| Name | Pfeifer, Joachim |
| Geboren am .. | 12.07.1926 |
| Verstorben am ... | |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 15 |
| Autor(in) | abc |
Biografisches
1926
geboren in Danzig-Langfuhr
1936-44 Besuch der Oberrealschule
1944
zur Wehrmacht eingezogen
1945-47 Kriegsgefangener
in Moskau
1953
Gesellenprüfung für Buchbinderei und Handvergoldung an der Werkkunstschule
in Offenbach
1958
als Buchrestaurator tätig in den USA
1959-62 Ausbildung zum
Bibliothekar
1964
Bibliothekar an der Free Library Philadelphia
1965-89 Referent für
Werbung und Öffentlichkeitsarbeit der Stadtbüchereien Düsseldorf
seit 1965 wohnhaft in Düsseldorf

Wer Joachim Pfeifers Düsseldorfer Wohnung im fünften Stock ohne Aufzug, betritt, kann nur staunen. Was für eine Welt tut sich dort auf! Alle Wände, und teilweise sogar Bereiche der Decke, sind mit Bildern und Bücherregalen bedeckt. „Ein aufregendes Museum”, denkt man sogleich, aber das will Joachim Pfeifer gar nicht hören und schnell begreift man auch, warum nicht: Es sind keine toten Ausstellungsstücke, er lebt mit den Dingen. Jeder Scherenschnitt, jeder Keramikteller, jede Fliese, jedes der zahlreichen internationalen Kinderbücher, jedes der kunstvoll gestalteten Ostereier hat eine eigene Geschichte. Diese einzigartige Sammlung ist die eine Seite des Mittsiebzigers, seine Art des Scherenschneidens eine andere.
Da ich selbst Scherenschneider bin, lernten wir uns über dieses Thema vor rund zehn Jahren kennen. Er interessierte sich für meine kleinformatigen Landschaftsstudien.
Joachim Pfeifers Scherenschnitte haben vielfältige Motive. Einerseits bezieht er sich auf reale Dinge in Natur und Alltag, andererseits lässt er auch den Zufall mitspielen. Die ausgewählten Beispiele belegen dies.
Zum ersten Mal beschäftigte er sich mit dem Scherenschnitt 1946 während seiner Kriegsgefangenschaft in Moskau. Im Krankenrevier, unterernährt und geschwächt, gingen seine Gedanken nach Hause in die Vorweihnachtszeit mit Gänsebraten am Heiligen Abend. Ein Stück Papier und eine Nagelschere ließen diese Erinnerungen in kantiger Silhouette Gestalt annehmen. (Abb. 1)
Literarische Vorlagen bieten Pfeifer weitere
Anregungen für seine Schnitte, so etwa Christian Morgensterns „Der
Schaukelstuhl auf der verlassenen Terrasse“. Ganz ohne inhaltlichen Kontext
lässt er das Möbelstück auf den Betrachter wirken. Man kann
sich in die Gemütlichkeit gedanklich hineinversetzen, ohne von Beiwerk
abgelenkt zu werden. Handwerklich solide erscheint diese Arbeit, die offenbar
keinen großen künstlerischen Anspruch hat. Hier diente der typische
Schaukelstuhl der Shaker1) als Vorbild (Abb.2).
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„Als Kind”, so erzählt Joachim Pfeifer,
„wünschte ich mir, Gärtner zu werden.” Dieser Wunsch erfüllte
sich nicht, er wurde Bibliothekar. Doch seine Liebe zur Natur blieb erhalten.
Im großen, leicht verwilderten Garten von Freunden kann er seit Jahren
seine Beobachtungen machen (Abb.3). Etwa im Herbst, dann fängt er
seine Eindrücke von der verschwenderischen Fülle und Vielfalt
dieser Jahreszeit ein: zarte Gräser, verwelkende Blätter prall
gefüllte Samenkapseln. Abb. 4 zeigt Ahornlaub und –samen.
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Da er keine festen Prinzipien beim Schneiden verfolgt, gelingen ihm in solider Arbeit auch andere ausdrucksstarke Bilder. So etwa die Hagebutten. Sie sind nicht aus einem Stück geschnitten, sondern wurden lose ineinander gefügt. „Der eine klebt alles auf, der andere tupft nur hier und da einen klebenden Tropfen auf die Schnittrückseite. So mache ich es. Ich finde nämlich, dass ein solch leicht aufgeklebter Schnitt einfach lebendiger wirkt. Daraus ergeben sich auch interessante Schatten”, erklärt Pfeifer seine Technik. Die farbige Unterlegung der einzelnen Hagebutten (Abb. 6, siehe Rückseite) verstärkt die Frische der Arbeit.
Bei der Artischocke (Abb. 5) reizte ihn
die Geschichte der Frucht, die seit 2500 Jahren bekannt ist. Salonfähig
wurde die essbare Distel aber erst in Europa durch den französischen
Adel. „Diese fremdländisch anmutende Pflanze bildete für mich
in ihrer bizarren Form die Vorlage für einen Schnitt.” Auch fand er
für die farbliche Unterlegung das passend wirkende colorierte Papier,
wodurch ihm eine reizvolle Collage gelang.
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Pfeifer verarbeitet Themen und Momenteindrücke,
die einerseits als Idee für einen Schnitt möglicherweise ungewöhnlich
sind, andererseits „aber auch zeigen, dass man eigentlich fast alles schneiden
kann. Man muss es nur sehen”, erläutert Pfeifer seine eigene Scherenschnitt-Art
und Motivsuche.
Seine Vorliebe für ostasiatische
Kunst kann er anhand vieler Originalgrafiken und Scherenschnitte in seiner
Sammlung belegen. Und beim Schneiden bedient er sich schon mal der besonderen
Linienführung. Abb. 7 zeigt eine Komposition aus Schnipseln, die er
zu einer grazilen Vignette zusammengefügt hat.
Pfeifer hat viel Humor. Das erlebt man
im Gespräch, das spürt man beim Rundgang durch seine Wohnung,
das zeigen seine weiteren Scherenschnitte. So etwa die Karikatur eines
Kochs mit einem davon laufenden Hahn (Abb. 8, nächste Seite) – eine
Illustration für eine Speisekarte.
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Joachim Pfeifers Heimatstadt Danzig bietet ebenfalls ein reizvolles Motiv: Den Pomuchelskopp, einen Dorsch, der auf Hanseatischen Münzen abgebildet ist. Ein 5-Pfennig-Stück trug eine Flunder. Diesen beiden Fischen verleiht er ein originelles schwarz-weißes Gewand (Abb. 9).
Abb.9 Dorsch und Flunder 1980 63x63
mm
Das Scherenschneiden allein ist es nicht
– J. Pfeifer betätigt sich auch als Kalligraf und Zeichner. So gibt
es keinen Stillstand bei dem agilen Pensionär.
Dieter Bräutigam
Anmerkungen
1) Um 1840 lebte in Amerika, zwischen
Maine und Kentucky, die Glaubensgemeinschaft der Shaker, so genannt wegen
der Schüttelbewegungen in ihren religiösen Tänzen. Die Shaker
waren bekannt und berühmt als sehr geschickte Handwerker. Ein typische
Arbeit von ihnen ist der Schaukelstuhl.