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Künstler
Richter, Gertrud
W.
| Name |
Richter, Gertrud W. |
| Geboren am .. |
1915 |
| Verstorben am ... |
|
| Vereinszeitung Ausgabe |
SAW 30 |
| Autor(in) |
Ingrid Jansen |

Als ich Frau Richter das erste Mal besuchte,
war ich beeindruckt von der lebhaften und liebenswürdigen Dame, die
doch schon über 90 Jahre alt ist. Ein langes, ereignisreiches Leben.
Frau Richter, 1915 in Hohensalza (heute Polen) geboren, lebt schon viele
Jahre in München. In ihrer gemütlichen Altbauwohnung mitten in
Schwabing ist sie umgeben von Scherenschnitten, Bildern und Büchern.
Schnell kommt sie ins Erzählen: Von ihren ersten Scherenschnittversuchen,
als sie vier Jahre alt war. Damals, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs,
benutzte sie hierfür Lebensmittelmarken der Familie, was verständlicherweise
nicht die gewünschte Anerkennung fand. Später, in der Schule,
fiel ihre Arbeit in einem selbst gebundenen Buch auf. „Dazwischen plötzlich
der Scherenschnitt eines Taugenichts, dessen lachendem Schwung nichts mehr
hinzuzufügen wäre“, schrieb damals ein Journalist.
Schon als Schülerin besserte sie
ihr Taschengeld mit Illustrationen in Zeitschriften auf und schrieb eigene
Märchen, ebenfalls mit Scherenschnitten bebildert. Aus familiären
Gründen verzichtete sie auf eine künstlerische Ausbildung, machte
aber in der Volkshochschule Kurse in Zeichnen und Porträtieren. Bleistift,
Schere und Papier waren ihre ständigen Begleiter. Nach ihren eigenen
Worten gilt ihr Interesse „als Gabe unseres Schöpfers dem Zufall,
der sie ihr Leben lang begleitete“.
Nicht nur ihre Kinder, Enkel und Freunde
beglückte sie immer wieder mit ihren kleinen Kunstwerken, sondern
überall, wo sie ihre Scherenschnitte zeigte, erntete sie Bewunderung
und große Anerkennung.
Der Scherenschnitt füllte langsam
ihr ganzes Leben aus.
Mehr als zehnmal wurde sie nach Amerika
eingeladen, wo ihre Arbeiten in Kalifornien und Washington DC ausgestellt
und von der Presse begeistert besprochen wurden. Für alle Besucher
war es immer ein besonderes Erlebnis, wenn sie ihr zuschauen konnten, wie
aus dem Papier, ohne Vorzeichnung frei aus der Hand, die lebendigsten Bilder
entstanden. Nur größere Arbeiten hat sie vorher skizziert.
Auch in Österreich und der Schweiz
war ihre Kunst begehrt. Aber ein besonderer Höhepunkt in ihrem Leben
als Scherenschneiderin war eine Reise nach Japan. 1973 wurde sie nach Sapporo
eingeladen, wo in einer viel beachteten Ausstellung ihre Scherenschnitte
große Zustimmung fanden und Freude auslösten.
Zusammen mit Münchner Künstlerinnen
beteiligte sie sich an einer Ausstellung auf der Burg Abenberg in Franken,
über die auch das Fernsehen ausführlich berichtete.
Frau Richter hat immer gerne auf Kunsthandwerker-Märkten
ihre Kunst gezeigt und vorgeführt. Sehr glücklich ist sie heute
noch, dass nicht nur ältere Menschen sondern auch viele junge Leute
ihre Arbeiten lieben und sammeln.
Ihre liebsten Motive waren ländliche
und religiöse Themen, Menschen, Tiere, Pflanzen und besonders Bäume.
Wen wundert es da, dass sie gerne Märchen illustriert hat? Oft zeigen
ihre Scherenschnitte nur wenige oder gar keine Innenlinien, so dass der
ganze Ausdruck einer Figur in ihrer Silhouette liegt. Aber auch wenn sie
positive mit negativen Schnitten kombiniert: immer hebt sie ganz klar das
Wichtigste hervor, von ruhiger Fröhlichkeit und manchmal auch behutsamer
Satire begleitet.
Ihre kleinen Kunstwerke eignen sich hervorragend,
auf unaufdringliche Art Erzählungen und Gedichte zu schmücken
und zu ergänzen. Das hat auch die Verlagsanstalt Bayerland in Dachau
erkannt und sie immer wieder gebeten, die häufig in bayerischer Mundart
geschriebenen Bücher zu illustrieren. Noch heute sind sechs dieser
Titel lieferbar.
Nach einem Unfall vor drei Jahren, bei
dem sie sich den rechten Daumen verletzte, schneidet Frau Richter kaum
noch.
Oft wird sie gefragt, wie viele Scherenschnitte
sie in ihrem Leben gemacht hat. Aber das kann sie nicht sagen – es waren
unendlich viele.