| Name | Stubenberg, Rudolf Wilhelm Herr von |
| Geboren am .. | 02.01.1643 |
| Verstorben am ... | 28.01.1677 |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 5 |
| Autor(in) | Claus Weber |
Er ist der am besten nachgewiesene Künstler des 17. Jahrhunderts, hat nur in seiner Kindheit und vermutlich, um andere Wünsche auszuleben, zur Schere gegriffen. Seine faszinierenden, kleinformatigen und kleinteiligen Schnitte können wir im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg und in verschiedenen Veröffentlichungen bewundern. Erst 1905 tauchten Bilder in einer Ausstellung in Berlin auf, seine Initialen wurden lange Zeit irrtümlich als "R. W. Hus" gedeutet.
Erste Künstler im 17. Jahrhundert
Eng mit dem Beginn der Scherenschnittkunst
im deutschsprachigen Raum verbunden sind die Arbeiten des "Erbschencken
in Steyer" Rudolph Wilhelm Herr von Stubenberg1. Zwar war Stubenberg
nicht der erste, von dem Schnittbilder bekannt sind, jedoch sind 61 seiner
Werke im Original oder als Abbildungen überliefert, weitere drei in
Briefen nachweisbar und beschrieben2. Die ersten freien Scherenschnitte
sind in Stammbuchern zu finden, nach derzeitigem Forschungsstand durfte
eine mit schwarzem Papier unterlegte Kreuzigungsszene der älteste
sein. Er stammt von Hieronymus Bechler um 1596 und befindet sich im Stammbuch
des Augsburger Patriziers Philipp Hainhofer.
Damals waren unter anderen Susanna Mayr
(1600-1674) aus Augsburg und Anna Maria van Schurman (1607 -1678), "Juwel
von Utrecht" genannt, tätig. Von ihr sind zwei Schnitte bei S. Metken
abgebildet.3


Kindheit und Behinderung
Der Künstler wurde am 02. Januar
1643 in Preßburg geboren, wohin seine Eltern, wie auch andere evangelische
österreichische Adelige, mehr oder minder regelmäßige Reisen
unternahmen, um lutherische Gottesdienste besuchen zu können. Seine
Kindheit und Jugend verbrachte er auf der Schallaburg bei Melk.
Ein einschneidendes Ereignis war die Lahmung
beider Oberschenkel im zweiten Lebensjahr. Eine dreijährige Kur brachte
zwar Besserung, allerdings blieb am linken Bein eine Behinderung zurück,
weshalb er an "ritterlichen Übungen" nicht teilnehmen konnte. Dies
war um So tragischer, als sein Vater eine weithin berühmte Pferdezucht
betrieb und zu den besten Reitern des Landes zahlte.

Emigration und Reisen
Im April 1663 verstarb der Vater unerwartet
früh, im Frühjahr 1664 zog Rudolf Wilhelm mit seiner Mutter nach
Regensburg, seit den späten zwanziger Jahren ein ausgesprochenes Zentrum
österreichischer Auswanderer. Er wollte den Erbstreitigkeiten und
dem durch die Gegenreformation ausgelösten ständigen Druck zu
konvertieren entfliehen.
Von hier aus trat er im Sommer oder Herbst
des selben Jahres die unumgängliche "Kavalierstour" an, die ihn über
die Schweiz und Frankreich nach Spanien, England, in die Niederlande, über
Hamburg, Westfalen, Sachsen und Böhmen schließlich nach Wien
führte.
Familienvater
Am 13. Februar 1667 heiratete er in Kittsee
Maria Maximiliana von Auersperg (1641-1668), die er vermutlich seit seiner
Kindheit gekannt hatte. Die junge Familie ließ sich in Regensburg
nieder, wo im Dezember 1667 seine Mutter und wenig später bei der
Geburt eines Sohnes auch seine Frau starben. Um sich von den schweren Verlusten
abzulenken, unternahm der Witwer eine siebenmonatige Reise durch Italien.
Am 4. Juli 1670 schloss er eine neue Ehe mit Juliana Wild- und Reichsgräfin
zu Dhaun (1650-1721). Aus dieser Ehe gingen ein Sohn und vier Töchter
hervor, von denen zwei allerdings bald starben.
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Welches Material und Werkzeug
Vor einer Wertung der Kunst Stubenbergs
soll untersucht werden, ob er aus Papier, oder Pergament, mit Messer oder
Schere geschnitten hat. Anhand der Bestande im GNM und ihrer Anfälligkeit
entfallt die Möglichkeit einer eingehenden Untersuchung. Fest steht,
dass alle Arbeiten Stubenbergs aus einem weißen Medium geschnitten
wurden. Nahere Auskunft erhalten wir aus einem Brief Winklers an Birken
vom 22. Juni 1654. Hier schreibt dieser, das im Moment für die Liebhaberei
des Knaben nicht genügend Pergament im Hause sei und erst in einiger
Zeit Nachschub aus Linz erwartet wurde.
Er habe aber seinen bescheidenen Vorrat
herausgesucht und seinem Schuler zur Verfugung gestellt7. Eine
Aussage Joachim von Sandrarts von 1675 gibt auch über das Werkzeug
Auskunft: "ein absonderlicher Künstler in Pergament ausschneiden mit
der Scheer gewest, dergleichen in Europa nicht wird zu finden seyn"8.
Wir können fast als sicher annehmen, das Stubenberg seine überaus
feinen Schnitte mit der Schere aus Pergament geschaffen hat.
Erwähnung von Schnitten
Von Paul Winkler stammen auch die ersten
Nachrichten über dessen künstlerische Tätigkeit. Mit dem
erwähnten Schreiben vom 22. Juli 1654 an seinen Mentor Birken schickte
er diesem "ein par stuklein von meines Jungen herrn unnützen arbeit,
welche er in seinen müssigen stunden weil Er meistentheils sitzen
muß, pfleget zu verrichten"9. In seinem nächsten
Brief an Birken bezog er sich offensichtlich auf dessen Antwort. Er dankte
für das Interesse und Lob für die Scherenschnitte, welches Rudolf
Wilhelm sicher große Freude bereitet hatte, und versprach ihm, dass
er neben dem "geharnischten Manne" bald "eine zirliche Schaferey" erhalten
werde10.
Diese beiden Schnitte sind leider verschollen,
ebenso das Wappen Birkens, welches Stubenberg nach einem zerbrochenen Wachsabdruck
geschnitten hatte.
Die in diesen Briefen gewählten Ausdrucke
"unnütze künste" und "künstliche Lust-Hand-Arbeiten"11
stellen keine Abwertung dar, sondern kennzeichnen die Scherenschnitte als
spielerische Beschäftigung lediglich für Mußestunden 12.
Zeitraum des Schaffens
Der Zeitraum seines Schaffens scheint
nur auf die Jugendjahre beschrankt gewesen zu sein. Der erste datierte
Schnitt, ein Alphabet (Abb. 1) stammt von 1653, Stubenberg war also zehn
Jahre alt. Es ist einer der Schnitte, der durch die geschnittenen Initialen
"R W H V S" für die irrige Namensgebung "R. W. Hus" verantwortlich
waren, Knapp und Bucherer benutzten ihn noch Anfang dieses Jahrhunderts
13.
Wie lange die Tätigkeit Stubenbergs mit der Schere gedauert hat, ist
leider nicht mehr festzustellen.
Nachdem sich sein Gesundheitszustands
im 13. Lebensjahr, also etwa im Jahr 1655, deutlich gebessert zu haben
scheint, ist anzunehmen, dass sich der Jugendliche vermehrt anderen Interessen
zuwandte. Die bereits erwähnte Bemerkung Sandrarts wurde 1675, also
vor Stubenbergs Tod, in der Vergangenheitsform abgefasst. Sie last vermuten,
dass er zu dieser Zeit nicht mehr geschnitten hat.14

Zusammenfassung
Die Scherenschnitte Stubenbergs entstanden
im Zeitraum Von vermutlich nur 3 bis 4 Jahren. In der Auffassung seiner
Umgebung, wohl auch seiner eigenen, stellten sie keine Kunst, sondern Spielerei,
Ersatzbeschäftigung für Mußestunden dar. Trotzdem zeugen
die bekannten Werke von souveräner Beherrschung der Schere und künstlerischem
Einfühlungsvermögen. Seine Schnitte zeigen eine überzeugende
Dynamik und Lebendigkeit. Er verstand es, dem Betrachter seiner Zeit den
Eindruck zu vermitteln, Beteiligter zu sein.
Anmerkungen:
1 Aufsatz Dr. Monika Heffels zur Ausstellung
im Germanischen Nationalmuseum "Mit Messer und Schere" (25.11.73-31.03.74),S.
3
2 Glaser, Silvia; Schnabel, Werner: Künstlerische
Lust-Hand-Arbeit in Zeitschrift für Kunstgeschichte, S9. Band, 1991
Heft 3, S. 309
3 Metken, Abb. 28, 29
4 Bucherer, Max: Spitzenbilder, Papierschnitte
und Portratsilhouetten, Dachau 1920
5 Glaser/Schnabel S.301
6 Bucherer, Max: Spitzenbilder, Papierschnitte
und Portratsilhouetten, Dachau 1920 Knapp, Martin: Deutsche Schatten- und
Scherenbilder aus drei Jahrhunderten, Dachau um 1916, Bucherer, Max: Spitzenbilder,
Papierschnitte und Portratsilhouetten, Dachau 1920 Glaser/ Schnabel, S.
303
7 Glaser/ Schnabel, S. 303
8 Joachim von Sandrarts Academie der Bau-,
Bild- und-Malerey-Kunste von 1675. Leben der berühmten Maler, Bildhauer
und Baumeister, herausgegeben von A[rtur] R[udolf] Peltzer, München
1925, Neudruck 1971, S. 304
9,10,11,12,13 Glaser/Schnabel, S. 303
14 Fußnote 9 und Sandrart, S. 304