eigenen Entwürfen. Durch den Erfolg kam die Lust weiterzuschneiden und zu experimentieren; es folgten Märchenschnitte, Illustrationen, Tischkarten, Aufträge für Hochzeiten. Auch während des Studiums wurde viel geschnitten und kamen immer wieder Aufträge. Die Formate wurden größer, der Stil wurde ausgereifter und komplizierter. Von den ersten Scherenschnitten ist leider nichts mehr erhalten, diese sind im Laufe von Plünderungen der russischen Besatzung im Burgenland verloren gegangen.

05Sie wird bekannt, erste Ausstellungsbeteiligungen wie auch Einzelausstellungen im burgenländisch- heimatlichen Raum, in Wien und in der Folge auch im übrigen Österreich finden statt. Aufträge zur Illustration lyrischer und erzählender Texte ergeben sich. Besondere Beachtung finden die Scherenschnittzyklen zu den Oratorien „Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“ im Haydn-Jubiläumsjahr 1992, für die LPP die selten vergebene Haydn-Medaille erhält, wie auch die über 70 Illustrationen
in dem Sammelwerk „Burgenland im Bild der Sage“, wofür ihr der Kulturpreis des burgenländischen Landeshauptmannes verliehen wurde. Präsentationen in Deutschland (u.a. Berlin, Frankfurt, Calw – Hesse-Zyklus) und Frankreich (Straßburg, Colmar) erweitern den Ausstellungsradius.

Im Verlauf ihrer Weiterentwicklung nehmen Gestaltungen mit farbigem Papier immer mehr Raum ein, die oft zu aquarellistischen Effekten und perspektivisch-bildhafter dreidimensionaler Wirkung führen – ohne dass bei all diesen experimentellen Materialversuchen das Grundmaterial Papier wie auch die Schere (niemals das Messer) als handwerkliches Instrument verlassen werden. Dennoch findet parallel immer wieder eine Rückkehr zum reinen Schwarz-Weiß statt. Es entstehen – bedingt durch die Wechsel-wirkung graphischer mit beruflich-musikalischen als auch literarischen Tätigkeiten – zahlreiche Zyklen, die – jeder für sich – eigenständige Ausdrucksformen durch das Medium Scherenschnitt fordern und deren Auffindung für sie einen besonderen schöpferischen Reiz darstellt. Sei es nun die Zyklen nach Hermann Hesse, nach Rilke, Morgenstern, Christine Lavant usw., deren diffizile Lyrik eine immer anders geartete Scherenschnitt-Technik verlangt, oder die musikalisch ausgerichteten nach Haydn, Liszt, Gluck (zwei Zyklen nach vertonten Klopstock-Oden und nach der Oper „Orpheus und Eurydike“ sind im Wohn- und Sterbehaus des Komponisten in Wien-Wieden zu besichtigen).

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24 Abstraktionen zu Schuberts Liederzyklus „Winterreise“, im Verlag Doppelpunkt erschienen, zeigen moderne Möglichkeiten des Scherenschnittes auf, die nach Meinung von LPP unbegrenzt sind und neben den zyklisch gebundenen Arbeiten in zahlreichen Einzelblättern ausgelotet werden: vom puristisch-traditionellen Schwarz-Weiß bis zur buntfarbigen Collage, von naturalistischen Formen bis zu abstrakter Verfremdung und sonstigen modernen Manierismen. Warum sollte nicht die Bildwirkung eines Scherenschnittes durch Pinsel, Bleistift oder Buntstift, durch Beifügung von Fremdmaterialien intensiviert werden? Ein Gedanke nur – anregend? schockierend? diskussionswert? Verfall oder Weiterentwicklung? Auch aquarellierte Holz- und Linolschnitte werden akzeptiert…
Sie ist der Überzeugung, dass dem Scherenschnitt als eigen­­stän­diger Technik in Verbindung mit schöpferischer Phantasie alle Stilarten vergangener Epochen wie auch moderner Spielarten ebenso die Vielfalt aller Themenbereiche zur Verfügung stehen sollten. Sie hat diese Ansicht in über 1000 Blättern, Zyklen und Buchillustrationen zu untermauern versucht und in zahlreichen Ausstellungen offengelegt.

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Nun noch eigene Gedanken der Künstlerin, die in der Zeitschrift des DEUTSCHEN SCHERENSCHNITTVEREINS e.V. „Schwarz Auf Weiß“ Nr.  9/10 vom Dezember 1998 bereits abgedruckt wurden:

presich03„Warum Scherenschnitt? Warum eine so unzeitgemäße, zeitaufwendige Technik, eingeengt durch die Vorstellung von Schwarz-Weiß, mit dem Odium biedermeierlich-idyllischer Thematik behaftet? Was bewog mich, der kleinen, scharf geschliffenen Schere den Vorzug vor Zeichenstift und Pinsel zu geben, mich in der Enge des Scherenschnittes wohl zu fühlen? Die spontane Unmittelbarkeit der Arbeitsweise mit Zeichenstift oder Pinsel ist dem Scherenschnitt nicht gegeben. Nach der Initialzündung des künstlerischen Einfalles und seiner ersten Skizzierung folgen die Arbeitsgänge des Übertragens ins Scherengeschnittgemäße, die Adaptierung des Blattes, die Geduld und Sorgfalt erfordernde Schnittphase. Emotionen sind nun ausgeschlossen. Jede impulsive Reaktion könnte Zerstörung bewirken; Korrekturen sind fast unmöglich. „Künstlerische Freiheit“ ist in diesem handwerklichen Stadium auf ein Minimum beschränkt. Doch wie sagt Strawinsky? „Wer mich eines Widers­tan­des beraubt, beraubt mich einer Kraft“! Die Beschränkung, die die Herstellung eines Scherenschnittes auferlegt, belohnt sich mit dem beglückenden Hochgefühl, welches durch ein gut gelungenes vollendetes Blatt ausgelöst wird. Vervielfältigung wie bei Holz- oder Linolschnitt ist allerdings nicht möglich – nur beim chinesischen Messerschnitt, bei dem mehrere Lagen Papier übereinander gelegt werden.

Ich überdenke die Frage: Warum Scherenschnitt? Vielleicht wurde diese meine Vorliebe durch die psychologische Bedingungen eines Klavierstudiums geprägt. Auch bei diesem folgt dem Wunsch, ein neues Werk zu erarbeiten, zuerst eine Phase spielerischen Kennenlernen und dann ein langes Stadium disziplinierten, rein handwerklichen Übens zur Überwindung gegebener technischer Schwierigkeiten, um unproblematisch-musizierende Wiedergabe zu ermöglichen. Auch hier schließt sich ein Kreis vom emotionellen Anstoß über intellektuelle Erarbeitung zu neuem emotionalen Erleben. Dieser Umweg – sofern er im Ablauf eines Schaffensprozesses diesen Namen verdient – ist für mich Notwendigkeit und schenkt mir – wie ich immer neu erfahre – Harmonisierung und inneres Gleichgewicht.

Wie faszinierend war das schrittweise Bewusstwerden aller Ausdrucksmöglichkeiten des Scherenschnittes! Vom traditionellen Schwarz auf Weiß zu der Vorstellung Weiß auf Schwarz, zum Einfügen farbiger Teile, zur Collagierung einzelner Schnittelemente, zu Experimenten in der Papierbehandlung wie Reißen oder Knittern, zu Kombination jeder Art, bis zur Einbeziehung von Fremdmaterialien – ein unerschöpfliches Reservoir für phantasievolles Gestalten tat sich auf! Welche Fülle verschiedenartigster Thematik bot sich an: romantische Szenerien, Illustrationen von Märchenwelten, lyrischen Stimmungen, musikalischen Eindrücken, phantastischen Seelen- und Traumland­schaf­ten wie auch der Aufbau von konstruktiven Spannungen in freier abstrakter Komposition.

Scherenschnitt ist eine allen anderen graphisch-bildnerischen Techniken gleichwertige Ausdrucksform, die jeder Variante gerecht werden kann. Diese meine Überzeugung habe ich mit meinen Arbeiten zu beweisen versucht – vielleicht ist mir ein Anfang gelungen.“

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Autor/in Ingrid Englert-Fally

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