Gabriele Basch

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Gabriele Basch: Ornamente der Kindheit

»Die Ornamentik schafft quasi eine Art Zwischen-zone, eine Pufferzone zwischen dem einmal flüchtig Gesehenen und der späteren, zeitversetzten Erfassung des darin versteckten Inhalts.«

Christine Bruckbauer

 

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Die in Berlin lebende und international arbeitende Künstlerin Gabriele Basch (geb.1964) trug maßgeblich zur Renaissance des Scherenschnitts in der zeitgenössischen Kunst bei und wurde
auch vielfach nachgeahmt. Entwickelt aus selbstgeschnittenen Schablonen für ihre Malerei,entstehen seit 1993 großformatige, ornamental strukturierte Cutouts, in denen sich die Künstlerin
mit der   Wahrnehmung von Alltagswelt, Zivilisation und Natur auseinandersetzt. Schnappschüsse  dienen ihr hierbei als Grundlage und Gedankenskizze.

Die fixierten Augenblicke als spontan Gesehenes transformieren sich im langwierigen Prozess des Zeichnens, Schneidens und Lackierens in ein Erinnertes. Das Schnittbild wird zu einem Nachbild. Wallpaintings und Sitzmöbel überführen Schnittbilder und Malereien in ein eigenes bildnerisches System, dessen Bestandteile auch als einzelne autonome Bilder funktionieren.

basch02Arbeitet Basch heute sowohl in ihrer Malerei als auch in ihren Cutouts vorwiegend nonfigurativ, so sollen im Folgenden ältere, figurative Schnittbilder betrachtet werden. In der Serie »Spitze« die 2002 in der Förderkoje auf der Art Cologne erstmals zu sehen war, setzte sich die Künstlerin mit dem Thema Kindheit und Adoleszenz auseinander. Die hauptsächlich weißen, großformatigen und mit etwas Abstand zur Wand installierten halbrunden Schnittbilder sind als Einzelbilder konzipiert, wobei sich auch zwei halbrunde Schnittbilder inhaltlich ergänzen können.

Bei dem Schnittbild »twins« sind zwei Halbrunde zu einem Tondo (Rundbild) zusammengefügt. Die beiden Bildhälften wurden nicht direkt aneinander gesetzt, sondern erzeugen einen Negativraum in der Bildmitte. Die titelgebenden weiblichen Zwillinge stehen sich spiegelsymmetrisch gegenüber und sind in einem engmaschigen Netz aus Logos, floralen Elementen, aber auch Schmetterlingen und Piktogrammen verwoben. Wie in einem Suchbild muss sich der Blick seinen Weg in dem Gewirr bahnen. Einzig die Dichotomie aus Materialität und Immaterialität, aus Positiv und Negativ erzeugten Formen. Doch was sind das für Formen?

In beiden Rundhälften taucht die Figur eines windeltragenden Babys auf. Auffällig ist die wie eine Comicfigur anmutende untere Form in der linken Rundhälfte. Es handelt sich hier um Werbelogos aus dem frühen 20. Jahrhundert. Für die Form des Babys inspirierte Gabriele Basch eine Zeitschrift aus den 1930er-Jahren. Die nächste Figur rekurriert auf einer Verpackung für asiatische Pilze, sodass sich der Hut als ein Fliegenpilz deuten lässt. Die Schmetterlinge warben ursprünglich für ein Haarmittel. Der Zwilling ist einem Strickmusterbuch aus den 1960er-Jahren entlehnt. Aus ihrem ursprünglichen Werbekontext verschoben, werden die Logos wieder zu Bildzeichen, die für sich stehen und keinesfalls ein Produkt bewerben. Sie sind vielmehr Metaphern für eine Konsumgüterindustrie, die bereits das Kind als Konsumenten anvisiert und ihm seine Unschuld nimmt.

Auf den ersten Blick entwirft Gabriele Basch eine schöne, unbeschwerte Welt der Kindheit. Das Geschwisterpaar ist in seine ganz eigene Welt versunken und ornamental mit dieser verbunden. Doch in dieser Welt lauern auch Gefahren. Es ist der Moment vor der Bedrohung, den die Künstlerin festhält. Die bedrohliche Aura wird durch die giftgrün besprühte Hinterseite der Außenseite des Schnittbildes verstärkt, die als farbiger Schatten von der weißen Ausstellungswand reflektiert wird. Ein Schokobraun am Rand auf der Vorderseite des ansonsten weißen Cutouts gibt ihm zusätzlich Kontur und verweist inhaltlich auf eine Süßigkeit.

Historisch betrachtet basieren Baschs Schnittbilder auf Spitzenbildern des 17. Jahrhunderts. Dies sind religiöse Andachtsbilder, entstanden in rheinischen und süddeutschen Klöstern um 1680. Sie dienten als Gebetbucheinlage und zeigten meist das gemalte Bild eines Heiligen, umrankt von geschnittenen Ornamenten. Die Ethnologin und Volkskundlerin Sigrid Metken (geb. 1928) definiert das Spitzenbild als einen »Ornamentschnitt […], der eine Miniatur und fast immer auch eine Schriftkartusche umschließt«. Der Begriff bezeichnete noch um 1900 nur die maschinelle Stanzspitzenware.

 

basch03Gabriele Baschs Ornamentschnitte sind hingegen keine intimen Bildchen zur religiösen Versenkung. Es sind großformatige, gesellschaftspolitische Statements. Ein Ornament ist ein sich seriell wiederholendes geometrisches, vegetabilisches oder animalisches Muster, das einem Trägergrund hinzugefügt wird. Funktion des Ornaments ist es, eine ästhetische Wirkung zu steigern, Flächen zu gliedern, zu akzentuieren, zu beleben, zu rahmen, zu füllen oder zu würdigen. Baschs Schnittbilder sind autonome Ornamente, d. h. sie sind sowohl Bild als auch Trägergrund. Sie sind Muster bei flüchtiger Betrachtung. Nur wer sich Zeit nimmt, kommt der verwobenen Informationsdichte auf die Schliche. Die dem Ornament inhärente Wiederholung und Symmetrie ist bei Basch gebrochen, wie auch keine kontinuierliche Erzählung stattfindet. Es gelingt ihr, mit Hilfe der Technik des Scherenschnitts und des Ornaments verschiedene Zeichensysteme gleichwertig auf eine Ebene zu bringen.

basch04Die in die ornamentale Struktur eingewobenen Informationen und Erzählfragmente einer unbefleckten und unschuldigen Kindheit muten wie Romane des US-amerikanischen Autors Stephen King (geb. 1947) an, in denen harmlose Dinge plötzlich zu Horrorwesen mutieren können. Gabriele Basch schildert eine Kindheit als eine von der Umwelt bedrohte. So thematisiert sie unterschwellig in dem Schnittbild »twins« das Klonen von Lebewesen, zu dessen Symbol das Klonschaf Dolly (1996–2003) als erstes geklontes Säugetier wurde. Heutige Diskussionen um das so genannte Designerbaby sind nicht mehr fern.

Literatur

Christine Bruckbauer: Berauschend für Augen und Geist. In: Agnes Husslein-Arco und Sabine B. Vogel (Hg.): Die Macht des Ornaments. Ausst.-Kat. Belvedere, Wien. Wien 2009, Zitat S. 39.

Sigrid Metken: Geschnittenes Papier. Eine Geschichte des Ausschneidens in Europa von 1500 bis heute. München 1978, Zitat S. 67.

Sabine B. Vogel: Vom Widerspruch im Ornament. In: Agnes Husslein-Arco und Sabine B. Vogel (Hg.): Die Macht des Ornaments. Ausst.-Kat. Belvedere, Wien. Wien 2009, S. 9-23.

 

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