| Name | Müller, Wilhelm |
| Geboren am .. | 07.04.1804 |
| Verstorben am ... | 27.04.1865 |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 18 |
| Autor(in) | Joachim Pfeiffer |
Ich bin zwar nicht in Düsseldorf geboren,
wohne aber schon seit über 30 Jahren in dieser Stadt.
Und das war wohl mit ein Grund, warum
man bei mir anfragte, ob ich nicht einmal etwas über Wilhelm Müller,
den berühmten Scherenschneider, der von 1804-1865 in Düsseldorf
lebte, schreiben könne.
Ja, ich wollte es. Und bei den vielfältigen Recherchen stieß ich auf eine Reihe von interessanten Fakten über ihn und sein Werk. Aber ermöglicht wurde das erst, als ich aus dem Archiv des Deutschen Scherenschnittvereins die verschiedensten Berichte und Zeitungsausschnitte aus dem vorigen Jahrhundert über diesen Scherenschneider erhielt.

In den Düsseldorfer Nachrichten vom
5. Juni 1929 war zu lesen: „Müllers Eltern starben früh. Sollte
die Schusterei seine einzige, dürftige Erwerbsquelle bleiben? In der
Krämerstraße hatte er seine Werkstatt, die zum Leben zu wenig
und zum Sterben zu viel einbrachte. Aber im ,Klumpengymnasium’ schon, in
der Volksschule, fiel seine starke zeichnerische Begabung auf. In der Lehre,
so sagt man, habe er mit Vorliebe seltsame Gestalten aus allerlei Papier
mit der Lederschere geschnitten.“
Vorübergehend, für wenige Monate,
war er in der Lithographischen Anstalt von Arnz & Co, die in enger
Verbindung mit der Düsseldorfer Kunstakademie stand, als Mitarbeiter
tätig. Immer mehr widmete er sich dann der Silhouettenkunst.
Wilhelm Müllers damalige Adresse
war die Ratinger Straße 20. Das Haus steht heute nicht mehr. Wie
schade, und wie gerne hätte ich das Rad der Zeit etwas zurückgedreht.

Die Tätigkeit als Silhouettenschneider
wurde im Firmenschild seiner späteren künstlerischen Arbeit dargestellt.
Wilhelm Müller wohnte in der Ratinger
Straße im Haus von Bäckermeister Wilms, und sein Nachbar war
der Schneider Zimmermann, der als 6-jähriger Junge jeden Mittag für
ihn das Essen holte. Sein Botenlohn bestand dann und wann in einem Bildchen,
mit dem der Junge damals nur wenig anfangen konnte. Aber er lernte dabei
Müllers Lebensumstände bestens kennen und erzählte viele
Jahre später davon, wie in einer Quelle aus dem Archiv des Dt. Scherenschnittvereins
(„Der Schuster W. Müller“, Dr. J. Schmittmann), nachzulesen ist:
„Man konnte sich keine ärmlichere
Wohnung als dieses Zimmer in der Mansarde vorstellen. Hier hauste er mit
seinem lungenkranken Sohn“ der, soweit die Unterlagen stimmen sollten,
die zauberhaften Blumenranken um Müllers Scherenschnitte anfertigte.
„In einer Ecke stand ein kleiner Säulenofen,
der jeden Augenblick zusammenfallen konnte, und in der anderen ein Bett,
auf dem ein paar mottenzerfressene Decken lagen. Aber in der Nähe
vom Fenster dann ein Sortiment der feinsten Messer und Scheren, säuberlich
geordnet. Abends ging Müller dann durch die Wirtschaften und verkaufte
seine Bildchen für 5 und 10 Pfennig das Stück.”
Aus eigener Erfahrung mit dieser Kunst
kann ich von der Praxis her ermessen, wie unglaublich das ist, was sich
hier in den verschiedensten Schattierungen dem Betrachter zeigt. Unglaublich
schon der Lebensumstände wegen. Denn wie und wo entstanden diese Scherenschnitte?
Die Konzentration, eine ruhige und sichere
Hand und die Phantasie für eine Fülle von Einfällen waren
eigentlich hierfür die Voraussetzung, die in der eigenen ärmlichen
Behausung oder in der lärmenden Umgebung einer Wirtschaft, in der
er sich oft aufhielt, nicht anzutreffen war.
Kann man heute mit Bestimmtheit sagen,
welche Arbeiten nun von Wilhelm Müller stammen, also Originale seiner
eigenen Hand sind? Der Umstand, der das Zuordnen zu dem jeweiligen Künstler
ungemein erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht, ist die fehlende
Signatur. Ohne sie könnte der Scherenschnitt genauso von Karl Fröhlich
stammen, der auf der Wanderschaft nach Düsseldorf kam, hier mit Müller
zusammentraf und bestimmt Anregungen durch ihn erhielt. Paul Konewka gehört
auch in diesen Kreis, da alle drei sich oft in ihrer Auffassung, Technik
und Wahl der Objekte ähneln.
Wilhelm Müller brachte von Haus aus
bereits einen scharfen Blick und eine gute Beobachtungsgabe für die
Natur und für seine Umwelt mit. Von daher ist es zu verstehen, warum
er es meisterhaft vermochte, Gestalten und Formen aus dem Gedächtnis
in Papier nachzuschneiden.
Bei den vielen Themen, die er mit der
Schere festhielt, stößt man immer wieder auf Bilder aus dem
täglichen Leben. Bilder, die in ihrer liebenswerten Art Spiegelbild
der damaligen Zeit, des Biedermeier sind. Im Düsseldorfer Generalanzeiger
vom 3. Oktober 1886 ist festgehalten: „Die Gegenstände seiner Darstellung
nahm Müller vorzugsweise aus der Natur und dem Volksleben. Wilde und
zahme Tiere gab er in charakteristischen Stellungen (...) gar prächtig
wieder. Komische Gesellschaftsscenen gelangen ihm vorzüglich. Es gibt
Arbeiten von ihm, die durch die Lupe gesehen werden müssen und den
Beschauer alsdann zu einer ähnlichen Bewunderung hinreißen,
wie die Betrachtung eines Insekts unter dem Mikroskop hervorruft. Aber
auch größere Sachen gingen unter seiner Schere hervor. So schnitt
er mehrmals das Abendmahl nach Leonardo da Vinci’ in ansehnlichem Format.“

Selbst bei Schnitten mit der Größe von nur einigen Millimetern besticht, bei ihrer Winzigkeit, die Exaktheit und Klarheit der Technik. Vieles, was damals entstand, wurde später in alle Winde zerstreut und ist heute leider zum Teil unwiederbringlich verloren. Eine große Sammlung ist jedoch im Archiv des Stadtmuseums Düsseldorf bis heute erhalten.
Als Müller für seine so geschickt
geschnittenen Arbeiten Anerkennung fand, zog er umher und verkaufte sie
in den Altstadtkneipen, die seine zweite Heimat geworden waren. Für
ein Gläschen Korn, ein Glas Bier und für ein Linsengericht schuf
er Kabinettstücke erlesener Silhouettenkunst, die der Wirt oft in
Zahlung nahm. So machte er auf diese einfache Art für sich selber
Werbung. Schon bald führten ihn daher die Düsseldorfer Adressbücher
seiner Zeit als „Silhouetteur“, und keinen Hinweis mehr auf das ehrsame
Schusterhandwerk. Er gehörte zu den Düsseldorfer Originalen,
die in der ganzen Stadt bekannt waren.
In den Kneipen fand ihn auch sein Gönner
Theodor Löbbecke, der Stifter des Löbbecke-Museums, der ihm in
seinem schönen Hause an der Schadowstr. 54 ein Zimmer einräumte.
Am 27. April 1865 erlag Wilhelm Müller
im städtischen Krankenhause einem Leberleiden. Wenige Tage später
berichtete eine Zeitung (zitiert in einem nicht näher bezeichneten
und undatierten Bericht aus dem Archiv): „Am 27.ds.Mts. starb hierselbst
im städtischen Krankenhause unser Mitbürger der Ausschneider
Wilhelm Müller, der in seiner Art wirklich ein Künstler war.
Die Auffassungsaufgabe des schlichten Mannes (er war von Profession Schuhmacher)
in betreff alles dessen, was er darstellen wollte, war wirklich bewunderungswürdig
und wurde nur übertroffen durch die Fertigkeit, mit welcher er durch
seine Schere auch das Verschiedenste wiederzugeben verstand. Seine Sachen
sind allgemein verbreitet und haben bei Künstlern und Kunstkennern
Beachtung und Anerkennung gefunden.“