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Künstler
Schaumann, Ruth
| Name |
Schaumann, Ruth |
| Geboren am .. |
24.08.1899 |
| Verstorben am ... |
13.03.1975 |
| Vereinszeitung Ausgabe |
SAW 13 |
| Autor(in) |
Ronny Willersinn |
Jahre nachdem sie 1975 gestorben war, begann
durch die Begegnung mit ihrem Werk meine Beziehung zu dieser Künstlerin
zu wachsen – so intensiv, als wäre ich ihr noch zu Lebzeiten persönlich
begegnet. Ihre Gedichte und Prosatexte hinterließen tiefe Spuren,
und die Scherenschnitte hatten wesentliche Einflüsse auf meine eigene
Scherenschneiderei. Ein persönliches Gespräch mit ihrem jüngsten
Sohn, Andreas Fuchs, und seiner Frau und das „greifbare” Erleben einiger
ihrer Werke in dem Haus in München, in dem sie lange Jahre gelebt
hatte, ließen in diesem Jahr vieles noch lebendiger und verstehbarer
werden und verdichteten sich zu diesem Artikel – dank der großzügigen
und freundlichen Hilfe von Familie Fuchs – nicht durch Zufall gerade jetzt
in Schwarz Auf Weiss: Es ist ein Gedenken an den 100. Geburtstag der Künstlerin.
Ruth Schaumann – wer mit diesem Namen etwas verbindet, tut das vielleicht
nicht in erster Linie in Zusammenhang mit Scherenschnitten, vielleicht
eher aufgrund einer Begegnung mit ihrer Pietà in der Frauenfriedenskirche
Frankfurt, mit einer anderen ihrer zahlreichen Plastiken oder einem Holzschnitt-Zyklus,
mit ihren Gedichten oder einer anderen der über 90 literarischen Veröffentlichungen.
Scherenschnitte aber waren in dem weit gespannten Bogen des 75jährigen
Künstlerinnenlebens ein wichtiger Bestandteil, auf den hin ihr reiches
und erfülltes Leben hier besonders beleuchtet werden soll.

Prägende Kindheitsjahre
Ruth Schaumann entstammte väterlicherseits
einer hannöverschen Offiziersfamilie (der Vater Major und 1917 bei
Verdun gefallen), mütterlicherseits einem alten niedersächsischen
Geschlecht, durch Generationen Mühlenbesitzer in der Ülzener
Gegend. So wurde sie am 24. August 1899 in Hamburg als zweite Tochter der
Elisabeth Becker und des Offiziers Kurt Schaumann geboren und verlebte
ihre Kindheit in der kleinen elsässischen Garnisonsstadt Hagenau und
in der großelterlichen Mühle am Rande der Lüneburger Heide,
zusammen mit zwei Schwestern – ein Bruder war bereits als Kleinkind verstorben
– und später für Jahre ohne die Geschwister wieder in Hamburg.
Doch der frühe Tod des Bruders sollte nicht die einzige Leid-Erfahrung
ihrer Kindheit bleiben: 1905 an Scharlach schwer erkrankt, verlor sie mit
sechs Jahren ihr Gehör, was ihr Leben außerordentlich prägte
– zum einen durch frühes, tief empfundenes Leid, zum anderen durch
eine Form innerer Einsamkeit, wie sie sich vielleicht auch in der Interpretation
des Robinson–Themas ausdrückt, ein „Nach-innen-gerichtet-Sein”, das
ihre künstlerische Entwicklung vertiefte oder gar initiierte, zumindest
aber auf einen ganz eigenen Weg brachte (siehe das Titelbild: „Robinson“).
Künstlerische Ausbildung
Dass aus der so früh erlittenen
Behinderung für Ruth Schaumann kein Nachteil erwuchs, verdankt sie
sicherlich zum Teil der begüterten Familie, die durch entsprechende
Privatlehrer ihre Talente fördern konnte. Als alle Zeichen ganz klar
in Richtung einer künstlerischen Laufbahn wiesen, übersiedelte
sie 1917 nach München und besuchte dort eine private Kunstschule,
was sich allerdings im Schwerpunkt Akt- und Modezeichnen nicht als die
ihr gemäße Ausbildung erwies. Zu sehr hatte sie bereits ihre
Befähigung auf schöpferisches, zutiefst religiös geprägtes
Arbeiten und an den großen künstlerischen Inhalten ausgerichtet.
Ihr mit 20 Jahren veröffentlichtes literarisches Erstlingswerk „Die
Kathedrale” zeigt die Entwicklungen dieser Zeit – in der darstellenden
Kunst verlief vieles parallel. Eine Mehrfachbegabung auf vielen Gebieten
drängte danach, sich zu entwickeln, und der damalige Direktor der
Münchner Kunstgewerbeschule Riemerschmied erkannte und förderte
diese Talente: 1918 trat Ruth Schaumann nach bestandener Aufnahmeprüfung
in die Bildhauerklasse von Prof. Wackerle ein. 1920 schuf sie ihre beinahe
lebensgroße Lindenholz-Plastik „Verkündigung” (Abb.2), die dieses
in der bildenden Kunst tausendfach bearbeitete Motiv in ungewöhnlich
neuer Sichtweise darstellt und die beiden handelnden Figuren, statt sie
einander gegenüber zu stellen, zu einer anrührenden Einheit verschmelzen
lässt. Dieses Werk gab den Ausschlag, sie 1921 zur Meister-Schülerin
zu ernennen. In dieser Zeit entstanden eine Vielzahl von ausdrucksstarken
Plastiken, Reliefs, Bronzen, Terrakotten und Holzbildwerken. Vorherrschende
Themen waren vor allem die tiefe religiöse Verwurzelung der Künstlerin,
biblische Inhalte, ein immer neuer Blick auf alle Facetten des Menschseins
und auf die eigene reiche Gefühlswelt.
Dichterin und bildende Künstlerin
Ein Durchbruch zur notwendigen Öffentlichkeit
erfolgte 1923 mit dem Aufsatz „Ruth Schaumann: Plastik und Dichtung” von
Dr. Friedrich Fuchs, dem Schriftleiter der katholischen, aber alles andere
als bigotten, der kritischen und eher im Verdacht des „Modernismus” stehenden
Zeitschrift „Hochland”. Es war ein Blick auf ihr Werk aus nächster
Nähe – 1924 heirateten der Kritiker, Romantikforscher und Hochland-Redakteur
Dr. Fuchs und die Dichterin und bildende Künstlerin Ruth Schaumann.
Die Ehe war von einer außerordentlich innigen und liebevollen Beziehung
getragen. Es entstammen ihr fünf Kinder. In einfühlsamen Liebes-,
aber auch Wiegenliedern (kleinen Versen samt kindhaften und doch tiefsinnigen
Illustrationen) schlug sich dies künstlerisch nieder. Ihre Ehe beeinflusste
das Leben der Künstlerin auf vielfache Weise, nicht zuletzt in der
Konversion zur katholischen Konfession im Jahr der Eheschließung
– wobei der Katholizismus, der religiöse Inhalte viel eher mit allen
Sinnen umfußt als der Protestantismus, ihrem Wesen sicher immer schon
näher war, so wie ihr religiöses Gedankengut in ihrem gesamten
Werk eher „sinnlich” als „verkopft” erscheint.
Durch die fundierte Kritik des Literaturkenners
herausgefordert, begleitet, gezähmt und geweitet, entstand eine Fülle
von Werken, deren zentrale Themen Liebe, Leid und das Reifen an beiden
in tiefgründig-symbolhafter, musikalischer und doch oft volksliedhaft-einfacher
Sprache entfaltet werden. 1931 wurde Ruth Schaumann mit dem Dichterpreis
der Stadt München ausgezeichnet – Thomas Mann soll nicht unmaßgeblich
darauf hingewirkt haben. Ebenso umfangreich und gereift war das bildnerische
Werk, das in diesen Jahren entstand – vieles davon Grafik, die die eigenen
Texte illustrierte.

Das Scherenschnitt-Werk
Viel zu früh verstarb der geliebte
Partner, Kritiker und ihr Gegenüber Dr. Fuchs im Jahr 1948. Betrachten
wir aber die Zeit dieser Ehe, so fällt auf, dass gerade in diese Jahre
sämtliche Scherenschnitt-Veröffentlichungen fallen. Es ist nicht
nachweisbar, aber davon auszugehen, dass sie vor allem danach, aber evtl.
auch vor dieser Zeit geschnitten hat. Dass aber die Veröffentlichungen
sämtlich in die Zeit der Ehe fallen, ist sicher kein Zufall. Dr. Fuchs,
der Brentano-Experte, kannte und schätzte sicherlich eine Vielzahl
guter Scherenschnitte. Es waren ihm gewiss die Scherenschnitte der Bettina
von Arnim (geb. Brentano und Schwester von Clemens Brentano) bekannt und
aus deren Umfeld wohl auch die Arbeiten der Zeitgenossen Adele Schopenhauer
und Varnhagen von Ense begegnet. Auf diese Weise mit der „kleinen schwarzen
Kunst” konfrontiert und zur Herausgabe der eigenen Schnitte ermutigt, bekamen
sie im Leben der Künstlerin einen deutlichen Stellenwert.
Als erste Veröffentlichung in diesem
Bereich findet sich „Das Schattendäumelinchen” von 1933, eine Andersen
– Nachdichtung für die Ohlendorf-Schattenspiele. Die Abb. 3 bis 6
sind vier von sechzehn Schattenrissen – wohl eher Tuschzeichnungen als
Scherenschnitte, aber doch ganz aus der Formenwelt der späteren Schnitte.
„Lorenz und Elisabeth”, ein 1936 entstandenes
Kinderbuch ist zwar nur mit einem Scherenschnitt bebildert, sei hier aber
wegen des inhaltlichen Zusammenhangs erwähnt, der sicher wie die meisten
Werke der Künstlerin autobiografische Züge trägt und ihre
innige Beziehung zum Scherenschnitt deutlicher macht: In dieser trotz allem
Ernst humorvollen Kindergeschichte, die sie im Untertitel „eine schattige
Geschichte” nennt, hat der Schuster Schadenfroh seinen Namen satt und tauscht
sein „d” höchst amtlich und amüsant gegen „tt”. So wird aus dem
neuen Namen Schattenfroh ein Omen für die gerade geborene Tochter
Elisabeth. Viele Wortspiele ranken sich um die Begriffe „Schatten”, „schwarz”,
„Dunkel” und deren hintergründige Bedeutung (wie sich überhaupt
diese Begrifflichkeit in vielen Variationen im gesamten literarischen Werk
wieder findet) – Elisabeth verunglückt und liegt gelähmt zu Bett.
Nur die kleinen Hände bleiben beweglich und indem ihnen eine Schere
und schwarzes Papier zufallen, entdeckt Elisabeth eine neue Welt: die der
Schatten. Die Faszination ihrer Scherenschnitte erreicht die ganze Familie
und gibt dem Namen Schattenfroh eine doppelte Bedeutung: froh an und in
Schatten. Eine Freude, die sich weitergibt – in einem Lämmchen für
den Pfarrer zum Beispiel, oder in einem „Sträußchen Schatten”
für die Bürgermeistersfrau.
Im 1935 im Herder-Verlag erschienenen
Mädchenbuch „Der Kristall” findet sich ihre Geschichte „Die 17 Kapitel
von der Liebe zu Tiekletie” mit 8 Scherenschnitten. Immer stärker
wird die Formensprache sichtbar, die auch die Holzschnitte und Zeichnungen
dieser Zeit charakterisiert: Ein wenig gotisch anmutend, mit diesen schmalen,
hoch ausgerichteten, zum Himmel sich wendenden Personen, ihren filigranen
Handhaltungen und dem Faltenwurf, und dann doch auch wieder ganz eigen.
Ihr Biograf Rolf Hetsch führt das darauf zurück, dass ihrem Wesen
etwas von diesem „hingebungsvoll frommen Ausdruck”, einer seelischen Grundlage
mittelalterlichen Handelns und Denkens eigen sei. Allerdings findet er
in ihrem Werk auch expressionistische Züge – sicher mit ebensolchem
Recht.

„Leben eines Weibes, das Anna hieß”
(1936) ist ein 21-zeiliges Gedicht, mit ebenso vielen Scherenschnitten
illustriert (Abb. 7). In Einfachheit, beinahe Kargheit, ohne Pathos und
doch großer Tiefe zeigt es Lebensstationen einer Frau. Aus den nun
folgenden Kriegsjahren – sehr schweren Jahren für die Familie Fuchs-Schaumann,
denn der Redakteur des Hochland wurde mit seinem allzu deutlich antifaschistischen
Gedankengut unbequem und „entfernt” – entstanden eine Vielzahl unterschiedlichster
Scherenschnitte, von denen allerdings viele nicht mehr auffindbar sind,
da weder Kopien noch Doppel existieren, denn Ruth Schaumann skizzierte
ihre Arbeiten flüchtig auf der Rückseite und arbeitete sie dann
in großzügigen Formaten, immer in einfacher Ausfertigung, ohne
gefaltetes Doppel. Wir wissen von einem Schattenkalender aus dem Jahr 1940.
Der Sohn berichtet davon, wie die Familie sich 1943 – 1946 durch Hilfe
einer befreundeten Familie in St. Märgen im Schwarzwald aus München
zurückziehen konnte, und wie in dieser schwierigen Zeit viele Engel,
Heilige und Andachtsbilder (Abb. 8) entstanden und gegen die für eine
siebenköpfige Familie mit erwerbslosem Vater lebenswichtigen Eier,
Brot und Mehl eingetauscht wurden – volkstümliche Scherenschnitte,
die auf vielen Höfen noch heute ihren festen Platz behalten haben.
Kunst
ins Elementare übersetzt. Und spätestens hier wird deutlich,
dass ein Bild von Ruth Schaumann, wie es aus einer bestimmten Sicht gezeichnet
wurde, so nicht stimmen kann: Sie war nicht die Zerbrechliche, Verklärte
und der Welt Entfremdete, sondern konnte ihre erhaltene Kindlichkeit mit
tiefer Einsicht ins Leben verbinden und als unerhört starke Person
die „Schatten” ihres Lebens meistern. So wird von ihrer Familie auch deutlich
diese gar nicht tief ernste und leidgebeugte Seite an ihr betont: All das
Humorvolle, Lebensvolle und ihr „Trotzdem Ja zum Leben”. So mögen
trotz aller Belastungen der Kriegsjahre auch eine Anzahl leichter, humorvoller
Schnitte (Abb. 9) aus dieser Zeit stammen, wie sie mir in einer Mappe im
Familienbesitz und auf Kartenserien begegneten. Ihr ganz eigener Humor
äußert sich in einigen literarischen Werken, in bildenden Kunstwerken
aber kaum – so als bedürfe sie, um ihn auszudrücken, der kleinen,
menschlichem Licht und Schatten so nahen Kunst des Scherenschnitts. Wie
mühelos dieser Humor, das Kind-gebliebene und der tiefe Ernst eines
Lebens mit Behinderung und verfrühter Witwenschaft sich zu einem verbinden,
das zeigt noch einmal das letzte veröffentlichte Scherenschnittwerk,
die „Kleine Schwarzkunst”, dem die Abb. 10 und 11 entstammen.
Viel Literatur und bildende Kunst schuf
und veröffentlichte Ruth Schaumann noch in den Nachkriegsjahren. Gewürdigt
wurde dieses Werk 1959 mit dem Bundesverdienstkreuz 1.Klasse und einigen
weiteren großen Auszeichnungen, aber vielleicht doch nicht mehr in
dem Maß beachtet, wie die Künstlerin es sich gewünscht
und verdient hätte. Es war nicht mehr die Zeit, in der die leisen,
tiefen Töne gehört wurden – und auch nicht die Zeit für
Scherenschnitte. Sicher behielt der Scherenschnitt für Ruth Schaumann
dennoch Bedeutung und war für sie immer gleichberechtigte Kunstform
unter vielen anderen. Und da war noch eine weitere, beinahe therapeutische
Funktion, die der Sohn A. Fuchs mit einem Lächeln schildert: Wenn
nach Dichterlesungen die Zeit für Fragen gekommen war und Ruth Schaumann
das perfekt erlernte und doch so mühsame Ablesen von den Lippen zu
ermüdend wurde, zog sie oft ihr Scherchen hervor und sagte: „Wünschen
sie sich was!” Die Ergebnisse begeisterten gelehrte Zuhörer wie Kinder
– und sie gewann dabei Zeit und Entspannung... Auf solche Weise verbunden
mit ihren „Schatten” und auf jene hintersinnige Weise: Lassen wir sie selbst
dieses als Schlusswort sagen, mit dem letzten Gedicht aus der „Kleinen
Schwarzkunst” und einem undatierten Scherenschnitt (Abb. 12).
Hierzu das Titelbild „Robinson“
Literatur zu Ronny Willersinn: Ruth Schaumann.
Rolf Hetsch: Ruth Schaumann Buch.- Rembrandt-Verlag
Berlin 1933.
Ruth Schaumann: Das Schattendäumelinchen.-
G. Grotesche Verl.-Buchhandl. Berlin 1933.
I.F.Coudenhove ed. Der Kristall.- Verlag
Herder Freiburg 1935.
Ruth Schaumann: Lorenz und Elisabeth.-
Verlag Kösel und Pustet München 1936.
Ruth Schaumann: Leben eines Weibes, das
Anna hieß.-
G. Grotesche Verl.-Buchhandl. Berlin 1936.
Ruth Schaumann: Kleine Schwarzkunst.-
F. H. Kerle-Verlag Heidelberg 1946.
Ruth Schaumann: Das Arsenal (Autobiografie)
F. H. Kerle-Verlag Heidelberg 1968.
Josef Gülden (Vorwort): Mensch unter
Menschen. Ein Ruth Schaumann-Buch. St. Benno-Verlag Leipzig 1976.