Carl Ernst Hinkefuß

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Autor/in Antje Buchwald

 

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Carl Ernst Hinkefuß (1881-1970) – Pionier moderner Werbegrafik

Erst in jüngster Zeit findet das Schaffen Carl Ernst Hinkefuß‘ Beachtung. Dies ist umso erstaunlicher, als er mit der Zeitschrift „Qualität“ (1920-1930) ein programmatisches Medium der Werbegrafik der 1920er Jahre schuf und mit dem Kinderbuch „Mein Vogelparadies“ (1929) beispielhaft für damalige Pädagogik und Kunst stand. Sein Medium war hierbei nicht die Zeichnung, sondern der Scherenschnitt.

 

 

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Geboren 1881 in Berlin absolvierte er eine Ausbildung in den Bereichen Malerei, Grafik und Architektur an der Königlichen Kunstschule und am Kunstgewerbemuseum in Berlin. Ab 1905 arbeitete er als Redakteur und Grafiker bei den Berliner Elektrizitätswerken, danach baute er die Propaganda-Abteilung der Messinstrumentenfirma Dr. Paul Meyer AG auf, einer Spezialfabrik für elektronische Messinstrumente. Nach seiner Übersiedlung 1907 nach Dessau leitete er die Werbezentrale von Junkers & Co.1909 ging Hinkefuß zurück nach Berlin und arbeitete für die Druckerei Kuno Bergmann. Schließlich arbeitete er ab 1910 in Berlin als selbständiger Reklamefachmann. Er gehörte somit zu den frühen Vertretern dieser noch jungen Berufssparte. Einer seiner wichtigsten Auftraggeber war seit 1912 die Berliner Druckerei Otto Elsner, die führender Hersteller hochwertiger Werbedrucksachen war. Hier lernte Hinkefuß den Gebrauchsgrafiker und Buchkünstler Wilhelm Defke (1887-1950) kennen. 1913 unternahm Hinkefuß eine Studienreise in die USA, die ihn nach New York, zu den Niagarafällen, nach Boston, Washington und Philadelphia führte. Besonders interessierte ihn die Arbeitsweise amerikanischer Werbefirmen und Großdruckereien. Reiseimpressionen und -fotografien nutzte er später für einen großformatigen Faltprospekt „HAPAG Amerika Reisen“ (1914), der für die transatlantische Schiffsverbindung warb.

 

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Mit Wilhelm Defke gründete Hinkefuß 1915 die eigene Werbeagentur „Wilhelmwerk“. Auf Grund des Militärdienstes mussten sie ihre Arbeit kurzfristig unterbrechen. Doch wurde Hinkefuß bald krankheitsbedingt ausgemustert und Defke schied bereits im Herbst 1915 aus der Armee wieder aus. In einem Faltblatt beschreiben sie ihre Grundsätze der Werbefirma: „Jedes den Stempel Wilhelmwerk tragende Erzeugnis soll Schönheit und Kraft deutscher Arbeit dartun, um dafür in aller Welt Freunde zu erwerben. Ausgehend vom Fabrikzeichen, dessen grundlegende Bedeutung für alle organisatorischen und werbemäßigen Einrichtungen feststeht, versieht das Wilhelmwerk den Ausbau eines umfangreichen Werbewesens, gleichviel welcher Geschäftsart, durch die Herausarbeitung wirkungsvoller Entwürfe zu Propagandamitteln, sowie die Herstellung dieser selbst.“

In Übereinstimmung mit dem „Deutschen Werkbund“ definierte sich das „Wilhelmwerk“ als „Pflegestätte deutscher Werkkunst“. Der 1907 in München von Hermann Muthesius (1861-1927) gegründete „Deutsche Werkbund“ verstand sich als wirtschaftskulturelle „Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen“. Anliegen war die Suche nach einer neuen durch „Zweck“, „Material“ und „Konstruktion“ bedingten Formgebung („Form follows function“) verbunden mit einer Abwendung von ornamenthaften Formen.

 1919 schließlich wurde Hinkefuß selbst Mitglied im „Deutschen Werkbund“. Die sachlich strenge Formensprache seiner Signets lässt sich auch hierauf zurückführen. Nachdem sich Wilhelm Defke von der gemeinsamen Werbeagentur „Wilhelmwerk“ trennte, gründete Hinkefuß 1920 die Reklameagentur „Internatio G.m.b.H. Internationale Propaganda für Qualitätserzeugnisse“. Schwerpunkt seiner Arbeit war der Entwurf von Markenzeichen; über 400 Originalentwürfe von Schutzmarken und Firmenzeichen haben sich in seinem Nachlass erhalten.

Diese Signets bzw. Markenzeichen mussten wie heutige Logos in einer reduzierten Form eine komplexe Aussage treffen. Hierfür eignet sich besonders der Scherenschnitt, der mit seinen reduzierten Mitteln abstrakte Inhalte visualisieren kann. Hinkefuß schnitt seine Bildzeichen mit der Schere aus Buntpapier (Abb. 2/3). Häufig kombinierte er typografische Elemente mit figürlichen Formen. In dem Signetentwurf „Doppel-R“ schnitt Hinkefuß aus schwarzem und rotem Papier einen stilisierten Adler. Die Flügel des Tieres symbolisiert der Großdruckbuchstabe „R“, den er einmal spiegelbildlich schnitt. Den Kopf des Vogels gab er im assoziierten Profil wieder. Hinkefuß Signets und Markenzeichen bezeugen ihn als Vertreter einer angewandten Moderne und funktionellen Werbegrafik.

Als Eigenwerbung gründete er 1920 die Zeitschrift „Qualität. Internationale Propaganda-Zeitschrift für Qualitätserzeugnisse“; bis 1933 sollten elf Jahrgänge erscheinen. Die durch Firmenanzeigen finanzierte Zeitung erschien nicht im Handel, war nur im Abonnement erhältlich und wurde vor allem gratis verteilt und verschickt. Ab 1925 publizierte Hinkefuß verstärkt Artikel von Vertretern des Bauhauses wie László Moholy-Nagy (1895-1964), denn Hinkefuß stand ästhetisch den Prinzipien des Bauhauses nahe. Auch wenn es sich bei diesen Beiträgen überwiegend um Nachdrucke handelte, so stellt die publizistische Unterstützung einen außergewöhnlichen Beitrag damaliger Rezeption des Bauhauses dar.

 Als „Liebhaberei“ entstand 1929 das Kinderbuch „Mein Vogelparadies“. Es besticht durch seine abstrahierten Formensprache und leuchtenden Farben. Wie bereits bei seinen Signets und Markenzeichen schnitt er auch hier die Bilder aus Buntpapier und applizierte sie auf schwarzen Grund. Der Einbandtitel zeigt einen Mädchenkopf aus geometrischen Formen. Nach einer Hymne auf die Kindheit entfaltet Hinkefuß sein Vogelparadies, indem er 12 exotische und einheimische Vögel vorstellt. Auf der linken Seite stehen jeweils ein beschreibender Reim und rechts das Bild des vorgestellten Vogels.

Für Hinkefuß bedeutete die Technik des Scherenschnitts nicht zuletzt pädagogische Indienstnahme, um Kreativität zu entwickeln. In einem Werbeprospekt hebt er ausdrücklich den „tiefinnern Drang zur künstlerischen Formgebung“ hervor. Weiterhin schreibt er: „Lockt Gestaltungsdrang nachzueifern, genügt einfachstes Werkzeug, von Kinderhand zu meistern, Schere und Buntpapier. Hierin die Phantasie im Anschauen der Natur Raum und Gestalt zu geben und früh zu üben, Wesentliches in der Vielheit zu erkennen, zu gestalten und im Bilde festzuhalten.“

 Formal dürfte Hinkefuß sich an das „Vogel ABC“ von Friedrich Wilhelm Kleuken (1878-1931) orientiert haben. Bereits die Glasmalerin Lily Hildebrandt (1887-1974), Schülerin des Malers Adolf Hölzel (1853-1934) schuf während ihrer Ausbildung an der Stuttgarter Kunstakademie das Bilderbuch „Klein Rainers Weltreise“ für ihren Sohn. Abstrahierte, plakative Formen sollten erzieherisch auf das Auge des Kindes einwirken. Als Vorlagen für die Farblithographien dienten Buntpapier-Schnittbilder.

 Nachdem Hinkefuß 1933 seine Werbefirma aufgab, weil ihm sein modernes Werbedesign den geschäftsschädigenden Ruf des „Kulturbolschewismus“ eintrug, konnte er nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen. So verdiente er in der DDR seinen Unterhalt als Kunstmaler, denn seine Plakatkunst erzielte nur geringe Erlöse.

 

Literatur

Roland Jaeger: Moderne Werbegrafik von Carl Ernst Hinkefuß: ‹Qualität›, ‹Mein Vogelparadies› und das Bauhaus. In: Aus dem Antiquariat NF 7 (2009), Nr.3, S. 151-162.

www.wilhemwerk.de

 

 

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