Chillida Eduardo

Eduardo Chillida

* 10.Januar 1924 chilida-fotoin Donostia
(San Sebastian)
? 19. August 2002 in Donostia
Autor(in) Otto Kirchner
aus: Vereinszeitung SAW Nr. 20

 

chillida-signatur

 

Man hat das Gefühl (und das ist wahrscheinlich ein Symptom für echte Kunst), vor etwas
sehr Einfachem und dabei Geheimnisvollem zu stehen und die Aufgabe zu haben, es sich einzuverleiben.
Vilem Flusser

Eduardo Chillida wurde 1924 im baskischen San Sebastian geboren; er gilt als einer der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jh. Berühmt sind Chillidas tonnenschwere Skulpturen aus Stahl. Seit Oktober 2000 steht eine 6 m hohe und fast 90 Tonnen schwere Monumentalplastik vor dem Kanzleramt in Berlin, Sinnbild der deutschen Wiedervereinigung. Neben den großen Plastiken für den öffentlichen Raum gibt es von Chillida kleinere blockartige Arbeiten aus Terrakotta, die er Lurrak nennt. Lurra ist das baskische Wort für Lehm. Aus diesem gelblich-braunen Material hat Chillida auch flache Reliefs hergestellt, mit geometrischen Vertiefungen und zum Teil auch mit schwarzen Strukturen. 1987 hat Chillida begonnen, Arbeiten aus Papier herzustellen, die durch das Wechselspiel von flächiger und räumlicher Wirkung faszinieren. Chillida nennt diese Papiergebilde „Gravitaciones“; er weist damit auf die auch bei diesen eher leichten Gebilden wirksame Schwerkraft hin.

chilida02                                 chillida02

                                         chillida01

Chillida verwendet für diese Arbeiten handgeschöpftes Papier. Zwei oder mehr Blätter dieses dicken und „schweren“ Papiers werden mit einem Faden zusammengeheftet und daran aufgehängt. Das rückseitige Blatt bleibt häufig unbearbeitet, manchmal hat es am Rand rechteckige Abschnitte. Das vordere Blatt ist nicht nur am Rand beschnitten, es hat auch rechteckige und/oder runde Ausschnitte. Meistens ist das vordere Blatt zusätzlich mit schwarzer Tusche bemalt, so dass schwarzweiße Strukturen entstehen. Aus diesen flächigen oder balkenartigen Strukturen sind Öffnungen herausgeschnitten. Sie wirken wie Fenster, bei denen freilich nur das leere hintere Blatt zu sehen ist. Was dadurch jedoch entsteht, ist eine eindrucksvolle räumliche Wirkung. Es ist von einem „Dazwischen“ die Rede, das zum „Philosophieren“ anregt. Man muss die Gravitaciones nicht als Papierschnitte bezeichnen, aber der Schnitt ist mit seinen spezifischen Eigenschaften und mit seiner Schattenwirkung ein wesentlicher Bestandteil dieser abstrakten Papierskulpturen. Sie gehören zu den überzeugendsten Beispielen für die Nähe des Papierschnitts zur Plastik; dabei gehen sie über die Reliefwirkung des klassischen Papierschnitts hinaus. Nicht nur die am Papier wirkende Schwerkraft wird sichtbar, auch die stoffliche Eigenschaft des Papiers, seine Körperlichkeit, ist deutlich zu sehen.

Auch die Gravitaciones ohne schwarze Tuschflächen haben diese plastische Wirkung. Besonders eindrucksvoll wirkt das einfache unsymmetrische Kreuz, zu dem die rechteckigen Aus- und Abschnitte hinführen. Der im Titel erwähnte San Juan de la Cruz war ein spanischer Mystiker und Poet des 16. Jh., der außer Worten auch Taten verlangt hat. Die meisten Gravitaciones haben zusätzlich zu den Ausschnitten schwarze Flächen und Balken, die mit Pinsel und Tusche aufgetragen wurden; meist sind es rechteckige, manchmal auch kreis- oder ringförmige Strukturen (Abb. 2). Diese schwarzen Strukturen sind von intensiver graphischer Wirkung. Sie verstärken zudem die Raumwirkung, besonders dann, wenn die „Fenster“ direkt in die schwarzen Balken hineingeschnitten sind. Diese Fenster öffnen den Blick auf etwas, das eigentlich unsichtbar ist. Der Betrachter muss die „Leere“ mit Bedeutung füllen. Vielleicht ist dies der Grund, warum Interpreten nicht nur die ästhetischen Qualitäten dieser Arbeiten beschreiben, sondern auch auf philosophische und religiöse Inhalte hinweisen. Allerdings sollte man damit eher vorsichtig sein. Von Chillida selber gibt es die Bemerkung: „Ich liebe das Saubere, klar Geschnittene“.

Aus den Arbeiten Chillidas lassen sich einigen, für den Papierschnitt wichtige Gesichtspunkte herleiten:
1. Abstrakte Papierschnitte sind möglich. Sie können sogar besonders eindruckvoll sein und können den Betrachter zu Gedanken anregen, die über das Sichtbare hinausgehen.
2. Ausschnitte bewirken ein „Vorn“ und „Hinten“, einen Wechsel der Bildebene. Der Papierkörper wird dadurch erst richtig sichtbar.
3. Durch freies Hängen werden die besonderen Eigenschaften des geschnittenen Papiers verstärkt. Das „Papierrelief“ kann dadurch Schatten werfen.
4. Schwarzweiß betont den Kontrast, es hat eine andere Wirkung als Farbe.
5. Die Gravitaciones Chillidas zeigen, dass moderne Papierschnitte den Betrachter faszinieren können.
6. Es gibt Bilder, für die der Künstler keinen oder nur einen sparsamen Hinweis auf eine mögliche Deutung gibt. Der Betrachter hat dann die Aufgabe, sich selber Gedanken zu machen. Diese für die Kunst allgemein geltende Eigenschaft gilt auch für den Papierschnitt.

Das könnte Sie auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.