Bruno J. Böttge

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* 11.02.1925
? 05.11.1981
Autor(in) Petra König
aus: Vereinszeitung SAW 22


 

Mit dem Mut des Dilettanten

Bruno J. Böttge – Regisseur und Mitbegründer des DEFA Studios für Trickfilme
An zwei Künstler, die die Traditionen des Scherenschnitts fortsetzten und wahrten, wird mitunter auch im Deutschen Scherenschnittmuseum auf Schloss Lichtenwalde bei Chemnitz erinnert: Lotte Reiniger, die mit Anfang des vorigen Jahrhunderts in der Kinematographie als Erfinderin des Silhouettentricks gilt, und Bruno J. Böttge, der 1951 im Populärwissenschaftlichen Studio der DEFA begann, dieses Genre des Trickfilmes weiterzuentwickeln, und ihm zu internationaler Anerkennung verhalf.
Beide gingen getrennte Wege und waren sich dennoch sehr nahe in ihrer Liebe zur Schwarzen Kunst, deren Akteure sie das Laufen lehrten.

Bei den Vorbereitungen auf die 4. Tage des Silhouettentricks am 5. und 6. Oktober 2002 im Lichtenwalder Museum entdeckte ich im Nachlass Böttges (als seine Tochter verwalte ich diesen seit 1982, ein Hauptteil befindet sich seit Anfang der 90er als Leihgabe im Deutschen Institut für Animationsfilm in Dresden) einen Briefwechsel zwischen beiden wieder. „Lieber Herr Böttge – … Ich habe in allen Zeitschriften, deren ich habhaft wurde, mit großem Interesse und großer Freude von Ihrer Arbeit gelesen – und war immer sehr gerührt davon – mit welchem Respekt Sie von mir reden! Ich meinerseits versäume es nie, wenn ich gefragt werde, ob ich in meinen Lehren Kunstnachfolger gefunden habe, stolz zu antworten: Jawohl, Herrn Bruno Böttge in Dresden. …“

Das schrieb Lotte Reiniger am 7. April 1973 aus New Barnet, Herts in die Elbestadt.
Als sie bereits an ihrem ersten abendfüllenden Silhouettenfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ arbeitete, kam 1925 nahe des anhaltinischen Halle/Saale ein kleiner Junge zur Welt. Er fand Gefallen an den Schatten seiner Hände, von Lichtkegeln an helle Wände geworfen. Und dieses Spiel ließ ihn nicht mehr los. Das war Bruno Böttge.
Er sammelte Scherenschnitt- und Schattenspielbilder, und er begeisterte sich an den Streifen der Ufa, träumte davon, selbst einmal in dieses Metier einzusteigen. Nach dem Krieg kam 1946 die Chance für ihn. Gelernt hatte er Telegrafist, qualifizierte sich zum Kameramann und engagierte sich beim Aufbau der Zweigstelle Halle des Populärwissenschaftlichen Studios der DEFA. boetge_02

Die Liebe zur Silhouette flammte wieder auf. Bald Regieassistent, knobelte Böttge an einem Tricktisch mit von unten beleuchteter Glasplatte, darüber eine Kamera mit Einzelbildauslöser. Der junge Mann zeichnete und schnitt Figuren, sann über passende Fabeln und Märchen nach. – Experimente über Experimente. Erste Silhouettenstreifen entstanden.
„Max und Emil“ sowie „Krähe und Fuchs“ nach einer Krylowschen Fabel waren zum Leben erweckt. Studiochefs und Kulturverantwortliche fanden sich von den Silhouettenfilmversuchen überzeugt.

1951 begann Bruno J. Böttge mit seinem ersten vertonten Märchenfilm „Der Wolf und die sieben Geißlein“. In dieser Zeit schenkte ihm ein Kollege ein zerfleddertes Kulturbuch mit dem Reiniger-Aufsatz „Wie ich meine Silhouettenfilme mache“, dazu zwei Filmkopien von ihr. Böttge studierte die Erfahrungen der Reiniger. Begeistert von ihren reizvollen Scherenschnitten, setzte er sich aber auch auseinander mit filmkünstlerischen Problemen ihrer ersten Silhouettenschritte, denen nach dem Urteil in Fachkreisen noch jene Dynamik fehlte, die über das Aneinanderreihen von Einzelbildern hinaus zu lückenloser, harmonischer Handlung führen sollte.
Mit „dem Mut des Dilettanten im wahrsten Sinne des Wortes“, wie er einmal sagte, und mit dem Nerv für’s Komödiantische erschloss sich der Silhouettenmacher die Welt von Papier und Pappe, von Schere und Messer.

Bereits im Mai 1955 präsentierten sich „Die Bremer Stadtmusikanten“ im zweiten Märchenfilm erfolgreich auch auf der 4. Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche. Fünf Monate später waren „Der Teufel und der Drescher“ von Böttge unter anderem im Versuchsprogramm des Fernsehfunks der DDR zu sehen.
Inzwischen hatten die Trickfilmer aus Halle und Babelsberg – Puppen-, Handpuppen-, Zeichen- und eben Silhouettentrickkünstler – in Dresden ein gemeinsames Domizil gefunden. Böttge war einer der fünf Regisseure, die 1955 das DEFA-Studio für Trickfilme in der Elbestadt gründeten.
Hier gelang dem Regisseur, Kameramann und Animator noch in den 50ern ein gravierender Einschnitt in seinem Schaffen. Er profilierte sich zu seinem eigenen Drehbuchautoren.

Mit „Frechheit siegt nicht“ – ein in die Welt der Urwaldtiere verlegtes modernes Märchen – entwickelte Böttge seinen unverwechselbaren inhaltlichen Zuschnitt auf den Charakter der Silhouette. „Mich reizt an ihr die eigenartige, produktive Widersprüchlichkeit“, meinte er dazu. „Einerseits vermitteln ihre klaren Umrisse meinem Zuschauer eindeutig und unmissverständlich das, was ich ihm sagen will. Andererseits bietet ihm die schattenhafte Fläche der Silhouette weiten Raum für die Entwicklung der eigenen Phantasie (und auch die Möglichkeit, vorgeprägte Vorstellungen von einem dargestellten Gegenstand widerspruchslos unterzubringen).“

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„Die Geschenke des Graumännchens“ – Brot und Schwert, die dem beschenkten Bauernburschen nur dann Glück bringen, wenn er beide fest zusammenhält – bewiesen schließlich, dass ein richtiger Weg eingeschlagen war. Denn 20 Jahre hintereinander befand sich allein dieser Silhouettenfilm im Kinoeinsatz, und er war einer der im Ausland meistverkauften des Trickfilmstudios.

In den Beiprogrammen der Filmtheater, aber auch in den bei Ost-Fernsehguckern sehr beliebten Sendungen von Professor Flimmrich und Meister Nadelöhr waren Filme des profilierten Silhouettenteams um Böttge immer wieder zu sehen. Ihr Zuspruch bestätigte auch das, was bereits 1957 der tschechische Professor Josef Skupa – Vater der Marionettenfiguren Spejbel und Hurvinek – bei einem Besuch des Dresdner Studios zum Ausdruck brachte. Begeistert von den Silhouettenfilmen meinte er: „Zeichen- und Puppentrickfilme machen alle. Wir auch. Aber diese Silhouettenfilme, das ist etwas typisch Deutsches. Das könnt nur ihr machen. Das müsst ihr machen.“

„Nun – zuerst gemacht hat sie Lotte Reiniger“, meinte Böttge dazu. „Ihr fällt das Verdienst zu, uns den Weg geöffnet zu haben für die Fortführung und Pflege dieser Tradition mit den modernen Kommunikationsmitteln unserer Zeit.“ Er sagte dies mit dem eingangs zitierten „Respekt“ (den die Reiniger trotz der territorialen Distanz ihres Wirkungsfeldes in England und dem Böttges in Dresden sehr wohl registrierte) vor internationalen und nationalen Kunst- und Kulturschaffenden, bei Lotte-Reiniger-Programmen in Filmtheatern, im heimatlichen Filmclub oder vor Amateurfilmern und jungen Silhouettenfreunden ehrenamtlich geleiteter Pionierfilmstudios. Und er teilte seine Gedanken auch der Reiniger persönlich mit.
So schrieb Böttge beispielsweise am 23. Dezember 1972 nach New Barnet: „Wir haben hier, im Dresdner Trickfilmstudio der DEFA, die Erfindung’ des Silhouettenfilms durch Lotte Reiniger immer als den spezifischen deutschen Beitrag zum internationalen Trickfilmschaffen gewertet und daraus die Verpflichtung bezogen, diesen Silhouettenfilm als eine Art ,kulturelles Erbe’ zu pflegen. Dieser Aufgabe widme ich mich seit 1951 und ich habe mich dabei immer als Schüler Lotte Reinigers betrachtet, obwohl wir ja nie persönlich Kontakt miteinander hatten. – Sie können sicher sein, dass ich mir große Mühe gebe, meiner Meisterin keine Schande zu machen.“

Auf zwei Wegen blieb er diesem Vorsatz treu. Den einen verfolgte der Dresdner Regisseur auf klassische Weise nach dem Vorbild der Reiniger-Filme. Den zweiten beschritt er mit modernen, abstrahierten Figuren und Formen, die ihm erlaubten, Märchenhaftes in die Gegenwart zu verpflanzen. Einen Höhepunkt erklommen dabei in einer bezaubernden Filmreihe die kleinen Helden „Julius und Julia“, die auf lustige Weise im Guten über das Böse siegen. Nicht zuletzt zeugen auch Filmpreise, Auszeichnungen und Anerkennungen, die Bruno J. Böttge bei Filmfestivals in Montevideo, Rom, Venedig, Cannes, Spanien, Dänemark oder Moskau erhielt, davon, dass er sich erfolgreich seine eigene Handschrift in seinem Metier angeeignet hatte.

Leider war es dem immer wieder selbst Animierenden und Kameraführenden nicht vergönnt, die „letzte Klappe“ zu seinem 50. Silhouettenfilm mitzuerleben. 1981 starb Böttge im Alter von 56 Jahren. Sein langjähriger Animator Manfred Henke beendete „Die kleine Hexe“, eine liebenswerte Zauberin, die ja gar nicht hexen wollte. Er war einer von zahlreichen Mitstreitern in einem künstlerischen Kollektiv, auf deren Engagement Böttge immer wieder schwor. Auf sie konnte er auch setzen in Zeiten, als die Pflege des Silhouettentricks nicht sonderlich gefragt und ihr fester Platz im ostdeutschen Trickfilmschaffen umkämpft war. Die Tradition der Silhouette lebte weiter – bis das DEFA-Studio für Trickfilme Anfang der 90er Jahre seine Pforten schloss.

Das Deutsche Institut für Animationsfilm (DIAF) verwaltet und publiziert den verbliebenen Schatz der Trickfilmschaffenden. So sind auch die Silhouettenfilme aus Dresden heute noch zu sehen; beispielsweise in der ständigen DIAF-Ausstellung im Hause der Technischen Sammlungen auf der Dresdner Junghansstraße oder bei Präsentationen in Kultureinrichtungen zahlreicher Städte der Bundesrepublik erfreuen die traditionellen schwarzen Leinwandhelden ihre Zuschauer. Im Deutschen Scherenschnittmuseum auf Schloss Lichtenwalde bei Chemnitz im Erzgebirge fanden sie seit 2001 einen noch jungen Schauplatz für ihre Aktionen und ein viel besuchtes Podium für ihre lustigen und lehrreichen Streiche.

Und sicherlich wäre Böttge bei den dortigen Tagen des Silhouettentricks auch selbst gern mit von der Partie gewesen, denn Publikumsnähe, der Dialog mit seinen kleinen und großen Gästen, war eines seiner Markenzeichen.

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