| Name | Neupert, Luise |
| Geboren am .. | 14.09.1926 |
| Verstorben am ... | |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW |
| Autor(in) |
Wir sehen nun eine Künstlerin vor uns, die ihr Werk unter den in der DDR herrschenden Bedingungen geschaffen hat - nicht zu vergessen, daß es kaum Ausstellungen oder Kontakte zu anderen Scherenschneidern gab - «...eine Generation, die ungeheuer ermutigt war und doch so schwer gebeutelt wurde: die Formalismus-Diskussion der frühen 50er Jahre, die politischen Restriktionen einer tumben Polit-Kamarilla». (Zitat aus «Ein Stück Welt umsonst», Artikel in der Freien Presse Chemnitz, 22.6.96).
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Umso schöner, daß sich in den
letzten Jahren bedeutende Ausstellungen ergaben - etwa 1991 im Brüder
Grimm-Museum in Kassel, jetzt gerade in ihrer Geburtsstadt Chemnitz (knapp
zu Ende gegangen), und ab 1. Advent wiederum im Brüder-Grimm-Museum
in Kassel... ".
Da Luise Neupert auch gerne Limericks
reimt und illustriert, haben wir sie rasch um einen solchen gefragt und
prompt erhalten...
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Biografisches
Luise Neupert wurde 1926 unter ihrem Mädchennamen
Else Keil in Chemnitz geboren. Trotz des 2. Weltkriegs konnte sie 1945
ihr Staatsexamen als Kindergärtnerin ablegen, dieses Berufsziel aber
in der beginnenden DDR nicht verwirklichen. Dagegen studierte sie von 1947-48
an der Kunstgewerbeschule leipzig, dann von 1948-51 an der Hochschule für
Grafik und Buchkunst Leipzig und von 1951-52 an der Textilfachschule Chemnitz.
Seit 1952 sind sie und ihr Mann Hans Neupert in Schmölln (Thüringen) als freischaffende Grafiker tätig, wobei das Spektrum ihrer gemeinsamen Arbeit Illustration und Buchgestaltung, Ausstellungsdesign, Batik, Sgraffito, Keramik am Bau, Textilcollagen, Applikationen, Photographie und Malerei umfaßt.
Obwohl Luise Neupert Scherenschnitt-Entwürfe in die gemeinsamen Arbeiten einbringen konnte, hat sie diesen Kunstzweig doch nie als ihren «Beruf» betrachtet. Vielmehr war es bis in die 80er Jahre wohl eher ein Ausgleich, um eigene Ideen zu verwirklichen, denen kein konkreter Kundenauftrag zugrunde lag. Die Beschäftigung mit der kleinen schwarzen Kunst konnte sich dann in der beruflich ruhigeren Zeit eher ausleben, und in dieser Zeit entstanden ihre bisher bedeutendsten Arbeiten, die viele Ausstellungen gesehen haben. Frau Neupert führt weiterhin eine sichere Schere. Wir dürfen ihre neuen Schnitte gespannt erwarten...!
Ihr Werk
Luise Neuperts erste Scherenschnitte datieren
aus den vierziger Jahren. Die heute noch vorhandenen Schnitte aus dieser
Zeit stellen pflanzen dar, aber auch bereits Märchen. 1948 schnitt
sie einen Märchenreigen, der im Ansatz bereits ihre Vorliebe für
schwungvolle, beengte Formen aufzeigt, sich aber noch auf die traditionelle
Märchendarstellung stützt. Wie dieser Schnitt zeigt, beherrscht
sie schon damals die Technik des Scherenschnitts: Die Figuren sind lebendig
in vielerlei Posen dargestellt, die Linien überschneiden sich - oft
ein Problem für den Ungeübten, und auch ein Markenzeichen der
Künstlerin - skurril wirbelnde Personen - ist schon erkennbar.
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Jorinde und Joringel (1990), gelbliches Papier 51 x 36,5 cm |
Schlagen wir von diesem Schnitt über ihre berufliche Arbeit hinweg einen Bogen zu den ab 1987 begonnenen Märchendarstellungen, so ist manches gleichgeblieben, noch mehr hat sich verändert: Die stete Auseinandersetzung mit anderen grafischen Techniken hat dem Scherenschnitt gut getan, die Schnitte sind freier, runder, aber auch prägnanter geworden. Archetypen sind entstanden: Die Hexe aus dem Märchenreigen kehrt, unnahbarer, im Dornröschen wieder, oder giftiger in Jorinde und Joringel. Sie ist größer geworden, näher gerückt, ausdrücklicher. Gleichzeitig sind alle anderen Figuren unpersönlicher geworden oder gar als Negativ geschnitten, die Kontraste dadurch gesteigert, Vorder- und Hintergrund sind möglich geworden, auch im flächenhaften Scherenschnitt. Die übers Papier wirbelnden Formen aus dem Märchenreigen sind in den neueren Schnitten in große schwarze Flächen eingebunden und beziehen daraus ihre Spannung, der Hintergrund aus gestuftem farbigem Papier verstärkt das Intime, Zauberhafte der Darstellung. Stimmungsbilder sind entstanden, die Gefühle wiedergeben. Vor den Hexen Luise Neuperts kann man Angst haben, dies sind keine gemütlichen weisen Frauen.
ie Märchendarstellung im Scherenschnitt wird in den Arbeiten Luise Neuperts aus der Tradition heraus in die Moderne geführt. Es sind fast Grafiken geworden - doch lebt in ihnen das Wiederkennbare fort, das uns das Gefühl gibt, sie schon einmal gesehen zu haben - und sei es im Traum.
Ein zweites großes Thema Luise Neuperts
ist die Illustration von Weltliteratur, wobei sie einen besonderen Schwerpunkt
im Altertum setzt, etwa in Ilias und Odyssee (Raub der Europa, Circe),
der Bibel (Samson und Dalila) und dem Gastmahl des Trimalchio des Gaius
Petronius Arbiter. Typisch sind auch hier die wehenden, bewegten Linien,
die Kontraste großer zu kleinen Flächen, daneben aber noch stärker
als bei den Märchenschnitten das Arbeiten mit grafisch reduzierten
Formen und daraus auch die Näherung an die Karikatur. Humorvolle,
spritzige Figuren, denen es ganz offensichtlich Spaß macht, zu agieren.
Keine Ruhe ist in diesen Szenen, es springt und hüpft in diesen Schnitten,
daß es eine Art hat. Aus dem Augenwinkel ist man versucht, den Kopf
schnell zu drehen: Um festzustellen, daß es sich doch «nur»
um ein stilles schwarzes Papier in der Fläche handelt...
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Orakel zu Delphi: Pytia, weissagend, 50x60 cm |
Die thematische Vielseitigkeit Luise Neuperts zeigen auch ihre Illustrationen zu Eichendorffs Taugenichts, Defoes Robinson, Shakespeares Sommernachtstraum... (s. ganz oben)
Der dritte Bereich ihrer Kunst ergibt sich
wiederum aus den beiden vorhergehenden. Wieder sind es die bewegten Formen
und Kontraste der Märchenschnitte, wieder die grotesken Elemente der
illustrationen, aber jetzt sind die grafischen Elemente in den Vordergrund
getreten. Die Illustration löst sich von der Literatur, die Bilder
werden dekorativer, ohne flacher zu sein: Grafiken. Beispielsweise die
Geigerin von hinten, oder, einmal ganz anders, die Dame mit Schmetterling.
Luise Neupert schöpft hier aus dem Vollen, hat sie doch über
Jahrzehnte hinweg Grafik gesehen und gemacht, die Formen schießen
ihr sozusagen in die Schere und entfalten dort ihr Eigenleben. Die Grenze
zur Abstraktion überschreitet Luise Neupert dabei allerdings nicht
- und wahrt hiermit das Eigentümliche des Scherenschnitts.
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Dame mit Schmetterling (1988), 50x36cm |
Natürlich gehen diese Entwicklungen ineinander über, sind nicht unbedingt chronologisch...
Durchaus nicht verschämt gibt sich Luise Neupert in allen ihren Werken: So wie es rauft und springt, so lebt und liebt es auch in ihren Schnitten. Gerade dies macht ihre Kunst oft so reizvoll, so geradeheraus, sie sagt selbst: «Etwas Pfeffer schadet nicht...».
Obers Ganze betrachtet, ergibt sich die
Entwicklung einer Künstlerin in ihrer Zeit. Aus der Technik des Scherenschnitts
heraus verstärkt sie die Bildwirkung unter dem Einfluß grafischer
Techniken und entwickelt ihre eigene Formensprache zur Reife. Thematisch
gelangt sie von Volks- und Kunstmärchen über die Beschäftigung
mit der Weltliteratur bis zur Auflösung alle Thematischen in der Moderne.