Eveline von Maydell

maydellfoto„Über eine fast vergessene Kunst und eine ihrer großartigsten Repräsentantinnen“ überschreibt Elinor v. Rosen einen ausführlichen Lebenslauf von Eveline Adelheid v. Maydell, geb. Frank. Er ist veröffentlicht im ‚Jahrbuch des baltischen Deutschtums‘ von 1972 (S. 65 ff).

Nun, mir scheint, die Kunst des Scherenschneidens ist wesentlich weniger vergessen als die überaus begabte Künstlerin. Vielleicht kann der kleine Aufsatz Erinnerungen zurückrufen und festhalten.

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Im Archiv des Deutschen Scherenschnittvereins befinden sich zwei Photographien von Eveline v. Maydell, die ich meinen Ausführungen vorausstellen will.
Die eine Aufnahme ist datiert 1921 (oben links) und zeigt Eveline als junge Frau beim Schneiden, die andere Aufnahme ist undatiert und zeigt sie in einem späteren Lebensalter.

 

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In Anbetracht der dürftigen Quellenlage entnehme ich alle wesentlichen Angaben und Daten dem erwähnten Lebenslauf von Elinor v. Rosen. Er ist offensichtlich aus großer Nähe und mit genauer Kenntnis der Lebensumstände geschrieben.
Eveline Baronin v. Maydell war eine baltische Meisterin des Scherenschnitts (wie ihre einige Jahre jüngere Landsmännin Margarethe Luther v. Glehn – vgl. SAW 30 S. 1 ff). Sie kam am 6., 18. oder 19. Mai (die Quellen nennen unterschiedliche Daten) 1890 in Teheran zur Welt. Ihr Vater, Dr. Hermann Frank, war Diplomat und am dortigen Hofe tätig. Mit der Versetzung des Vaters zog die Familie dann nach Beirut, später nach Konstantinopel, wo der Vater an der deutschen Gesandtschaft Erster Sekretär war. Im Jahr 1900 übersiedelte die Familie nach Pernau (estn. Pärnu, estnische Hafenstadt an der Rigaer Bucht), der Heimat der Mutter Auguste v. Brandt. (Der museal eingerichtete Stammsitz der Familie v. Brandt wurde im ersten Weltkrieg zerstört.) Aus gesundheitlichen Gründen zog der Vater vor 1910 nach Portugal.

Die beiden Töchter der Familie Frank, Eveline und Ilse, wurden anfangs in Pernau privat unterrichtet. Aufgrund ihres Talents erhielt Eveline zuerst Zeichenunterricht in Pernau. Sie schnitt damals bereits Silhouetten. Sie kam dann nach Riga (Hauptstadt von Lettland, oberhalb der Mündung der Düna in die Rigaer Bucht gelegen) auf die Kunstschule zu Gerhard Baron v. Rosen. Ihre Tante nahm sie anschließend mit nach St. Petersburg, wo sie die Kunstakademie besuchte und von Professor Belybin unterrichtet wurde. Wie Elinor v. Rosen berichtet, ist von ihm der Ausruf überliefert: „Werfen Sie nur nie Ihre Schere fort!“

Bei einem Besuch in Polen lernte Eveline Frank Guido Baron v. Maydell kennen und verlobte sich mit ihm. 1914 fand die Hochzeit statt, gefeiert wurde in Pernau bei der Mutter.
Bis 1918 lebte das junge Paar in Olkucz/Polen. Nachdem in diesem Jahr der selbständige polnische Staat wieder hergestellt wurde, war es für die Deutschen dort schwierig und das Ehepaar v. Maydell zog nach Schlesien auf das Franksche Familiengut Wikoline. Eveline setzte ihre Studien in Breslau fort und entschloss sich dann 1922, nach USA zu gehen, zunächst allein mit dem Ziel, eine Existenz aufzubauen. Sie hatte schnell Erfolg, wurde bekannt und geschätzt und konnte Ihren Mann und ihre Schwester nachkommen lassen. In USA erwarb sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sie hatte Ausstellungen, es entstanden Freundschaften zu angesehenen Familien und wie Elinor v. Rosen festhält: „In vielen amerikanischen Familien wurde es im Laufe der Jahre Mode, jedes Baby von „Baroness Maydell“ porträtieren zu lassen.“

 

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1934 starb Guido v. Maydell, 1935 ging Eveline nach Estland zurück, nach Reval, der Hauptstadt des Landes, an der Revaler Bucht gelegen. Ihre erste dortige Ausstellung war ein großer Erfolg. Es war ihr sehnlichster Wunsch, wieder in die Heimat zurückzukehren. Doch die Verhältnisse, die sind nicht so, sagt Brecht: Nach einem kurzen Aufenthalt in USA vom Winter 1938 bis Sommer 1939 mit Ausstellungen in New York und Albany, die ihr viel Lob und Anerkennung brachten, ging es nach Reval zurück. Da brach der Zweite Weltkrieg aus und im August 1940 ordneten die USA die Rückkehr aller amerikanischen Bürger an. Auf einem Kriegsschiff in Finnland wurde der Transport zusammengestellt, von dort ging es dann nach New York, ein Abschied, der Eveline sehr schwer fiel, wie Elinor v. Rosen schreibt.

Über die nächsten Jahre gibt es keine Angaben, die Verbindung war abgerissen. In den Jahren 1946/47 war sie im Auftrag der Metropolitan Opera New York tätig und fertigte Scherenschnitte von dort aufgeführten Opern an: Meistersinger, Lohengrin, Carmen, die im Hausblatt der MET auch abgedruckt wurden. Anfang der 50er Jahre ging Eveline nach Portugal zurück und begann einen neuen Kunstzweig. Sie schnitzte kleine Figurinen und schuf u.a. einen großen Fries von 25 x 200 cm, der die Gesellschaft anlässlich der Hochzeit der Tochter des letzten italienischen Königs darstellt. Ende der 50er Jahre erkrankte Eveline und konnte nicht mehr arbeiten. 1962, am Weihnachtstag, starb sie.

Soweit der Lebenslauf – in Auszügen – , den Elinor v. Rosen 1972 veröffentlicht hat.

Bei meinen weiteren Recherchen stieß ich mit Glück auf den Nachlass von Eveline v. Maydell. Er liegt in Süddeutschland und umfasst nicht nur Scherenschnitte (sie schnitt meist zwei Exemplare gleichzeitig und behielt eines), sondern auch Korrespondenz und ihre Tagebücher. Der Nachlass wird einem Museum anvertraut werden und man kann nur hoffen, dass er dort kunsthistorisch fachmännisch aufgearbeitet wird. Es stellt sich natürlich die Frage, wie der Nachlass – Eveline starb in Portugal – nach Süddeutschland gelangte. Die Erklärung ist folgende: Ein hilfreicher und guter Freund, ebenfalls Balte, half Eveline bei der Rückkehr von USA nach Portugal, wo sich seinerzeit bereits ihr Vater niedergelassen hatte. Er besorgte ihr auch u.a. die für den dortigen Aufenthalt nötigen Papiere. Nachdem die Verbindung zu ihrer eigenen Familie wohl nicht mehr so in Ordnung war, vermachte Eveline ihren gesamten Nachlass diesem Freund, der völlig überrascht war, sich aber als Treuhänder verstand und den Nachlass sorgsam aufbewahrte und pflegte.

Nach den Angaben in den Tagebüchern kann hier ergänzt werden, dass Eveline v. Maydell in Portugal an einem Krebsleiden erkrankte, das sie daran hinderte, ihren rechten Arm weiter benutzen zu können. Ihr Versuch, mit der linken Hand zu schneiden, misslang.

Jetzt gilt es zu versuchen festzustellen, was Eveline v. Maydell geschnitten hat „with miniature scissors which seemed too small for human hands to work“ (Rev. Glenn Tilley Morse, Bosion, in seinem Aufsatz „Silhouette a fine Art“, abgedruckt in der Broschüre „Forty-four Silhouettes by Eveline v. Maydell“, Copyright 1943 by C.N. Green, privately printed for C.N.G. by the Murray Printing Company, ohne Seitenangabe).

Blättert man in den Unterlagen im Archiv des Deutschen Scherenschnittvereins in der erwähnten Broschüre von C.N. Green, die dort zu finden ist und nimmt man die Beispiele dazu, die ich im Nachlass sehen konnte, ergibt sich ein eindeutiger Schwerpunkt ihrer Motive:
Personen als Ganzkörpersilhouetten, einzelne oder mehrere zusammen. Wesentliches Merkmal ist dabei, dass diese Personen nicht einfach nur statisch herumstehen oder sitzen. Sie sind stets in einer ganz individuellen, sie ‚absorbierenden‘ Tätigkeit oder Haltung erfasst: Beim Lesen, mit Kindern spielend, als glückstrahlendes Brautpaar, beim Nachdenken, Träumen, am Klavier, auf dem Weg zur Jagd etc.

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Ich gewann den Eindruck, dass sie besonders gerne Damen geschnitten hat, wohl deshalb, weil sie in den Kleidern ihre große Schneidekunst besonders gut und filigran zum Ausdruck bringen konnte. Bei den dargestellten Personen – auch Kinder hat sie gerne und viel geschnitten – handelt es sich überwiegend um namentlich bekannte Persönlichkeiten, was auf Auftragsarbeiten hindeutet.
Ein gutes Beispiel für ihre Eigenart des Schneidens ist in Abb. 3 dargestellt, ein Schnitt aus meiner Sammlung, vom Format (ca. 44 x 37 cm) her wohl einer der größten, die sie geschnitten hat. Dargestellt ist das Brautpaar Connelly and Polly Hoover, 1930.

Aus der gedruckten Broschüre von C.N. Green habe ich zur Vervollständigung folgende Bilder entnommen: „Anne Vanderhoef“ (Abb. 1), „Mr. and Mrs. Robert Coleman Taylor‘, (Abb. 2) .
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Bisher unbekannt dürfte sein, dass Eveline eine große Zahl von Miniaturen und winzigen Vignetten geschnitten hat, die sich im Nachlass, auf vielen Albenblättern aufgeklebt, befinden. Auch hierzu konnte ich drei Aufnahmen machen, dazu einige Beispiele (Abb. 4, 5, 6). (Alle Abbildungen ohne Maßangaben, um Kopien zu verhindern).

 

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Geb. 19.Mai 1890 in Teheran
Gest. 24.12.1962  in Portugal
Autor(in) Dr. Klaus Zentz

5 Antworten

  1. carol Neloy sagt:

    I have a small etching done by Ms. von Maydell approx. 8 x 8 inches named “ I am longing for you“ of a small baby bird longing for a close by butterfly. It was aquired by by mother years ago and I was wondering if you have any information about it…thank you . Sincerely, Carol L. Neloy.

  2. Harriet Danckwerts sagt:

    Als Großnichte von Eveline Maydell besitze ich einige Copien in Originalgröße, die u.a. die Familie meines Vaters darstellen, zwei oder drei Briefe, die sie an meinen Vater schrieb und etliches mehr. Sie war Linkshänderin, die Schmerzen waren im linken Arm. In Russisch- Polen besuchte sie ihre Cousine u. Patin Eveline v.Rennenkampff, geb.Frank.

    • Ich baue ein Archiv auf über Scherenschneider in Deutschland und hätte großes Interesse Ihre Kopien von Eveline Maydell zu erhalten, wenn Sie sie mir diese als Kopien zur Verfügung stellen würden.
      Vielen Dank im Voraus.
      Gruß Christa Weber

    • Birgit Hoops- v. Maydell sagt:

      Hallo Harriet!
      Erst kürzlich kam ich auf diese Seite und las auch Ihren Beitrag.
      Ich beschäftige mich mit dem Nachlass der Eveline v. M. Im Familienarchiv der Maydells und fand heute Fotos der Familien Maydell, Frank und Rennenkampfs. Falls es Sie interessiert, bitte ich um Kontaktaufnahme.

  3. Birgit Hoops sagt:

    Sehr interessiert bin ich an einer Besichtigung der Sammlung Eveline v. Maydell, wo ist eine Besichtigung möglich?
    Ich verwalte den Nachlass dieser Verwandten. Sollten Sie interessiert sein, bitte ich um Kontaktaufnahme.
    Birgit Hoops, geb. v. Maydell

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