| Name | Schopenhauer, Adele |
| Geboren am .. | 12.06.1797 |
| Verstorben am ... | 17.04.1849 |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 01 |
| Autor(in) | Christa und Claus Weber |
Ihr Leben
Adele, mit vollem Namen Luise Adelaide
Lavinia Schopenhauer, Tochter der Schriftstellerin Johanna, Schwester des
Philosophen Arthur wurde am 12. Juni 1797 in Hamburg geboren. Nach dem
Freitod des Vaters zog ihre Mutter 1806 mit der Neunjährigen nach
Weimar, wo sie sich durch ihr couragiertes Auftreten Respekt und Anerkennung
der Gesellschaft erwarb. Ihr Haus wurde zum Mittelpunkt des geistig-gesellschaftlichen
Lebens. Der Höhepunkt dieser Gesellschaftsabende bei Johanna Schopenhauer
am Theaterplatz war die Zeit Von 1806 bis 1813.


Ihre Scherenschnittkunst
Im Haus der Johanna Schopenhauer, wo künstlerische
Interessen eifrig gepflegt wurden, wo Männer wie Fernow, Meyer, Falk,
Bertuch, die Malerin Caroline Bardua, selbst der alte Wieland und vor allem
Goethe ständig verkehrten, erregte Adele bald allgemeines Aufsehen
durch ihre lebhafte, anziehende Art, durch ihren für alles Schöne
empfänglichen Sinn und vor allem durch ihre Geschicklichkeit im Erfinden
und Schneiden von Silhouetten. Sie hat in der Hauptsache den freien Schnitt
gepflegt. Goethe schrieb zu manchen ihrer Scherenschnitte begleitende Verse,
so im April 1818 in „Eine Sammlung künstlich ausgeschnittener Landschaften“
Zarte, schattende Gebilde,
Fliegt zu eurer Künstlerin.
Da& sie, freundlich, froh und milde
Immer sich nach ihrem Sinn
Eine Welt von Schatten bilde;
Denn das irdische Gefilde
Schattet oft nach eignem Sinn
Eine Schattengabe Adelens an den Maler und Zeichenlehrer Rösel versah er mit folgenden neckischen Zeilen:
Schwarz und ohne Licht und Schatten
kommen, Roseln aufzuwarten,
Grazien und Amorinen;
doch er wird sie schon bedienen. Weiß
der Künstler ja zum Garten
die verfluchtesten Ruinen
umzubilden, Wald und Matten
uns mit Linien vorzuhexen;
wird er auch Adelens Klecksen,
zart umrißnen, Licht und Schatten
solchen Holden Finsternissen
freundlich zu verleihen wissen.


Die frühe Bekanntheit Adele Schopenhauers
erkennt man daran, dass bereits 1820 Silhouetten zu einem Rätsel-Alphabet
in „Beckers Taschenbuch zum geselligen Vergnügen“ abgedruckt wurde
(Abb. gegenüber). Die Originale sind nach unserer Kenntnis nicht mehr
aufzufinden. Danach hat es lange gedauert, bis endlich einige ihrer zauberhaften
Kunstwerke bekannt wurden. 1912 und 1920 konnten zwei Alben mit Phantasieschnitten
wieder entdeckt werden. Bereits 1909 waren mit ihren „Tagebüchern“
eine Menge winziger Herrlichkeiten veröffentlicht worden. Von ihren
anderen Illustrationen ist nur wenig wieder aufgetaucht, ob wohl Literaturstellen
belegen, dass Adele allerlei derartiges schnitt. Zum Beispiel Schnitte
zum „Zauberlehrling“, „West-Östlichen Divan“, zum Epos „Olfried und
Lisena“ von August Hagen. Als größter und schönster gilt
der zu Goethes „Hochzeitslied“ (s. oben), der Ballade vom zurückkehrenden
Grafen, in dessen verödetem Schloss sich ein Zwergenvolk eingenistet
hat und da sein Wunderwesen treibt. Aus einer Tagebuchstelle Goethes vom
27.Juli 1820 geht hervor, dass er selbst „das Lokal zu Adelens Zwergenfest
gezeichnet“. Von ihm waren lange Zeit nur literarische Belege vorhanden,
erst in den 20er Jahren wurde es auf dem Boden des Reithauses in Weimar
aufgefunden. Es nimmt eine Sonderstellung ein, allein durch seine Größe,
denn A. Schopenhauer schnitt gewöhnlich nur kurze, vignettenhafte
Sachen, eine Elfengruppe, eine Psyche, Amoretten.
Die Bedeutung Adele Schopenhauers, der
Zeitgenossin von Luise Duttenhofer (1776-1829), Bettina von Arnim (1785-1859)
und Karl August Varnhagen van Ense (1785-1858), formuliert Dr. Hans Timotheus
Krober in Weimar am 11.März 1913 folgendermaßen: „Diese Schattenbilder
sind nicht nur der Ausdruck einer liebenswürdigen Persönlichkeit,
das Werk einer jener anziehenden geistvollen Frauengestalten des klassischen
Weimar, sie spiegeln vielmehr eine ganze literarisch-künstlerische
Zeitströmung wieder. Formell genommen sind sie Produkte des Übergangs
vom Klassizismus zum Biedermeierstil, inhaltlich stehen sie bereits völlig
unter dem Einfluss der Romantik mit ihrer ausgesprochenen Vorliebe für
den Geisterspuk und Hexenzauber einer Walpurgisnacht, für eine orientalisch-phantastische
Märchenwelt. Als besten Beleg dafür erwähnen wir nur die
Illustration zur „Indischen Mythe des Kandu“, die Adele durch den Romantiker
Schlegel kennen lernte, aber leider nicht vollendete. Sie sind ein Meisterstück
der Silhouettenkunst überhaupt und bedeuten eine neue Stufe, über
die hinaus bis jetzt kein Fortschritt gemacht worden ist. Im Gegensatz
zu jener Silhouettenkunst des 18. Jahrhunderts, die entsprechend den anthropozentrischen
Neigungen der Zeit, besonders unter Lavaters Einfluss, sich fast durchweg
der Portraitsilhouette zuwandte, findet hier eine Wandlung zugunsten stimmungsvoller
Landschaftsbilder und genrehafter Darstellungen statt, eine Vorahnung Schwindscher
Malerpoesie, und es dürfte sich wohl lohnen, wenn alle die auf diesem
Gebiet doch verborgenen Schätze erst ans Licht gefördert worden
sind, auch den Silhouetten der Adele Schopenhauer in Zusammenhang mit der
Geschichte der Silhouette in Deutschland einmal eine umfassende Würdigung
zu teil werden zu lassen.“
Verwendete Literatur.
Arbeiter, Bruno. „Rätsel deutscher
Dichter“, Potsdam 1939
Becker, Karl W.. „Haus- Wald- und Feldmärchen“,
Hanau 1987
Houben, H.H.. „Tagebuch einer Einsamen“
(1921), München 1985
Houben, H.H.. „Gedichte und Scherenschnitte“
(2 Bände), München 1920
Kästner, Erhart: „Scherenschnitt-Illustration“,
Dresden 1936
Kroeber, Hans. „Das Silhouettenbuch der
Adele Schopenhauer“, Weimar 1913