Huber Jean

Huber, Jean jean huber

* 13.01.1721 im Schlosse
zu Chambesy am Genfersee
?   21.08. 1786 in Lausanne,
Autor(in) Gertrud Fiege
aus: Vereinszeitschrift SAW 09/10

 

 

 

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Fast immer, wenn die Geschichte des europäischen Scherenschnitts aufgerollt wird, findet Jean Huber Erwähnung, ein Schweizer Maler, Graphiker und Scherenschneider, der 1721 am Genfer See geboren wurde und 1786 in Lausanne starb. Sind Beispiele seiner Kunst abgebildet, dann am häufigsten eine seiner zahlreichen Voltaire-Silhouetten oder geschnittenen Szenen, in denen Voltaire die Hauptrolle spielt.
Recht ausführlich behandelt Thieme-Becker1 den Künstler, der zunächst eine militärische Laufbahn ergriffen hatte, dann zum Falkner ausgebildet worden war und nebenher in der Malerei dilettierte. 1752 wurde er in den Großen Rat zu Genf berufen und ließ sich am Genfer See nieder, zuletzt in Cologny. Der Kontakt zu Voltaire begann schon bei dessen Aufenthalt in Genf ab 1754 und wurde intensiviert, nachdem der Philosoph 1758 nach Ferney gezogen war. In dem nicht persönlich unterzeichneten Thieme-Becker – Artikel über Huber heißt es: „Den Umgang mit Voltaire benützte H., um ihn während 20 Jahren immer wieder zu malen, zu zeichnen oder zu silhouettieren, mit Vorliebe in komischen Situationen, sehr zum Ärger Voltaires, der sich einmal beklagte, H. habe ihn lächerlich gemacht von einem Ende Europas zum anderen. Die Voltaire-Bilder H.s, besonders die Silhouetten, die er in Paris vertreiben ließ, waren von den Verehrern Voltaires sehr gesucht.“ Sie wurden durch Radierfolgen verbreitet2 und gelangten sogar bis zu Friedrich dem Großen und nach Petersburg.

Einen stark anekdotisch gefärbten Bericht über Huber liefert der Schriftsteller Matthisson (1761-1831), heute bestenfalls noch präsent als Verfasser des von Beethoven vertonten Gedichts „Adelaide“. Zu seiner Zeit war er zwischen Wörlitz, der Schweiz, Stuttgart und anderen Orten eine bekannte und wegen geselliger Talente und Vielseitigkeit geschätzte Persönlichkeit. Briefe, die er von seinen zahlreichen Reisen geschrieben hatte, erschienen im Druck. In einem am 3. Juni 1793 aus Grandklos in der Schweiz an einen Hofrat Köpken in Magdeburg verfassten Reisebrief erzählt er von einem blinden Naturforscher, den er kennen lernte, und fährt fort:
„Unser blinder Naturforscher ist ein Sohn des berühmten Huber von Genf, der mit Voltaire in der engsten Verbindung stand (S. 45)… Am hervorstechendsten aber war sein unnachahmliches Talent, mit der einzigen Beihülfe einer Scheere, Landschaften aus Papier zu erschaffen, welche durch Richtigkeit und Schärfe der Umrisse, Reichthum und Schicklichkeit der Anordnung, Zartheit und Luftigkeit der Bäume, und besonders durch die frappante Aehnlichkeit der Portraitfiguren, die er gewöhnlich darin anbrachte, Kenner und Nichtkenner zur höchsten Bewunderung hinreissen. In Genthod befindet sich ein solches Kunstwerk von ihm, das Voltairen vorstellt, der in seinem Lieblingskostume (Schlafrock, Perücke und Pelzmüze), den Pegasus besteigt. Den einen Fuß hat er schon im Steigbügel; und indem er den andern nachzuheben bemüht ist, entfällt ihm der Pantoffel. Seitwärts erblickt man den Parnaß, als das Ziel des zu beginnenden Rittes. An dem Profile dieses Dichters hatte er sich so lange und vielfältig geübt, daß er zulezt im Stande war, dasselbe nicht nur, mit auf den Rüken gehaltenen Händen auszuschneiden, sondern sogar eine Scheibe Brod unter den Zähnen eines Jagdhundes so geschickt zu dirigieren, daß dieser Voltaires Silhouette nagen mußte. Die originelle Art, wie er den nemlichen Kontour auf dem Schnee hervorbrachte, ist bekannt genug, oder kann doch wenigstens sehr leicht errathen werden.“ (S. 47)
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Diese Anekdoten kannte Jean Paul, sei es, dass er sie in Matthissons Briefen gelesen hatte, sei es, dass es noch andere Quellen dafür gibt. Jedenfalls nahm er sie auf und verwandte sie als Metaphern. Dabei brachte er in ein drastisches Bild, was Matthisson nur angedeutet hatte: „… beide (nämlich Städte und Autoren) werden von Reiseschreibern und Rezensenten so unbestimmt und flach abgerissen als Voltaire von jenem Spaßvogel, der unten an seiner Hausthüre in den Schnee pissete – der Gast schattete damit das zackige Gesicht des alten Satirikers in einer leichten freien flüchtigen Zeichnung ab, aber viel zu inkorrekt –; ja oft fällt das Votivgemälde so aus wie der Gesichts-Abriß, den der Maler Huber durch einen Hund besorgte, welchen er an einem hinter dem Rücken vorgehaltenen Papiere so lange raufen und fressen ließ, bis eine Physiognomie in den Fetzen gefressen war, ohne daß Huber sich dabei umsah.“4
An anderer Stelle bringt Jean Paul auch die „Scheibe Brod“, die der Hund angeblich zur Silhouette nagte: „Es gibt allerdings noch einen und den andern Roman- und Lustspieldichter, der an seinem Genie den hungrigen Hund des Porträtmalers Huber besitzt, welcher hinter seinem Rücken dem Thiere eine Scheibe Brod so vorzuhalten wußte, daß es aus ihr so viel herausfraß, bis ein Menschenprofil davon übrig blieb – das Brod war der Marmorblock, und die Zähne der Meißel und Hammer – und dabei sah sich Huber gar nicht einmal um.“5

Zweifellos war Huber ein origineller, vielleicht sogar skurriler Typ. Aber die Geschichten, die die Nachwelt von ihm erzählte oder erst erfand, sagen mehr über Hochschätzung von Virtuosentum und über Sensationslust aus als über Hubers künstlerische Qualitäten. Dagegen zeigen schon wenige Wiedergaben 
huber jean03 seiner Schnittwerke, dass er Einfallsreichtum und Treffsicherheit besaß.6 Er verteilt geschickt Hell und Dunkel zu ausgewogenen Kompositionen mit dekorativ-flächiger Wirkung. Eine teils gezackte, teils im Bogen geführte Umrisslinie trägt zur Lebendigkeit seiner teils in schwarzem, teils in weißem Papier geschaffenen Schnitte bei.
Man darf wohl unterstellen, dass Matthisson Werke Hubers aus eigener Anschauung kannte, weil er den einzelnen Schnitt wie das Charakteristische der Landschaften so anschaulich zu beschreiben weiß. Zeichnungen und Gemälde Hubers erwähnt er nur beiläufig, auf die Scherenschnitte dagegen lässt er sich ausführlich ein. Besaß er vielleicht für Scherenschnitte eine besondere Vorliebe? Seine langdauernde Freundschaft mit der Stuttgarter Scherenschneiderin Luise Duttenhofer könnte dann auch durch das gemeinsame Interesse an dieser Kunstrichtung gefördert sein. Unter den von Duttenhofer Porträtierten begegnet Freund Matthisson besonders häufig, oft in szenischen Darstellungen, auch in solchen, in denen sie ihren manchmal etwas bissigen Humor spielen ließ7. Zum Geschenk machte sie ihm nicht nur einzelne Schnitte, sondern ein ganzes Album mit Schnitten ihrer Hand, einen Folioband mit ursprünglich wohl 50 Schnitten (drei Blätter wurden später entfernt).8

Wann die Freundschaft zwischen Matthisson und Duttenhofer begann, wissen wir leider nicht. Matthissons langjähriger Freund in Stuttgart war der Kameralist Johann Georg Hartmann (1764-1849), der seit 1788 einen Lehrstuhl an der Ökonomischen Fakultät der Hohen Carlsschule in Stuttgart bekleidete. Bereits am 15. 8. 1787 schrieb Matthisson aus Stuttgart an den Hofrat Köpken in Magdeburg: „In Stuttgardt blieb ich einige Tage bei meinem Freunde Hartmann, dessen Familie zu den achtungswürdigsten gehört, die ich kenne.“9
Die 1776 geborene Luise Hummel, später verheiratete Duttenhofer, war 1787 noch ein Kind, das im Haus ihres Großvaters, des Stiftspredigers und Prälaten Johann Friedrich Spittler in Stuttgart aufwuchs. Bei Hartmanns verkehrte sie jedenfalls später als verheiratete Frau regelmäßig, aber sie kann als Enkelin eines angesehenen Stuttgarters auch schon viel früher dort ein und aus gegangen sein. Vielleicht begegnete sie damals schon dem weitgereisten Besucher Friedrich Matthisson. 1794, also ein Jahr nach seinem Reisebericht über Jean Huber, war er wieder in Stuttgart und wohnte der Taufe von Hartmanns erstem Kind bei.10

Da bis heute ungeklärt ist, wie Duttenhofer ihre Begabung zur Scherenschneiderin entwickelte, ob ganz autodidaktisch, ob anhand von Vorbildern oder Unterweisungen, stellt sich die Frage: Könnte es sein, dass Matthisson der jungen Luise von Hubers Kunst erzählte und ihr die Qualitäten seiner Schnitte erläuterte? Wäre es möglich, dass Matthisson Schnitte von Huber besaß, aus der Schweiz mitbrachte und Luise zeigte? Natürlich sind das Spekulationen! Aber vielleicht lassen sie sich irgendwann durch neue Funde erhärten – oder auch ad absurdum führen.

Eine kurze Bemerkung über Huber findet sich auch bei Goethe, doch brachte er grundsätzlich dem Medium Scherenschnitt nicht dieselbe Wertschätzung entgegen, wie es Matthisson tat. Das zeigt ein Beispiel: Als Goethe einen Illustrationswettbewerb ausschreiben ließ, beteiligte sich auch Luise Duttenhofer mit einem Scherenschnitt. Zwar wurde der Schnitt von Goethes Kunstsachverständigem Heinrich Meyer als „in schwarzem Papier artig ausgeschnittenes Bildchen“11 wohlwollend besprochen, aber nicht in die Konkurrenz aufgenommen. Scherenschneiden galt auf dem Weimarer Olymp als Kunstfertigkeit, nicht als Kunst. Dieser Einstellung entspricht, dass Goethe in Briefen von seiner Reise in die Schweiz 1779, also noch zu Lebzeiten Jean Hubers, nur eine Landschaftszeichnung des Künstlers erwähnt12, jedoch keinen seiner Scherenschnitte. Beeindruckt aber hat ihn die Persönlichkeit Hubers: „Wir (…) fuhren erst, Hubern auf seinem Landgute zu besuchen, den Mann, dem Geist, Imagination, Nachahmungsbegierde zu allen Gliedern heraus will, einen der wenigen ganzen Menschen, die wir angetroffen haben.“13


Anmerkungen
1 Thieme, Ulrich und Felix Becker: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler, Leipzig 1907 ff., Art.: Huber, Jean
2 Kopie einer Rötelzeichnung Hubers, eines Porträts von Voltaire, abgebildet in: Voltaire. Exposition organisée à l’occasion du bicentenaire de sa mort, Bruxelles 1978, S. 163
3 Mathisson, Friedrich: Briefe, Zürich 1795, 2. Teil, S. 45-47
4 Jean Paul: Ankündigung des nachstehenden Pestitzer Realblattes, Komischer Anhang zum Titan, Erstes Bändchen. In: Gesammelte Werke, Hist. Krit. Ausg., I. Abt., Bd. VIII, Weimar 1938, S. 241
5 Ders.: Ueber Charaktere, Kleine Bücherschau, 2. Bd. In: a. a. O., Bd. XVI, S. 435 – 436 Die Hinweise auf Jean Paul verdanke ich Winfried Feifel.
6 Knapp, Martin: Deutsche Schatten- und Scherenbilder aus drei Jahrhunderten, Dachau o. J., um 1916, zwei Abb. auf S. 5 Metken, Sigrid: Geschnittenes Papier. Geschichte des Ausschneidens von 1500 bis heute, München 1978, Abb. S. 132 und S. 146
7 Beispiele in: Scherenschnitte von Luise Duttenhofer. Faksimile-Druck von 147 Tafeln aus der Slg. im Schiller-Nationalmuseum / Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Präsentiert von Hans Rühl. Mit einer Einführung von Gertrud Fiege, Aarau 1978, S. 105, 117, 125
8 Koschlig, Manfred: Ein Donum der Duttenhofer. In: Librarium 3. Jg., Heft II, 1960, s. besonders S. 117 Ders.: Auch hier ist Arkadien. In: Librarium 10. Jg., Heft III, 1967. Übrigens war Matthisson Pate von Duttenhofers Sohn Friedrich, ihrem dritten Kind.
9 Matthisson, Friedrich: Briefe, a. a. O., S. 65
10 Ders.: Briefe, a. a. O., S. 83
11 Goethes Werke, Hrsg. im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen, 1. Abt., 49. Bd, Weimar 1898, S. 375
12 Dass., 1. Abt., 19. Bd., Weimar 1899, Briefe aus der Schweiz, S. 261
13 Dass., S. 241

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