| Name | Richter, Gertrud Berta |
| Geboren am .. | 1911 |
| Verstorben am ... | |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 12 |
| Autor(in) | Ingrid Englert-Fally |
Lebenslauf
1911 geboren in Judenburg / Steiermark,
Matura (Abitur) in Klagenfurt, Ausbildung zur Lehrerin ebenda, drei Jahre
Meisterklasse für Graphik und Textil in Graz, Studium an der Universität
Graz (Geschichte und Volkskunde)
1933 Lehrerin in der Steiermark und in
Niederösterreich
1937 Heirat und Umzug nach Innsbruck
1943-1948 Kriegsbedingtes Intermezzo auf
einer Schihütte in den Seetaler Alpen / Steiermark
1948 Umzug nach Salzburg, Tätigkeit
als medizinisch-technische Laborantin
Seit 1986 ist Frau Richter im Ruhestand.
Teilnahme an vielen Ausstellungen, häufig
am Joanneum in Graz.

Gertrud („Trude”) Berta Richter, geborene Grafenauer, kam am 9. März 1911 in Judenburg / Steiermark zur Welt und lebt seit 1948 in Salzburg. Sie besuchte die Volksschule in Judenburg, die Mittelschule in Klagenfurt und machte mit 16 Jahren Abitur. Sie besuchte dann die Lehrerinnenbildungsanstalt in Klagenfurt, die Kunstgewerbeschule in Graz und studierte an der Universität Graz Geschichte und Volkskunde. Ihre Berufslaufbahn begann sie als Volks- und Mittelschullehrerin an verschiedenen Orten in der Steiermark. In den Volksschulen war am Donnerstag schulfrei, und so fuhr sie einmal in der Woche nach Leoben, um am Gymnasium die Jugendkunstklasse (Zeichnen, Museumskunde usw.) zu unterrichten. Trude Richter zeichnete von Kindheit an und hat mit ihrem Vater auch nach der Natur gemalt. Bereits 1921 kam sie auf den Scherenschnitt, der vor und nach dem ersten Weltkrieg wieder modern wurde. Schon im Volksschulalter also von dieser Kunst fasziniert (siehe dazu die Abb. 8 Seite 21), hat sie immer geschnitten, gezeichnet, skizziert und auch aquarelliert (nicht im Stil der alten Aquarellisten). Sie ist mehr handwerklich, ihre Schwester Edith mehr bildnerisch orientiert.
Es wurde alles, was einer „Verzierung”
bedurfte, mit Scherenschnitten illustriert, wie Kinderbücher, Lieder-
und Schulbücher und Tischkarten (an die 500 Stück mindestens).
Es gab Scherenschnitte zu allen Anlässen, viele Scherenschnittporträts,
Gelegenheitsarbeiten, die meist verschenkt wurden, nur hin und wieder wurden
sie auch verkauft. Die Freizeit wurde immer dem Scherenschneiden gewidmet.
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Bis 1937 war Trude Grafenauer als Lehrerin
tätig, dann heiratete sie in der evangelischen Kirche in Judenburg
den Salzburger Arzt Dr. Hans Richter (geb. 1911 in Wien). Anschließend
gingen beide nach Innsbruck, wo sie in den ersten Kriegsjahren an der Lehrerinnenbildungsanstalt
kriegsdienstverpflichtet war. Hier hatte sie eine Sammlung der von ihr
illustrierten Bücher und von Scherenschnitten angelegt. Leider ist
alles durch Bombenschäden verloren gegangen. 1941 kam ihr erstes Kind,
eine Tochter, zur Welt. 1943 hat Trude R. Innsbruck den Rücken gekehrt
und ist nach Judenburg bzw. auf die Grafenauer Schihütte in den Seetaler
Alpen in 1400 m Seehöhe geflohen. Das zweite Kind, ein Sohn, wurde
1943 in Bruck an der Mur geboren. In der Zeit auf der Hütte war reichlich
Muße zum Scherenschneiden, viele Bauernkinder wurden als Porträt
geschnitten, und damit konnten Butter, Milch, Eier eingetauscht werden.
Weihnachten 1945 ist ihr Mann aus der Gefangenschaft auf die Hütte
gekommen. Bei Kriegsende hatte sie keine Nachricht über den Verbleib
ihres Mannes, der erst ein halbes Jahr später via Norwegen und Deutschland
zurück nach Österreich kam. Er war in englischer Kriegsgefangenschaft
als Arzt und Pharmakologe tätig gewesen. Er wurde dann Arzt am Bezirkskrankenhaus
und später an der Klinik in Graz. Man lebte weiter auf der Hütte,
erst Weihnachten 1948 war der Umzug nach Salzburg in das bombengeschädigte
Haus der Familie des Mannes möglich.
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| Abb. 2: Unbetitelt. Trude Richter 1935 | Abb. 3: Der Untersberg vom Unfallkrankenhaus in Salzburg aus gesehen. Trude Richter 1982 |
Und immer wieder Scherenschnitte, niemals
hat Trude R. fotografiert. Immer wieder Skizzen in überall sie begleitende
Zeichenblocks und Scherenschnitte nach diesen Skizzen. Viele Ausstellungen,
u. a. in Graz im Joanneum. Ein Zitat des Schwiegervaters: „Wenn du kochst,
bekomme ich Anfälle, mache lieber Scherenschnitte.” - Einwand von
Trude R.: „Ich koche aber sehr gut.” Auch in Salzburg konnten mit Kleinkinderscherenschnitten
Lebensmittel eingetauscht werden. In der Praxis der Schwiegereltern wurde
ein Labor eröffnet, durch die Ausbildung in Innsbruck war ein Einstieg
sofort möglich. Beruf, Haus, zwei Kinder und Familie bzw. andere Familienmitglieder
nahmen T. R. voll in Anspruch, trotzdem gelang es ihr, Zeit zum Schneiden
zu finden. Immer wieder wurden für die Laborfeste Tischkarten mit
Scherenschnitten oder Federzeichnungen gemacht, noch 1996 hat sie 45 Tischkarten
für das Weihnachtsfest im Labor geschnitten.
Trude Richter hat Schnitte nie serienmäßig
angefertigt, man kann sagen, daß alle Schnitte Unikate sind. Es existiert
kein Werkverzeichnis, sie hatte das Scherenschneiden als ihr Hobby betrachtet
und wollte nicht als „Künstlerin” betitelt werden oder sonst im Vordergrund
stehen.
Die Entwicklung von den kindlichen bis zu den heutigen, stark abstrahierten Motiven ist kontinuierlich, wobei von Anfang an das ausgeprägte zeichnerische Talent erkennbar ist (siehe Anhang). Die Schnitte sind großteils in schwarz-weiß, T. R. hat aber auch sehr schöne farbige Arbeiten gemacht, für die sie unterschiedlichste Papiere verwendete. Begeisternd sind die Experimentierfreude und der Ideenreichtum auch heute noch, was aus einem sehr regen Geist entspringt. Charakteristisch ist die Darstellung der Personen. Der strenge Blick auf ein modernes Gebäude ist durch einen auf einer Kante sitzenden Vogel gelockert, es spielen auch phantasievolle, modern gezeichnete Tiere immer wieder eine große Rolle. Hat T. R. eine schöne Rose oder einen Veilchenstrauß geschenkt bekommen, dann wird dies zu Papier gebracht, und in vielen Bildern sind immer wieder ihre Vasen erkennbar. Humor und Ironie kam mehr bei den Tischkarten zum Tragen, sind aber auch in der Zeichnung der Scherenschnitte auf sehr sensible Weise erkennbar.
Die Freude, die Trude Richters Scherenschnitte
auch heute noch vermitteln, ist nicht zu messen und nicht erfaßbar,
aber ein Gradmesser ihres Sinnes für das Feine in der Kunst.
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Was sagt nun Trude Richter selbst? "Die Kunst 'Scherenschneiden' ist abhängig vom Erkennen der Umwelt und deren Vereinfachung zu allen Tönen von schwarz zu weiß oder auch von vielfarbiger Umwelt zu ein paar Farben. Ich war oft lange Zeit überhaupt nicht kreativ. Dann haben mich ein paar Motive gepackt, und ich habe viel geschnitten - aus Zeitmangel meist in der Nacht. Ich mußte mit dieser Nebenbeschäftigung nichts verdienen, wenn ich doch etwas verdient habe, hat es mich gefreut! Natürlich ist viel von mir ausgestellt worden. Aber lange habe ich nie etwas behalten. Es bestehen zwar ganze Sammlungen in Privatbesitz, aber selbst habe ich nur ganz wenige Scherenschnitte aufgehoben.
Zum Papier: Feines, aber doch festes schwarzes Papier hat man nicht bekommen, so habe ich schon sehr jung das schwarze Papier verwendet, in das Filme, Röntgenfilme usw. eingewickelt waren. Auf beiden Seiten schwarz. Später hat man dann wieder Papier mit weißer Abseite bekommen. Vorgezeichnet habe ich nie, ich hätte das nicht schneiden können. Mein Werkzeug ist eine feine Hautschere, und zum Aufkleben brauche ich eine kleine Pinzette. Wenn man etwas durchschneidet, entsteht ein Loch, und man muß noch einmal anfangen. Vergessen darf man nicht, daß das Schneiden ein Handwerk ist, und ich habe es ein Leben lang geübt, deshalb kann ich es eben."
Anhang (zu den Abbildungen)
Schon in einem Scherenschnitt der Zehnjährigen
deutet sich die Neigung zu ungewöhnlichen Bildausschnitten an (siehe
Abb. 8 Seite 21). Ein thematisch konventionelles Blatt von 1935 (Abb 1)
zeigt eine vom Üblichen stark abweichende Umgrenzung und eine sehr
eigenständige Stilisierung der Pflanzenwelt - Merkmale, die weiterhin
beibehalten werden. Ein etwas später (1937) datierter Schnitt wirkt,
sieht man von der „Staffage” einmal ab, schon ausgesprochen „modern”: schäumende
Wellen, Boot und Fisch sind mit einfachsten Mitteln sichtbar gemacht (Abb.
2). - In den letzten 15 Jahren sind zahlreiche Ansichten aus dem Stadtgebiet
von Salzburg entstanden, z. T. unter (sparsamer) Verwendung von Farbpapieren.
Das beeindruckende Blatt „Blick auf den Untersberg” (Abb. 3) ist ein Beleg
dafür, daß die Scherenschneiderin nun ihre eigene, unverwechselbare
Handschrift gefunden hat: unbekümmertes Hineinschneiden in das Papier
(wohlgemerkt: stets ohne jede Vorzeichnung!); eine Handschrift, die zumal
in den vielen Bildern von Salzburgs Kirchen, Brunnen und Denkmälern
sichtbar wird (Titelbild und Abb. 4), aber auch in der Darstellung von
alltäglichen Dingen, wie z. B. einer mit Blumen gefüllten Vase.
Vom Scherenschnitt strenger Observanz
hat sich Trude Richter weit entfernt, wird der oder jener finden. Mag sein.
Aber dafür braucht sie den Vergleich mit so mancher Graphik der klassischen
Moderne nicht zu scheuen.
1 Parsch und Morzg sind Stadtteile von
Salzburg. (Im Volksmund wird die Parscher Kirche, ein ehemaliger, umgebauter
Stall, in dem sich ein gotisches Gewölbe verbirgt, „die Seilbahn Gottes”genannt.)