| Name | Bernhardt-Poscher, Theresia |
| Geboren am .. | 26.05.1922 |
| Verstorben am ... | |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 31 |
| Autor(in) | Dr. Rosemarie Hebenstreit, geb. Bernhardt |
| Wenn ich mich zurückerinnere,
sehe ich meine Mutter nur arbeitend. Sie sitzt in der Werkstatt beim Fenster,
die Ellbogen auf den Sessellehnen, Papier und Schere in den Händen.
Die Brille weit herunten auf der Nasenspitze, blickt sie über deren
Rand, wenn ihre Mitarbeiterinnen ihr etwas zeigen, etwas fragen.
Schön für mich ist, dass sie immer da ist. Ich darf stundenlang auf ihrem Schoß verbringen, meine Wange an ihren Busen gebettet. Manchmal lässt sie die Hände sinken und fährt mir liebevoll durchs Haar. Nur stören darf man sie nicht, nicht viel fragen, sich nicht bewegen. Sie muss sich konzentrieren – aufs Schneiden und auch auf Organisatorisches. Das bespricht sie mit „Tante Lisi“, ihrer langjährigen Mitarbeiterin und inzwischen vertrauten Freundin. Diese hat ihren Arbeitsplatz gleich daneben und verrichtet dort in erster Linie die schwierige Arbeit des Aufklebens der Scherenschnitte. Sie ist aber auch fürs Geschäftliche zuständig. Sie fährt mit den schweren Katalogen per Straßenbahn von Kundschaft zu Kundschaft, meist Papierfachhandlungen. Auto kann sich meine Mutter keines leisten, schon gar nicht nach dem Tod meines Vaters 1963. Tante Lisi holt die Bestellungen ein, liefert, kassiert. Sie ist ein ausnehmend lieber Mensch, wie eine zweite Mutter, sehr tüchtig und verfügt über eine gute Menschenkenntnis. Nur ganz selten kann uns ein Kunde übers Ohr hauen. Einmal z. B. fordert jemand einen großen Auftrag an. Tante Lisi ist skeptisch, schließlich aber liefern wir doch. Einige Wochen später meldet dieses Geschäft den Konkurs an. Die Lieferung sollte nur die Konkursmasse etwas erhöhen, bekommen hat meine Mutter fast nichts. Das Aufkleben der Scherenschnitte geschieht mit stark verdünntem Tapetenkleister und erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl. Die Scherenschnitte werden dazu verkehrt auf altes Zeitungspapier gelegt und mit einem Pinsel ganzflächig bestrichen. Auf einem Billet darf ja nichts wegstehen oder gar abreißen. Will man dieses nasse zarte Gebilde jetzt umdrehen und auf den Karton legen, dann ringeln sich die feinen Kleiderfalten, Heiligenscheine, Ästchen,… sofort ein und man hat seine liebe Not, das alles wieder dorthin zu platzieren, wo`s hingehört. Noch schwieriger sind die Scherenschnitte, auf denen an der Rückseite auch noch der blaue Aufdruck der Vorlage drauf ist – einmal zuviel hin- und hergeschoben und der Karton hat einen blauen Fleck. Mit einer Stoffwindel wird der Scherenschnitt fest gedrückt. Die Unterschrift wird im Laufe der Jahre unterschiedlich entweder gedruckt oder handsigniert, nicht immer von meiner Mutter persönlich, daher die abweichende Schrift. Wenn Tante Lisi da – und nicht gerade „am Platz“ -- ist, wird alles Organisatorische besprochen, aber auch geplaudert – sie bringt ja alle Neuigkeiten von draußen mit – und oft auch gesungen. Meine Mutter liebt Volkslieder, Tante Lisi singt auch schaurig-schöne Moritaten. Ich kann sie noch alle. Meine Mutter hat keinerlei Kontakt zu unseren Kunden. Sie ist extrem scheu. Nicht einmal das Telefon in der Werkstatt hebt sie ab. Sie mag es auch nicht, wenn ihr jemand beim Schneiden zusieht. Nur ganz selten darf ich eine Freundin einladen. Dabei bin ich doch stolz, eine Künstlerin zur Mutter zu haben und hätte sie so gerne hergezeigt. Diese Menschenscheu ist auch der Grund, warum sie keine Ausstellungen macht und Einladungen – sogar in die Schweiz, nach Schweden, in die USA – nicht annimmt. Einmal organisiere ich ein Treffen für sie. Eine Theatergruppe braucht Figuren für ein chinesisches Schattentheater. Zuerst ist sie begeistert, dann sagt sie den Termin wieder ab. Alle ihre künstlerischen Ambitionen werden auf die Zeit in der Pension verschoben. Aber es bleibt zeitlebens beim „ich hab schon Ideen für…“, auch nach der Pensionierung. Doch auch ohne Schulfreundinnen ist die Werkstatt heimeliger Mittelpunkt meines Kinderdaseins. Jederzeit kann ich zeichnen, malen, schneiden, Papier falten, später natürlich auch mithelfen. Zuerst darf ich Billets samt Kuvert in Zellophan einwickeln bis es dafür Zellophansackerln gibt, Anhänger mit feinen Goldbändern versehen, später Einlagen und Karton in der Mitte falzen, sortieren, Lieferungen zusammenstellen, verpacken, Scherenschnitte aufkleben. Einmal in der Woche kommt unsere Heimarbeiterin liefern, die ebenfalls schneidet. Geschnitten werden je drei Blatt auf einmal.
Diese werden mit Klammern zusammengehalten, damit sie nicht verrutschen.
Die Scheren, die meine Mutter verwendet, sind nicht die klassischen geraden,
sondern leicht gebogene Scheren,
Wechselnd gibt es noch stundenweise eine dritte, eventuell vierte Mitarbeiterin, wenn sehr viel zu tun ist, wie z.B. vor Weihnachten. Eine davon ist die schon betagte Frau Schimmerling, unsere Nachbarin. Meine Mutter kümmert sich immer wieder um sie und diese ist froh, in der Werkstatt mithelfen zu können. Jeden Abend ist der Werkstattboden voller
Papierabfall und auch damit lässt sich trefflich spielen. Einmal habe
ich einen schrecklichen Streit mit meiner besten Freundin, die, um mich
zu ärgern, behauptet, bei uns kämen einem schon bei der Wohnungstür
die Papierschnitzel entgegen. Ich weiß nicht mehr, was ich Dummes
entgegnete, aber wir sind wochenlang aufeinander beleidigt.
Überhaupt ist die Vorweihnachtszeit die anstrengendste Zeit, Tante Lisi ist sogar an Wochenenden da, meine Mutter sitzt bis tief in die Nacht und die Werkstatt wird zur Rauchkuchl von den vielen Zigaretten. Da hat sie oft auch zum Kochen keine Zeit und meine Großmutter nennt mich „du armes Schmalzbrotkind“. Meine Tante Lisi ist vor einigen Monaten 93jährig gestorben, meine Mutter ist jetzt 84. Leider hat sie seit dem Tod meines Vaters nie wieder geheiratet, aber zum Glück lebt sie sehr gern allein. Sie schreibt derzeit ihre Erinnerungen auf, liest viel, blättert in ihren zahlreichen Kunstbüchern, freut sich, wenn eines der Enkelkinder zu Besuch kommt und manchmal schneidet sie noch. |
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