| Name | Tank, Wulfhild |
| Geboren am .. | 1940 |
| Verstorben am ... | . |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 29 |
| Autor(in) | Ursula Kirchner |


Die Ausstellung von Künstlern und
Künstlerinnen des Deutschen Scherenschnittvereins e.V. in Weilburg
hat uns deutlich gezeigt, welche Möglichkeiten im Scherenschnitt stecken.
Besonders angesprochen haben mich die zarten Schnitte von Wulfhild Tank,
so wie uns ein Veilchen unter all den leuchtenden anderen Blumen anrührt.
Die Scherenschnitte von Wulfhild Tank
sind außerordentlich fein und exakt gestaltet, und doch möchte
ich für ihre Arbeiten das beliebte Wort „diffizil“ nicht verwenden
– es ist mir zu gewöhnlich. Bei ihr verbinden sich Gedankliches und
Naturphilosophisches mit Erfindungsreichtum, guter Komposition und ausgefeilter
Technik.
Beim Scherenschnitt ist es möglich,
in einem Schaffensgang ein positives und ein negatives Exemplar zu schaffen.
Diese Möglichkeit nutzt sie mit Bravour.
Ein gutes Beispiel ist der Schnitt „Gemeinsamkeit“
(Abb. 1, s. unten und Abb. 2, s. S. 13 ).
Abb. 1 W.Tank "Gemeinsamkeiten" in weiß (14 x 10 cm) |
Abb. 2 W.Tank "Gemeinsamkeiten" in schwarz (14 x 10 cm) |
Beim Betrachten des schwarzen Schnittes
frage ich mich als erfahrene Scherenschneiderin, wie Wulfhild Tank es geschafft
hat, einen perfekten Gegenschnitt herauszuarbeiten und das auch noch in
dieser wundervollen Feinheit. Noch mehr beeindruckt mich aber die Vollkommenheit
der Komposition.
Um die zentrale Figur, aus deren Zentrum
sternartig Strahlen gehen, kreisen vier weitere Figuren. Man denkt sofort
an Christus und die vier Evangelisten. Die Zahl „Fünf“ steht für
den Kosmos. Wenn man weiß, dass Wulfhild Tank drei Kinder hat, so
könnte man auch sagen, das Bild spiegelt die Gemeinsamkeit einer idealen
Familie wider, deren Zentrum der Vater ist.
„Kosmische Wellen“ (Abb. 3) Auch dieses
ist ein schwarzes Bild. In den weichen Linien, die sich nach oben zu einem
Kreis schließen, schwebt andeutungsweise eine Figur, während
unten vier deutliche weiße Gestalten klein und hilflos zurückbleiben.
Der christliche Bezug ist nicht zu übersehen - handelt es sich um
die Himmelfahrt Christi? Oder könnte es nicht auch die suchende Seele
sein, die aus dem tristen Alltag entfliehen will?
Abb. 3 W.Tank "Kosmische Welten" (11,5 x 8,5 cm) |
Abb. 4 W.Tank "Junges Leben" (18,6 x 12,6 cm) |
Hier möchte ich doch ein wenig aus
dem Lebensgang der Künstlerin berichten.
Ich zitiere: „Jahrgang 1940. Von Kind
an nicht auf eine bestimmte Art der künstlerischen Aussage fixiert;
sie wechselt je nach Situation, Anforderung und Anliegen. Als Dreizehnjährige
lernte ich in der Schule die Technik des Scherenschnitts kennen. Blumenbilder
und Märchen-Illustrationen waren der Anfang in dieser schwarz-weißen
Ausdrucksform, die meinen gedanklichen Vorstellungen am besten entsprach.
Das hauptsächliche Thema meiner Bilder war immer der Mensch in seinem
Verhältnis zu sich selbst und zur Natur. Doch vom Elternhaus her hieß
es: „ Aus Kunst wird kein Beruf gemacht!“ Mein Architekturstudium scheiterte
an der ersten Schwangerschaft!“
Es ist der Werdegang einer Ehefrau und
Mutter, die nie aufgehört hat, schöpferisch tätig zu sein.
Wulfhild Tank zählt auf, womit sie sich abgegeben hat: Gedichte, Märchen
und kleine Geschichten, Blumen- und Kinderbilder, Kunsthandwerk, Nähen,
Herstellen von Püppchen und Tieren, Bleistift- und Kohlezeichnungen,
Töpferarbeiten, Scherenschnitt u. a. m. Die meisten dieser Tätigkeiten
sind sicher eng mit ihrer Aufgabe als Mutter verbunden, wie das Erzählen
von Märchen und Geschichten oder auch das Nähen und das Anfertigen
von Püppchen.
Ihre Themen beziehen sich zunehmend auf
ihre Familie und die Kinder. Dies wird sehr deutlich bei dem Scherenschnitt
„Junges Leben“ (Abb. 4).
Es ist eine „Dreieinigkeit“, denn es sind
drei Kindchen dargestellt, die in den „Uterus“ von drei Blumenzwiebeln
eingebettet sind, die schon begonnen haben zu wurzeln und zu wachsen.
Die Gedanken von Wulfhild Tank kreisen
um Schöpfung, Leben, Geburt; aber auch die Beschwernisse des Daseins
drängen sich auf.
Das Bild „Verhinderte Geburt“ (Abb. 5
auf S.15) zeigt die zwei Seiten des menschlichen Lebens auf eindringliche
Weise. Der interessante Schnitt stellt eine Figur mit Kopf, Armen und Händen
und gegabeltem Schwanz dar, die sich blutegelartig durch Schachtelhalme
windet. Ist es ein Strom, in dem sich viele kleine Menschlein tummeln?
Ist es ein Meerweibchen, das alle diese Wesen noch nicht geboren hat? Eigenartig
ist der Kopf, in dessen Schale ein Embryo gefangen sitzt. Der Hals ist
zu eng für das Kind. Es ist eine Totgeburt. Welche Ängste verbergen
sich hier? Werden hier vergebliche Kopfgeburten beklagt?
Wasser scheint das Lebenselement der Künstlerin
zu sein, denn sie stellt es auf vielfältige Weise dar (Abb. 6).
Abb. 6 W.Tank "Der See" (11 x 11 cm) |
Abb. 7 W.Tank "Aufstieg" (17,6 x 12,6 cm) |
| „Das Wasser des Sees“
Vielleicht, dass es Wollust spürt,
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Bei den meisten Bildern von Wulfhild Tank
ist das Weiche, Fließende dargestellt, das Runde, Weibliche.
Aber nicht alles ist rund in ihrem Leben,
wie uns das Bild „Aufstieg“ (Abb. 7) zeigt.
Der Mann steigt auf und unter der Treppe
ducken sich Mutter und Kinder.
Zum Schluss noch ein schönes Abbild
der männlichen Welt, ein „Hochofen“ (Abb. 8).
Jahrelang hat Wulfhild als technische
Zeichnerin gearbeitet. Diese Welt ist ihr bekannt und sie hat sie auch
perfekt dargestellt.
Abb. 5 W.Tank "Verhinderte
Geburt" (29,4 x 7,8 cm)