| Name | Schwendy, Dr. Jürgen |
| Geboren am .. | 15.05.1911 |
| Verstorben am ... | 04.08.1981 |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 23 |
| Autor(in) | Dr. Claudia Gross-Roath |
Auf einem Schiff sieht der Betrachter etwas
nach links aus der Bildmitte gerückt den griechischen Helden Odysseus
(s. Abb. 1). Die Schere hält just den Augenblick fest, in dem zwei
Gefährten den Weitgereisten mit lasso-artigen Seilen an den Mast binden,
an dem das Segel trost- und windlos herunterhängt. Die beiden Seefahrer
haben alle Hände voll zu tun, um ihren Anführer zu bändigen.
Der ist bereits mit Haut und Haaren dem betörenden Gesang der Sirenen
verfallen. Ungeachtet der Totenköpfe und Gerippe zu ihren Füßen
hat Odysseus nur Augen für die Nymphen links im Bild, die übereinander
in Höhlen untergebracht, ihre Instrumente spielen. Während sich
der Protagonist von den Klängen der Harfe bezaubern lässt, lauert
hinter ihm, zu des Betrachters Rechten ein sechsköpfiges Ungeheuer.
Die scharf-bezahnten Mäuler weit aufgerissen, strecken sich die langen
Hälse der Skylla aus dem Felsendunkel hervor. Im zwölften Gesang
der Odyssee schildert Homer die beiden dargestellten Begebenheiten, die
Schwendy in einem Bild zusammenfasst. Damit erhöht er sowohl die kompositorische
als auch die inhaltliche Spannung: Odysseus ist hier tatsächlich von
Gefahren umringt.
Da im Scherenschnitt Bildtiefe der Reduktion
des Mittels anheim fällt, bedient sich Schwendy der Staffelung des
Bildraumes in die Breite.
Die Illustrationen zur Odyssee schuf der
Autodidakt Jürgen Schwendy 19801. (s. Abb. 2)







Der Scherenschneider veröffentlichte
von 1947 bis 1981 acht Bücher, wovon fünf mit Originalsiebdrucken6
versehen waren, und eine Postkartenserie. (Abb. 10)
Schwendy begeisterte sich für die
Drucktechnik da einerseits durch die matten Schwarzweißdrucke und
die geringe Erhabenheit der Siebdrucke der Charakter des Scherenschnittes
besonders gut herauskommt.‘7 Für wenigstens vier dieser
Bücher fertigte Mory und Meyer, München, die Siebdrucke an. Daher
wurde, obgleich sie verschiedene Formate aufweisen, für alle das gleiche
Papier verwendet.
Zuerst veröffentlichte Schwendy „So
leben wir in Afrika“ (Peter Hartmann Dresden), zwei Jahre später in
einem Leipziger Verlag (Volk und Buch) „Die grosse Reise“. Beide Bücher
befassen sich mit der Tierwelt. Im ersten Buch, das er für das Lesealter
zwischen 6 und 10 Jahren konzipierte, werden die Tiere in ihrer Heimat
Afrika gezeigt, während das zweite ihr Leben in einem deutschen Zoo
zum Inhalt hat. Seine Kinder und die gemeinsamen Zoobesuche inspirierten
ihn zu dieser Thematik, zu der er 30 Jahre später mit „Der Freiheit
Lust in Afrika“ zurückkehrte. 1957 erschien im Altberliner Verlag
Lucie Groszer ein Bilderbuch nach Originalscherenschnitten „Der alte Wang“8.
(Abb. 9)
Die Abbildungen darin sind in Originalgröße
wiedergegeben. Sie erzählen die Geschichte von dem alten dicken Chinesen
Wang, der auf Brautschau geht. Unterstützt werden die beredten Illustrationen
durch die Verse, die Walter Krumbach nach Schwendys Angaben verfasste.
Das Buch, in dem der reiche garstige Wang zuerst die Braut und dann seinen
Reichtum verliert, wurde 1972 in Frankfurt (Roter Druckstock) ein zweites
Mal verlegt. Und noch ein weiteres Mal entführt Schwendy seinen Betrachter/Leser
ins Ausland. Beim „Der Tod des Gauklers“ handelt es sich nach Selbstaussage
Schwendys um ein indisches Märchen mit eigenen Versen versehen unter
dem Gesichtspunkt, den heranwachsenden Kindern ein Verständnis für
die Denkungs- und Lebensweise des indischen Volkes zu vermitteln. Gleichzeitig
das Bestreben, die Feinheit und Zartheit des Scherenschnittes auf die Spitze
zu treiben9. Die Postkartenserie „Gesund und froh, mach‘s ebenso“
(s. Abb. 10) entstand um 1950 für das Hygiene Museum in Dresden. In
diesem speziellen Falle verbanden sich Beruf und Scherenschnitt. Schwendy
erwähnt des weiteren vier unveröffentlichte Scherenschnitt-Serien:
„Die neue Heimat“ (1948; 17 Scherenschnitte), „Dschungelgeheimnis“ (o.J.;
52 Scherenschnitte), „Robinson heiratet“ (o.J.; 45 Scherenschnitte) und
„Die Kinder des Zeus“ (o.J.; 40 Scherenschnitte)10. Die zahlreichen
Einzelschnitte, die Schwendy neben den Illustrationen schuf, befinden sich
hauptsächlich in privater Hand.



Ausstellungen:
1959 Scherenschnitt-Ausstellung bei Gurlitt,
München
1980 Ausstellung der Originalscherenschnitte
„Die Odyssee“ in den Räumen der Residenzbücherstube, München,
anläßlich der Veröffentlichung des Buches bei Langen Müller
1983 Stadtmuseum München „Licht und
Schatten“
Anmerkungen:
1 Homer: Die Odyssee in Scherenschnitten.
München/Wien (Langen) 1980
2 Eine weitere Ausnahme sind Kleider und
Blumen als Haarschmuck in „Der alte Wang“
3 Franz von Assisi ist mit handschriftlichen
Texten versehen.
4 Die Illustration ist auch in Happ, Alfred:
Licht und Schatten. Scherenschnitt und Schattentheater im 20. Jahrhundert.
München (Ausstellungskatalog) 1983 S. 75 abgebildet.
5 Berg, Gina: Eine kleine Schere als Lebensbegleiter.
Süddeutsche Zeitung 2.5.1980 S. 20
6 Musikalische Friedensträume 1970;
Der Tod des Gauklers 1972; Der Freiheit Lust in Afrika 1976; Franz von
Assisi 1978; Homer: Die Taten des Herakles 1981. Es handelt sich um selbstverlegte
Werke.
7 Schwendy, Jürgen: Dreiseitiges
Typoscript zu seinen Veröffentlichungen, ca. 1980 S. 2
8 Die Abbildungen der Scherenschnitte
in dem Buch sind in Originalgröße wiedergegeben.
9 Schwendy, Jürgen: s.o. S. 2
10 Schwendy, Jürgen: s.o. S. 3