| Name | Rafaelov, Zipora |
| Geboren am .. | 1954 |
| Verstorben am ... | . |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 30 |
| Autor(in) | Antje Buchwald, M. A. |
Licht und Schatten
Die Scherenschnitt-Objekte von Zipora
Rafaelov


Die seit 1981 in Düsseldorf lebende
israelische Künstlerin Zipora Rafaelov transformiert mit ihren Werken
das traditionelle Medium Scherenschnitt in die moderne Kunst. Ihre monochrom
weiß gehaltenen Objekte werden konstituiert durch die dem Medium
Scherenschnitt inhärenten Eigenschaften wie der Konturlinie, der Positiv-
und Negativformen und dem Wechselspiel von Licht und Schatten.
Geboren 1954 in Beer-Sheva, beginnt Zipora
Rafaelov 1973 ein Studium der Journalistik und Ökonomie an der Universität
in Tel-Aviv, das sie nach zwei Jahren abbricht. Während ihrer Tätigkeit
als Chefsekretärin in einer Fabrik für Gewächshäuser
besucht sie ab 1976 für vier Jahre ein Abendstudium am Institut für
Schöne Künste in Bat-Yam. 1981 übersiedelt sie nach Deutschland
und besucht für sechs Jahre die Kunstakademie in Düsseldorf,
wo
sie Zeichnung und Bildhauerei studiert. Sie schließt ihr Kunststudium
als Meisterschülerin ab und erhält 1988 ein Arbeitsstipendium
der Hedwig und Robert Samuel-Stiftung in Düsseldorf. Seitdem ist die
Künstlerin international tätig.
Ihre Objekte und Installationen bilden
Schnittpunkte zu den Medien Scherenschnitt, Zeichnung und Skulptur. Zipora
Rafaelov definiert ihre Kunst als zweidimensionale Zeichnung, die in die
dritte Dimension der Räumlichkeit überführt wird (Katalog
zum Ausstellungsprojekt in ehemaligen Synagogen v. 29.04.2001 bis 04.01.2004,
S. 31). Hierfür zeichnet sie zunächst auf Papier oder Holz Formen
mit Grafitstift. In einem zweiten Schritt sägt sie diese aus. Hierdurch
entstehen drei Werkgruppen:
Die Faden-Form-Objekte (Ausst.-Kat. 2000,
S. 16) sind Objektkästen, in denen entweder in einem rechteckigen
Gestell Fäden eingespannt sind, an denen in unregelmäßigen
Abständen die ausgesägten Positivformen befestigt sind, oder
der Rahmen wird weggelassen und die Fäden werden am Boden auf einer
Platte befestigt sowie an der Decke des Ausstellungsraumes. Weiterhin fertigt
die Künstlerin Faden-Form-Objekte, deren Formen in einem buchstäblichen
Rahmen gespannt sind. Diese Objekte können wie schwebend in den Raum
gespannt werden. Unter die Gruppe der plastischen Bilder sind zum einen
die aus dem Prozess des Aussägens entstehenden negativen Formen zu
subsumieren, die durch Grate miteinander verbunden sind, und zum anderen
positive Formen, die mit etwas Abstand zum Bildgrund appliziert werden;
sie können als reliefartige Stillleben klassifiziert werden.
Die fragilen Gegenstände in den Werken
Zipora Rafaelovs sind einer archaischen Bildsprache vergleichbar. Allein
mittels der Umrisslinie definiert, führt sie dem Rezipienten aus der
Alltagswelt entlehnte Gegenstände wie Autos, Bügeleisen, Nähmaschinen
und dergleichen, aber auch Tiere und Pflanzen vor. Vergebens sucht der
Betrachter eine eindeutige Lesbarkeit der Piktogramme und damit der Werke
zu finden. Sie fungieren wie eine Art Rebus-Rätsel: Dinge und Wörter
können individuell in einen immer neuen Sinnzusammenhang gebracht
werden. Es sind Gegenstände aus dem kollektiven Bildgedächtnis,
in welches die Künstlerin mit Säge oder Skalpell eindringt. Sie
entwirft mit ihrer Kunst einen Mikrokosmos, der zuweilen lyrische Anklänge
evoziert. Der Zugang zu diesem Kosmos ist emotional-assoziativ geprägt.
Dies wird durch das Prinzip der Wiederholung fokussiert. Es tauchen immer
wieder an unterschiedlichen Stellen gleiche Dinge auf, die zu Bildzeichen
werden. Zipora Rafaelov entwirft auf diese Weise ein individuelles Vokabular
an Zeichen und Formen, die im jeweiligen Kontext neu gelesen werden müssen.
"Rolle II" Ausschnitt, 2002 |
"Lichtsäule" 2003, Ausschnitt |
Für alle Werkgruppen ist der Einsatz
des Lichtes wesentlicher Bestandteil des Kunstwerkes. Die angestrahlten
weißen Gegenstände in den Installationen und plastischen Bildern
werfen an den weißen Ausstellungswänden schwarze Schlagschatten.
Bild und Abbild werden hier visualisiert und lassen Assoziationen zu Platons
Höhlengleichnis zu. Obwohl das Phänomen Schatten immateriell
und ephemer ist, trägt es in den Werken Zipora Rafaelovs dazu bei,
die Materialität der weißen Gegenstände zu betonen, sie
in plastisch-räumliche Projektionen zu überführen.
Essentiell für die Ästhetik
des Œuvres von Zipora Rafaelov ist die Farbe Weiß. Man kann sie entweder
zusammen mit Schwarz als Nichtfarbe definieren oder aber als Summe aller
Farben. Je nach Lichteinfall oder Tages- und Jahreszeit reflektiert die
weiße Fläche der Formen das gesamte Farbspektrum. Weiß
ist eine erweiternde Farbe, keine einschränkende. Reinheit und Licht
werden mit ihr assoziiert; im eigentlichen Sinn bezeichnet Weiß keinen
Stoff, sondern neigt zur Negierung der Materie. Die Wahrnehmung wird in
Zipora Rafaelovs Werken so auf die Formen bzw. auf die Konturlinie gerichtet.
Auf diese Weise rückt sie die Aufmerksamkeit auf Dinge, denen sonst
keine große Bedeutung beigemessen wird. Sie hebt den Gegenstand an
sich hervor. „Weiße Formen geben die reine Idee wieder, während
die Farbe von der Sphäre des Idealen ablenkt und in die Niederungen
der Realität führt“ (Philipp 2003, S. 20).
Neben dem Medium Scherenschnitt sind ihre
Arbeiten stilistisch von den Mobiles Alexander Calders (1898-1976) und
den Flächenskulpturen Pablo Picassos (1881-1973) inspiriert. Die in
den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts entstandenen Mobiles sind mechanisch
oder frei bewegliche Skulpturen, die auch in einen Rahmen gehängt
sein können (Hutton 2004, Abb. S. 160). Konstituierend ist für
sie die Bewegung, welche die Form des Kunstwerks variieren lässt sowie
ihren Bezug zum Raum. Zipora Rafaelovs Faden-Form-Objekte sind hingegen
fest mit dem Rahmen verspannt. Calders Mobiles und Stabiles sind in den
Primärfarben Rot, Blau Gelb, ferner Schwarz und Weiß gehalten.
Seine biomorphen Skulpturen, die ein ausbalanciertes System gleichwertiger
Elemente darstellen, offenbaren wie die Werke von Zipora Rafaelov eine
poetische und humorvolle Sicht auf die Welt.
Picassos in den 50er Jahren entstandenen
Flächenskulpturen rekurrieren auf sein Frühwerk um 1912. Durch
erneute Auseinandersetzung mit Henri Matisse und den Papiers découpés
beginnt Picasso, Skulptur und Fläche miteinander zu versöhnen.
Seine Klappskulpturen, die nach Modellen in der Technik des Scherenschnitts
in Blech ausgeführt sind, bestimmen sich allein aus der kantigen Kontur
der sich teilweise überlappenden Flächen (Spies 2000, Abb. S.
294). Nur mittels leichter Biegung evoziert Picasso Räumlichkeit,
die durch die Einwirkung von Schlagschatten noch potenziert wird, vergleichbar
mit der Schattenwirkung in den Arbeiten Zipora Rafaelovs.
Mit ihren Faden-Form-Objekten, die Bezug
zu dem jeweiligen Ausstellungsraum nehmen, und den plastischen Bildern
(negative Formen und reliefartige Stillleben) hat Zipora Rafaelov ein Werk
begonnen, das kunsttheoretische Aspekte zum Medium Scherenschnitt berührt.
Der Scherenschnitt als Flächen- und Linienkunst partizipiert sowohl
an den Gestaltungselementen der Zeichnung als auch der Skulptur. Die Linie
als eigentliches Element des Zeichnerischen ist in den Werken der Künstlerin
zugleich Anfangs- und Endpunkt der Gegenstände. Der hieraus resultierende
Umriss wird von einer spielerisch geprägten Linie geformt. Ihre Formen
und allgemein der Scherenschnitt entstehen aus dem Prozess des Entfernens,
so wie die Figur aus dem Stein gehauen wird. In der Dreidimensionalität
des Raumes betont Zipora Rafaelov die Flächigkeit ihrer Formen wie
einst Picasso mit seinen Flächenskulpturen.
"Sheva" 61 x 73,5 cm 2007 |
"Bat-Sheva mit Mantel" 73,5 x 61 cm, 2007 |
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Literatur:
• Baal-Teshuva, Jacob: Calder (1898-1976).
Taschen: Köln u.a. 1998
• Hutton, Elisabeth, Oliver Wick (Hg.):
Calder, Miro. Ausst.-Kat. Fondation Beyeler, Riehen/ Basel 2004. E. A.
Seemann Verlag: Leipzig 2004
• Pauli, Volker u.a. (Hg.): Zipora Rafaelov.,
Ausstellungsprojekt in ehemaligen Synagogen,
Ausst. Kat. Seippel: Köln 2004
• Philipp, Klaus Jan: Farbe, Raum, Fläche,
Architektonische Farbkonzepte von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, in:
Philipp, Klaus Jan und Max
Stemshorn (Hg.): Die Farbe Weiß,
Farbenrausch und Farbverzicht in der Architektur, Ausst.- Kat. Stadthaus
Ulm. Gebr. Mann Verlag: Berlin 2003, S. 18-47
• Spies, Werner: Picasso. Skulpturen,
Werkverzeichnis der Skulpturen in Zusammenarbeit mit Christine Piot, Hatje
Cantz: Ostfildern 2000
• Rafaelov, Zipora: Ausst.-Kat., Städtisches
Museum Gelsenkirchen/ Museum Alte Post, Mühlheim an der Ruhr, DruckVerlag
Kettler: Bönen 2000