| Name | Reiniger, Lotte |
| Geboren am .. | 02.06.1899 |
| Verstorben am ... | 19.06.1981 |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 22 |
| Autor(in) | Alfred Happ |
Lotte Reiniger – wichtige Lebensdaten
2. Juni 1899 Lotte Reiniger in Berlin
geboren
1916 und 1917 Besuch der Schauspielschule
von Max Reinhardt
1919 „Ornament des verliebten Herzens“
– erster Silhouetten-Trickfilm
6. Dezember 1921 Heirat mit Carl Koch
1923 – 1926 „Die Abenteuer des Prinzen
Achmed“
1927 Ägyptenreise
1930 – 1935 „Harlekin“, „Carmen“, „Papageno“
u.a. – die „klassischen“ Filme Lotte Reinigers werden in Berlin gedreht
Nov. 1935 Übersiedlung nach London
1936 Griechenlandreise – Bekanntschaft
mit dem Schattenspieler Mollas
Sept. 1939 Umsiedlung nach Rom
Dez. 1943 Rückkehr nach Berlin
1945 – 1948 Märchenstücke für
die „Berliner Schattenbühne“
Jan. 1949 Endgültiger Umzug nach
London
1950 – 1952 Schattenspiele für eine
Puppenbühne und für das Fernsehen
1953 Scherenschnittillustrationen zu einer
englischen Neuausgabe der Artus-Sage
1953 und 1954 Eine Serie von Märchen-Silhouettentrickfilmen
entsteht
1962 Lotte Reiniger und Carl Koch werden
britische Staatsbürger
1. Dez. 1963 = Carl Koch
ab 1967 Schattenspiele für große
Bühne
1971 Zyklus von Scherenschnitten zu Mozart-Opern
1980 Umzug nach Dettenhausen
19. Juni 1981 = Lotte Reiniger in Dettenhausen





Scherenschnitte – Bilder voller Bewegung
Natürlich fertigte Lotte Reiniger
ein Leben lang Scherenschnitte an, gelegentlich als Fingerübung, als
Vorstudien zu Filmfiguren, manchmal war es das Festhalten einer z.B. im
Theater gesehenen Szene und ab und an plante sie auch ein größeres
Projekt mit Scherenschnitten. So entstanden noch vor ihrer Filmkarriere
eine Reihe von Schauspieler-Silhouetten aus Max Reinhardts Deutschem Theater,
teilweise veröffentlicht im Buch „Das Loch im Vorhang. Licht- und
Schattenbilder aus dem Deutschen Theater“ (Berlin 1920). Als Lotte Reiniger
1949 nach London übergesiedelt war, brauchte sie dringend Arbeitsaufträge,
die Geld einbrachten. Dieser Arbeits- und Verdienstnachweis war gegenüber
der Einwanderungsbehörde wich-tig, um die Aufenthaltserlaubnis verlängert
zu bekommen. Da erhielt sie 1952 den „rettenden“ Auftrag zu einer Buchillustration.
Die Sage vom König Artus wurde für junge Leute neu in das Englische
übertragen und dieses Buch sollte sie illustrieren. Noch heute ist
„King Arthur“ im gesamten englischsprachigen Bereich als Penguin-Taschenbuch
mit Lotte Reinigers Bildschmuck erhältlich.
Schließlich schuf sie im Sommer
1971 mit rund 140 Scherenschnitten zu vier Mozart-Opern (s. Abb. 9) ein
letztes großes Illustrationswerk, das erst nach ihrem Tod veröffentlicht
wurde. Neben dem Genannten ist im Nachlass noch eine unglaubliche Fülle
an Scherenschnitten vorhanden, darunter eine Vielzahl, die unmittelbar
nach Ballettaufführungen entstanden. Alle Scherenschnitte Lotte Reinigers
zeichnen sich dadurch aus, dass sie nie statisch wirken, sondern immer
voller Bewegung sind. Die Schauspieler sind mitten in einer typischen Geste
festgehalten, die Figuren der Mozart-Opern befinden sich häufig in
einem lebhaften Dialog (s. Abb. 7) und die Ballettszenen halten einen Moment
im Bewegungsablauf fest, von dem man den Eindruck hat: es geht sofort weiter.
Nie sind ihre Scherenschnitte „still und bewegungslos.“ Wenn sie größere
Szenen schnitt, missachtete sie auch das ungeschriebene Gesetz, dass das
ganze Bild aus einem Stück gefertigt sein soll. Sie konnte abschneiden
und ankleben, was immer wieder bei den Mozart-Illustrationen zu beobachten
ist. „Wichtig ist, dass das Ergebnis stimmt“, pflegte sie zu sagen.
Geschnitten hat sie, indem sie die Schere
mit Daumen und Mittelfinger der rechten Hand hielt. Diese Hand wurde nicht
bewegt, bewegt wurde ausschließlich das Papier.

Schattenspiel - „Spiel bewegter Schatten“
Dass Lotte Reiniger auf dem Gebiet des
Scherenschnitt-Trickfilms eine Meisterin oh-negleichen war, ist weithin
bekannt. Dass sie im Bereich der Scherenschnitt-Illustration Großes
geleistet hat, ist durch ihre Buch-illustrationen ins öffentliche
Bewusstsein gerückt. Weniger bekannt ist, dass sie auch auf dem dritten
Gebiet der Schattenkunst, dem Schattenspiel, Wichtiges zur Weiterentwicklung
dieser Kunst beigetragen hat. Wenn Lotte Reiniger Schattenspiel als „Spiel
bewegter Schatten“ definiert, dann klingt das selbstverständlich.
Aber das war es nicht in der europäischen Schattenspieltradition.
„Europäische Schattentheater hatten schon immer mehr den Ehrgeiz,
schöne Bilder vorzuführen als das „Spiel bewegter Schatten“ stellt
Lotte Reiniger in ihrem Anleitungsbuch für Schattenspiel und Trickfilm
fest. Durch das immer streng seitliche Profil der Figuren und dadurch,
dass die Figuren stets von unten geführt wurden, um auf jeden Fall
die Führungsstäbe zu verbergen, wirkte das ganze Spiel mehr schlicht
und statisch als bewegt. Lotte Reiniger machte auf ihren Reisen zwei Entdeckungen,
die sie für das Schattentheater fruchtbar machte. 1927 hatte sie eine
Ägyptenreise gemacht und 1936 hatte sie den griechischen Schattenspieler
Mollas besucht. Beide Male gewann sie eine neue Erkenntnis für die
Profilgestaltung ihrer Figuren. „Was haben die großen Profilkünstler
der Vergangenheit gemacht, um der Umrißlinie mehr Ausdruckskraft
zu verleihen? Sehen wir dazu die Reliefs der Ägypter und der griechischen
Vasenmalerei an, der anerkannten Meister der Profilkunst. Siehe da, sie
haben die Lösung gefunden! Sie zeigen die Füße im Profil,
aber sie zeigen auch die beiden Schultern und somit auch beide Arme und
erweitern dadurch ihre Ausdrucksmöglichkeit. Wir wollen es ihnen nachmachen.“
(s. Abb. 10) Bei Mollas hatte sie außerdem gesehen, wie horizontale
Führungsstäbe den Figuren eine große Freiheit in der Bewegung
verschaffen. Plötzlich können die Figuren Purzelbäume schlagen,
Sprünge machen und losgelöst vom Boden in der Luft herumwirbeln.
„Diese Vorstellung machte mir Lust, in Zukunft wie Mollas mit horizontal
statt senkrecht gehaltenen Führungsstäben zu spielen.“ Anfang
der 50er Jahre, als sie noch nicht wieder ein Trickfilmstudio hatte, arbeitete
Lotte Reiniger viel für das Schattenspiel. Zum einen richtete sie
für die damals renommierte englische Puppenbühne „The Hogarth
Puppets“ u. a. das Wilde-Märchen „Der glückliche Prinz“ als Schattenspiel
ein (s. Abb. 11). Zum anderen bekam sie vom Fernsehen den Auftrag zu einer
Serie von Märchen-Schattenspielen, die live von der Schattenbühne
abgefilmt und übertragen wurden. Für beide Arten von Schattenspiel
setzte sie die früher gewonnenen Kenntnisse um: reichere Profilgestaltung
und horizontale Führungsstäbe. So gestaltete sie auch die Schattenspiele
für große Bühnen, die, nach dem Tod ihres Ehemannes 1963,
in den 60er und 70er Jahren entstanden sind: „Die Reise zum Mond“ (1967),
„Die Geschichte von den 17 Kühen“ (1967), „Weihnachtsmanns Irrtum“
(1969) und „Die Zauberflöte“ (1973).


Anmerkung
- Soweit nichts anderes vermerkt ist,
stammen alle Zitate aus dem Buch: Lotte Reiniger: Schattentheater, Schattenpuppen,
Schattenfilm. Eine Anleitung. Tübingen 1981.
- Der gesamte Nachlass befindet sich im
Lotte Reiniger Museum im Tübinger Stadtmuseum. In einer Dauerausstellung
ist ein Querschnitt durch das gesamte Schaffen Lotte Reinigers zu sehen:
Scherenschnitte, Filmhintergründe und Filmfiguren und Schattenspielszenen.
- Das Schattenspiel „Weihnachtsmanns Irrtum“
hat Lotte Reiniger 1978 mit der Schattenbühne Happ neu einstudiert,
die es heute noch im Programm hat.
- Abb. 1 u. 4 aus Lotte Reiniger: Silhouettenfilm
und Schattentheater, Verlag Karl M. Lipp, 1979
- Abb. 2 aus Christel Strobel/Hans Strobel:
Lotte Reiniger, 1993
- Abb. 3 aus Lotte Reiniger: Schattentheater,
Schattenpuppen, Schattenfilm eine Anleitung, Texte Verlag Tübingen,
1981
- Abb. 7-9 aus Lotte Reiniger, Schauspieler-Silhouetten,
Mozart-Opern, Andersen-Märchen Aspekte eines Lebenswerkes, Tübinger
Katalog Nr. 17, 1982
Auszeichnungen
1955 Erster Preis für Fernsehkurzfilme
auf der Biennale von Venedig
1966 Ehrenmitglied der UNIMA
1972 Filmband in Gold für „langjähriges
und hervorragendes Wirken im deutschen Film“
1979 Bundesverdienstkreuz