Gauhl, Giselher

Giselher Gauhlgauhl vor silhouetten

Autor(in) Vera Gaul
SAW 09/10

gauhl-signatur

 

 

 

 

1929 Geboren in Lyck/Masuren

Zur Schere griff Giselher Gauhl erst in vorgerückten Lebensjahren, als bei der Schreibhand zunehmend Blockaden auftraten (langjähriger Gebrauch einer Gehstütze bei umgeschulter Linkshändigkeit). Während der Umgang z.B. mit Stift oder Feder sehr bald Mühen bereitete, war die Handhabung einer Schere problemlos, denn beim Schneiden wird die Fingermuskulatur ungleich weniger beansprucht als etwa beim Schreiben oder Zeichnen.

Giselher Gauhl ist nicht an dekorativer Gestaltung interessiert. Vielmehr strebt er szenisch gebundene realitätsnahe Darstellungen an und sieht daher in seinen Silhouetten nicht Schattenbilder, also Ungreifbares, sondern fassbar Dingliches, Körper aus Fleisch und Blut, wie im Gegenlicht gesehen. Mimik, Haltung und Bewegung müssen dabei von überzeugender Lebendigkeit sein.gauhl06 Das legt eine kompakte, geschlossene Formgebung nahe. Deshalb finden sich in seinen Arbeiten auch kaum Binnenschnitte.

Beispiele seiner großformatigen Blätter (Landschaften und figürliche Darstellungen), im Anschluss an Auslandsreisen entstanden, belegen dies. Solche Schnitte sind durchwegs Ergebnis unmittelbarer eigener Anschauung, entweder durch Skizzen vor Ort festgehalten oder im visuellen Gedächtnis bewahrt.

 

                

 Die Hinwendung zum Silhouettenschnitt signalisiert bei Giselher Gauhl wohl eine Art „Rückzug“, doch dass er zur Passion seiner späten Jahre wurde, liegt vor allem in der Natur des Werkzeugs Schere selbst. Es war der Vorgang des Schneidens, der stimulierend auf Bilderfindung und Formengebung einwirkte. Der scharfe Schnitt, der „Biss der Schere, kann auch zu einer Darstellung mit „Biss“ führen!

Hier eröffnet sich ein breites Spektrum vom Satirischen bis hin zum Makabren. Das ist nicht Jedermanns Sache, aber bei Gauhl traf es auf eine entsprechende innere Disposition. So entstanden neben gauhl01Porträtkarikaturen verschiedene Serien satirischen Inhalts. Zum Beispiel gaben Berichte über „Erfolge“ der Gentechnologie den Anstoß zu einer Folge von „Vorschlägen für Brehms neues Tierleben oder Gentechnik macht’s möglich“. Anlässlich einer Ausstellung Gauhl’scher Silhouetten wurde gesagt, dass da ein „Christian Morgenstern mit der Schere“ am Werk gewesen sei. Tatsächlich hat Morgenstern gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts u.a. eine groteske „Aufzählung“ mit dem Titel „Neue Bildungen, der Natur vorgeschlagen“ geschrieben.gauhl02

Schwerpunkt der Arbeit mit der Schere wurde für Giselher Gauhl in den letzten Jahren die Literaturillustration. In ihr sieht er eine echte Herausforderung durch selbstgestellte Aufgaben. Dabei reizt besonders die „Übersetzung“ des geschriebenen Wortes in eine Bildsprache. Voraussetzung hierfür ist das Vertrautsein mit dem Inhalt und eine ernsthafte Bemühung um das Verständnis der jeweiligen literarischen Vorlage.

Am Anfang stand hier die Vagantenliteratur des Mittelalters, Carmina Burana und die Balladen von François Villon.

 gauhl10Als ergiebig wenn auch hürdenreich erwies sich die von Einfällen strotzende Sprache des großen Barockdichters Grimmelshausen (Simplizissimus, Courasche) mit seinen wüsten Szenarien des Dreißigjährigen Krieges. Die größere von zwei Fassungen der beiden Illustrationsfolgen wurde von der Grimmelshausenstiftung im badischen Renchen für ein Museum erworben.gauhl03

 

Auch Charles de Costers flämischer „Ulenspiegel und Lamme Goedzack“ mit seiner vielschichtigen Symbolik stellte einen harten Brocken dar.

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 Leichter von der Hand gingen die Silhouetten zu Haseks bravem Soldaten Schwejk, der, jegliche Obrigkeit ad absurdum führend, das Vorstellungsvermögen eher heiter beflügelte.

Giselher Gauhl stellt an seine Illustrationen eine grundsätzliche Forderung: Jede ins Bild gesetzte Szene muss am Text überprüfbar sein. Sie soll „auf den Punkt gebracht“ werden, schnörkellos, drastisch und klar.

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