Ernst Oppliger

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Autor/in Alfred Schneider
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www.ernst-oppliger.ch

Geboren 1950 in Meikirch, Kanton Bern. Nach der Schule ein Jahr Vorkurs an der Kunstgewerbeschule Bern. Danach vierjährige Lehre als Fotolithograf. Seit 1975 eigenes Atelier zusammen mit seiner Frau Rosmarie (Kerbschnitzerei). Tätigkeit als Scherenschneider, daneben, bis 1984, auch Arbeiten in Bauernmalerei, Kerbschnitzerei und Kalligraphie. Teilnahme an allen Bernischen und Schweizerischen Scherenschnitt-Ausstellungen. Beteiligung an Ausstellungen in Haifa, Yamanato, New York, Prag und 2 Deutschen Scherenschnittausstellungen Schwäbisch Gmünd und Holzminden. Seit 1993 Wochenkurse im Scherenschneiden im Kurszentrum Ballenberg, Schweiz. – Herausgabe eines großen Kalenders im 3-Jahresrhythmus. – Monografie von Alfred Schneider „Die Kunst des Scherenschnittes mit Ernst Oppliger“, Haupt, Bern, 1988.

Von der Tradition herkommend, ist Ernst Oppliger vom kulturellen Erbe geprägt, das gleichsam seinen Nährboden und Ansporn für die Weiterentwicklung abgibt. Und was für eine Weiterentwicklung!

 

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                                                             Geschäftsfreunde

 

In frühen Jahren – der erste Scherenschnitt entsteht 1971 – sind es aufsteigende Bilder aus seiner Kindheit und Jugendzeit, die er in Papier schneidet: Tiere, mit denen er aufgewachsen ist, Kühe, Ziegen und Schafe, Älplerszenen, die ein genaues Beobachten und ein anatomisch richtiges Umsetzen im Scherenschnitt erfordern, aber auch bereits formale Eigenständigkeit und Lebendigkeit erkennen lassen.

Später öffnet er den Rahmen der traditionellen Themen, wirft sie aber nicht über Bord. Er findet zu Aussagen, die wirklichkeitsbezogen sind und neue überraschende Elemente enthalten. Immer wieder bringt er es fertig, Erinnerungsbilder mit spontanen, fantasievollen Einfällen in Einklang zu bringen.

Die ökologischen Probleme unserer Zeit berühren ihn. Umweltprobleme werden in seiner Familie ausgetragen. Weil er sich und Harmonie im Kleinen und im Großen ernst genommen und entsprechend in der Natur geborgen fühlt, Schönheit wahrnimmt, ist ihm der Schutz der Umwelt nicht gleichgültig. Seine Scherenschnitte mit dieser Thematik, z. B. die Arbeit „Hilfe“ , machen betroffen, weil das persönliche Engagement spürbar ist.

 

 

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                                   Hilfe                                                                           Das Rauschen

Oppliger hat sich eine ihm gemäße Arbeitstechnik angeeignet. Als starker Zeichner leistet er mit der Bleistiftzeichnung die wichtigste Vorarbeit. Er entwirft ein erstes Bild, variiert es in mehreren Skizzen, bis es der inneren Vorstellung entspricht. Beim Schneiden bewegt er sich frei im Rahmen der Vorzeichnung, so dass der kreativen Gestaltung während des Schneidvorgangs genügend Spielraum gewahrt ist.

Sein Ideenreichtum ist frappant. Danach befragt, gibt er bescheiden zur Antwort, es seien alte Themen – bloß neu gesehen! Schon in den späten Achtzigerjahren geht er in seinen Arbeiten an die Grenzen des Scherenschnitts, kommt teilweise in die Nähe des Holzstichs und des Holzschnitts. Er setzt sich intensiv mit Gestaltungsproblemen auseinander, treibt sowohl die Entwicklung der Scherenschneidetechnik als auch die Bildentwicklung, die ihm besonders am Herzen liegt, voran.

In der Wahl und Ausgestaltung der Ornamente, die in der Scherenschnittszene ohne Beispiel sind, gelingen ihm eigenständige Arbeiten, etwa im Jahre 1987 der rein ornamentale Baum „Das Rauschen“, der von der Symmetrie lebt. Der Betrachter tritt sozusagen lauschend an den ornamentierten Blätterwald heran.

Verwandt, aber als Gesamtbild völlig neu, präsentieren sich „Die Geschäftsfreunde“. Man ist versucht zu sagen, Ernst Oppliger sei der Daumier des Scherenschnitts! Die in vielfältigen Ornamenten stilisierten Schafböcke begegnen sich Auge in Auge, aufgeplustert und aufgebläht, stolz wie Staradvokaten während des Plädoyers. Es ist eine meisterhafte Karikatur vom Wolf im Schafspelz.

Skurrile Figuren gehören zu den besten Arbeiten Oppligers. Sie sind sehr oft in der Idee und in der Umsetzung kongenial mit einem köstlichen, hintergründigen Humor.

Zu ihnen gehört die rundum bestrickte Figur im Schnitt „Der Glismet“ (Der Gestrickte) aus dem Jahre 1987. Ernst Oppliger zieht die umwerfende Idee konsequent durch und überstrickt den Kerl von Kopf bis Fuß mit Mustern, die einer Handarbeitslehrerin wohl anstehen würden. Auch im Scherenschnitt „Wermi“ (1990) sind Mann und Frau in Gestricktes eingepackt, so dass anoppliger04 beider Wärme nicht zu zweifeln ist. Die Symmetrie im Faltschnitt wird nur sparsam, aber sehr gekonnt mit einzeln geschnittenen Accessoires „verfremdet“. Der fabelhafte Zopf der jungen Frau erinnert nicht zufällig an ein gestricktes Zopfmuster. Das Paar ist im Randmuster von einer phänomenalen gestrickten Bordüre eingefasst.

Neuere Entwicklungen in den Neunzigerjahren beinhalten in erster Linie Landschaften und Bäume. In jenen erreicht der Künstler eine staunenswerte Tiefenwirkung indem er beispielsweise eine Szene mit Bäumen und Tieren in vier Ebenen ausdenkt. Die Abfolge schwarz-weiß bzw. weiß-schwarz variierend, gelingt ihm ein tiefenscharfes Bild. Experimentierend lässt er bisweilen das Randornament weg und gibt der Bildmitte oder Hauptachse mehr Gewicht. Er spielt überhaupt in seinen Scherenschnitten gerne mit den Haupt- und Nebenachsen, faltet sie mehrfach in der Silhouette wie zum Beispiel im Schnitt „Hecke“ (1990).

oppliger05Ein Bauerngehöft aus seiner engeren Heimat inspiriert ihn 1999 zu der ungewöhnlichen Komposition „Bauernhof“. Der Weg zum Hof, gesäumt von weitausladenden Kirschbäumen und einer alle überragenden prächtigen Linde, führt zu den Häusern, die durch das winterlich kahle Astwerk hindurch in den Umrissen sichtbar werden. Die Tiefenwirkung wird von einer ungemein plastischen Traktorspur verstärkt. Der an und für sich unscheinbare Bauernhof gewinnt durch seine Einbettung in die offene, großflächig Landschaft. Oppliger reizte es, den ländlichen Lebensraum gewissermaßen von einem zentralen Punkt aus (dem Bauernhof) radial zu gliedern und auf diese Weise seine Sicht im Scherenschnitt zu verwirklichen.

Und die Bäume? Sie beschäftigen ihn seit seiner Kindheit; er ist mit ihnen tief verbunden geblieben. In seinem Bekenntnis „Ich liebe die Bäume“ schreibt er: „Als Knabe saß ich oft träumend auf den Baumästen, verborgen und geborgen. Ich sah hinaus und niemand sah herein. – Ich liebe es, mich an den Stamm anzulehnen den Baum mit Händen und Rücken zu spüren und nach oben zu staunen. Wie warm sich die Rinde einer Eiche anfühlt! Ich suche die Kraft und die Ruhe, welche die Bäume ausstrahlen.“

 

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Vielgestaltigkeit, ihr unerschöpflicher Reichtum an Formen, ihre Lebenskraft begleiten ihn. Die Bäume sind zu eigentlichen Gedichten des Scherenschneiders Oppliger geworden.

In den späten Neunzigerjahren ist in seinen Arbeiten eine Entwicklung vom ornamentalen Baum zum naturalistischen Baum festzustellen. Dieses „Zurück zur Natur“ kommt zunächst überraschend. Vergleicht man aber Schnitte beider Baumgattungen miteinander, so gewahrt man ihre Verwandtschaft: die naturalistische Ausprägung nimmt dekorative und ornamentale Strukturen auf, verwandelt sie jedoch. Man darf folglich von einer gegenseitigen Befruchtung sprechen.

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Im Einfachfaltschnitt „Doppeleiche“ von 1999 überzeugen die fast kongruenten zwei Eichen. Die wenigen, aber entscheidenden Veränderungen in der Symmetrie – einerseits hervorgerufen durch den raffinierten Standort des einen Baumes hinter die Geländekuppe und anderseits durch bestimmte Partien im Einzelschnitt – führen zu dieser einzigartigen Baumgruppe mit hohem dekorativen Anspruch.

Von besonderem Interesse ist die neueste Entwicklung der Baumdarstellungen. Die naturalistischen Bäume erfahren ihrerseits eine Stilisierung, die Formen lassen eine neue Spannung erkennen. Ist es eine mehr graphische Gestalt, die der neue Baum annimmt oder ins Spiel bringt?
Wir verstehen nun besser, warum ihm die Bildentwicklung so sehr am Herzen liegt. Mit Erstaunen stellen wir (und auch Oppliger selber) fest, dass die graphische Stilisierung keineswegs zu kalten, klischeehaften Bäumen führt. Im Gegenteil, der Scherenschnitt „Breiter Baum“ als Beispiel entbehrt nicht der stimmungsvollen, malerischen Qualität. Könnte man ihn sogar bei den romantischen Bäumen einreihen? Eines ist sicher: bei den Bäumen sind der Fantasie von Ernst Oppliger keine Grenzen gesetzt.

Er ist stets für Überraschungen gut. Sein Werk ist von einer schöpferischen Unruhe gekennzeichnet, welche ihn zu Experimenten in neue Dimensionen treibt. Dass dabei auch Zweifel des Künstlers auftreten, sei nicht verschwiegen. Sie führen aber immer wieder zu Höhenflügen und letztlich zu Meisterwerken.

 

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Oppliger überlässt nichts dem Zufall. Das ist mit ein Grund, dass er die gedrechselten und handwerklich gearbeiteten, schönen Holzrahmen selber herstellt. Ihm ist an der Gesamtwirkung seiner Scherenschnitte gelegen, dazu gehört ein stimmiger Rahmen.

In der Rückschau zieht Ernst Oppligers reiches Werk vor unserem inneren Auge vorbei: 25 Jahre unentwegtes Suchen und Perfektionieren des künstlerischen Scherenschnittes. Wir dürfen gespannt sein, wohin ihn sein Weg in die Zukunft führen wird.

 

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