Home
Künstler
Meidinger, Josy
| Name |
Meidinger, Josy |
| Geboren am .. |
19.12.1899 |
| Verstorben am ... |
07.06.1971 |
| Vereinszeitung Ausgabe |
SAW 03 |
| Autor(in) |
Dr. E. Gernert |
Es war einmal..., so begann bereits vor
46 Jahren ein Zeitungsartikel über Josy Meininger, in dem sie als
„gütige Fee“ nach zu Lebzeiten gewürdigt wurde.1 Und
schon der Standart der Wiege in Kloster Schaftlarn, wo der Vater als Altphilologe
lehrte, wie auch der Geburtstag am 19.12.1899 mit der feierlichen Vorweihnachtsstimmung
im Kloster passen zu dieser Einleitung.
Wohlbehütet wuchs sie zunächst
mit ihren beiden älteren Geschwistern im Schoße der Familie
und einer kunstinteressierten, kuIturbeflissenen Gemeinschaft auf.

1906, als der Vater an das humanistische Gymnasium
in Neuburg a.d. Donau versetzt wurde, kam sie an ihren künftigen Heimatort.
Nach Absolvierung des Mädchenlyzeums durfte die junge Josefine, wie
sie damals offiziell laut Studienausweis hieß 1916 an die Königliche
Kunstgewerbeschule in München. Spätestens von da an war der Zeichenstift
ihr ständiger Begleiter, wie etwa bei ihren häufigen Besuchen
im Tierpark Hellabrunn, wo sie vom Elefanten bis zur Maus ihre Tiermodelle
fand und im Skizzenblock festhielt.
Nach ihren Eltern sollte sie Zeichenlehrerin
werden. Sie begann 1919 nach Studienende auch als Referendarin, erkannte
aber rasch, dass sie dafür nicht geeignet war. So versuchte sie sich
1920 als freiberufliche Künstlerin in ihrer Heimatstadt. Der Erfolg
gab ihrem Entschluss recht.
Bereits während der Zeit in München
hatte sie auf Empfehlung eines ihrer Professoren für einige Verlage
kleinere Aufträge erledigt. Nachdem ihre Arbeiten überall Anklang
fanden, weitete sich diese Verlagstätigkeit so aus, dass sie bald
bescheiden davon leben kannte.
Privat hatte sie zunächst weniger
Glück. Neben dem frühen Tod der Eltern verlor sie in jungen Jahren
einen lieben Freund durch dessen Tod. In ihrer sensiblen Mentalität
ging ihr dieser Verlust so nahe, dass sie lebenslänglich keine tiefere
Bindung mehr zu einem Mann finden konnte. So blieb sie ledig und beließ
es bei guten Freundschaften.
Dazu zählte als wohl älteste
die mit A. Steinlein, dem Begründer und bis zur Auflösung 1969
Leiter der „Nürnberger Künstler-Marionetten-Bühne“ im Bayerischen
Volksbildungsverband. Dafür fertigte sie die von Kritikern vielgelobten
Bühnenbilder und die Kostüme der von dem Holzbildhauer M. von
Spaun handgeschnitzten Marionetten. Sie befinden sich heute im Fundus des
Nürnberger Spielzeugmuseums.

Nicht zuletzt diese Tätigkeit war Anlass
zu den häufigen Aufenthalten bei ihrer Schwester in Nürnberg.
Hier besorgte sie ihr Arbeitsmaterial und betrieb weitere Studien, besonders
mit Zeichnungen im Germanischen Nationalmuseum.
Eine andere wichtige Beziehung hatte sie
zu Augsburg. Hier lebte eine Tante, welche sie während deren längerer
Krankheit betreute und 1929 beerbte, vor allem aber die Schriftstellerin
Marie Luise von Wallersee, geschiedene Gräfin Larisch, Nichte und
langjährige Vertraute der Kaiserin Elisabeth von Österreich,
der legendären "Sissi". Als deren Sekretärin hatte Frau von Wallersee-Larisch
von der Kaiserin verfasste Märchen und Gedichte, in welchen Zustände
und Geschehnisse am Wiener Hof in versteckter Form persifliert wurden,
nach Diktat aufgeschrieben. Diese Schriften sollte J. Meininger im Auftrag
der Frau von Wallersee-Larisch, die zur befreundeten „Pseudotante“ geworden
war, mit Scherenschnitten illustrieren.
Die Schnitte entstanden auch, das geplante
Buch scheiterte aber an Krankheit und schließlich dem Tod der „Tante“
1940 in Augsburg.
Die wohl wichtigsten Verbindungen hatte
J. Meininger aber mit ihren lebenslänglichen Gönnern Kronprinz
Rupprecht von Bayern und Herzogin Marie von Bayern. Es ist nicht bekannt,
wie diese außergewöhnliche Verbindung zustande kam. J. Meininger
äußerte sich nie dazu. Jedenfalls gewährte ihr Kronprinz
Rupprecht als damaliges Oberhaupt des Hauses Wittelsbach ein unentgeltliches
Wohnrecht in Schloss Neuburg. Dort durfte sie die gesamte 4. Etage im Südturm
des Hauptbaues als Atelier und Wohnung nutzen. In den über 100 qm
großen, 5 m hohen, lichten Räumen, mit fast 3 m hohen Fenstern,
ausgestattet mit geerbten und geschenkten schönen alten Stilmöbeln,
Bildern und Teppichen, konnte sie sich hoch über den Dächern,
eingebunden in das Leben der Stadt, aber doch mit der für ihre Arbeit
wichtigen Distanz, frei und unbeschwert entfalten.
Im Ort war sie mit ihrer zierlichen Gestalt,
meist in Stilkleidern, ihre beiden Hündchen unter dem Arm, als „Schlossfräulein“,
bei den Kindern als „Hundetante“ bekannt und wegen ihres freundlichen,
bescheidenen Wesens allgemein beliebt.
Diese Idylle fand 1945 ein Ende, als beim
Einmarsch der US-Streitkräfte in Neuburg die in Nebenräumen des
Schlosses internierten russischen Zwangsarbeiter freigelassen wurden.
Sie zogen plündernd durch das Schloss,
verwüsteten die Raume, demolierten die Möbel und warfen im Atelier
die Bilder zu Boden, um darauf herumzutrampeln. So gingen fast sämtliche
Gemälde und Zeichnungen größeren Formates verloren. Sich
selbst, ihre Hündchen, kleinere Skizzenblocke und die meisten Mappen
mit den Scherenschnitten, die wegen des kleinen Formates zu verstecken
waren, konnte sie rechtzeitig in Sicherheit bringen.
Nachdem die Räume in Schloss Neuburg
unbewohnbar geworden waren, überließ ihr das Haus Wittelsbach
neue Räume im Jagdschloss Grünau bei Neuburg. Das brachte Vor-
und Nachteile. Dort wohnte außer ihr nur der Förster mit Familie.
Ohne Fahrzeug und Verkehrsverbindung zur Stadt lebte sie ziemlich abgeschieden.
Andererseits liebte sie die Stille und
Unmittelbarkeit der Natur. Die Schwalben nisteten in den hohen Schlosszimmern,
die Eichkätzchen tummelten sich auf Fensterbrettern und Blumenkästen
und die Rehe kamen aus dem nahen Wald bis vor die Fenster, so dass sie
ihre Tiermodelle vom Atelier aus zeichnen konnte.

Waren früher mehr Menschen ihre bevorzugten
Motive, so wurden es hier ihre neuen Nachbarn, die Waldbewohner. In der
stillen, kontemplativen Beobachtung der Natur reiften die Bilder zu einfachen,
klaren, fast zum Symbol stilisierten Formen.
Doch So schön das Leben in der freien
Natur sein konnte, die Nachteile machten sich mit zunehmendem Alter auch
gesundheitlich bemerkbar. Die feuchte Luft der Wälder, der nahen Donauauen
und die mangelnde Beheizbarkeit der großen Schloßräume
trugen zu rheumatischen Beschwerden in den Händen bei. Damit schwand
die für so filigrane Arbeiten unentbehrliche Fingerfertigkeit, so
dass ab 1967 nur noch wenige Schnitte entstanden. Die Arbeit verlagerte
sich zu Zeichnungen in Pastell, Rötel und Kohle, vorwiegend aber aquarellierten
Federzeichnungen von Stadtmotiven. Am 7. Juni 1971 schließlich verstarb
J. Meininger unerwartet in Schloss Grünau.
Wenn J. Meininger, die zunächst in
jungen Jahren zumindest in einschlägigen Kreisen schnell bekannt geworden
war, nach 1939 in Vergessenheit geriet, so lag das an ihrer Person. In
ihrer zu bescheidenen Art scheute sie öffentliche Auftritte, verstärkt
auch durch schlechte Erfahrungen. So wurden etwa ihre Arbeiten in Ausstellungen
abfotografiert und nicht selten fand sie dann Plagiate als Laubsägearbeiten
oder Christbaumschmuck. Auch war ihr jedes Geltungsbedürfnis fremd
und ihre Arbeiten behielt sie sowieso lieber für sich. Verkauft hat
sie nur, wenn es wirklich nicht anders ging, und meist schenkte sie lieber
noch her, weil sie sich scheute, einen angemessenen Preis zu verlangen.
Finanziell war sie auf Verkäufe nicht
angewiesen. Sie hatte zwar kein Geld, aber das bedeutete ihr absolut nichts.
Wenn ihr mit Briefen Geldscheine für Arbeiten zugesandt wurden, beantwortete
sie zwar die Briefe, ließ die Scheine aber achtlos wochenlang im
Umschlag liegen. Ihre Verlagsarbeit und die 1929 angefallene Erbschaft
gaben ihr die nötigsten Mittel für das in den täglichen
Bedürfnissen völlig anspruchslose Leben. Die Kleidung, vorwiegend
Stilkleider, nähte, strickte und bestickte sie meist selbst, als Nahrung
genügten ihr Brot und schwarzer Tee, den sie regelmäßig
von englischen Freunden für kleinere Arbeiten geschickt bekam, Wohnung
und Atelier hatte sie einschließlich Nebenkosten frei und das schöne
künstlerische Ambiente, auf das sie allerdings großen Wert legte,
hatten ihr Gönner und Schicksal beschert.
So genügsam sie bei sich selbst war,
so freigebig war sie zu anderen und so sehr verwöhnte sie ihre Lieblinge,
zwei Pekinesen-Hündchen. Im Ort war sie mit ihrer zierlichen Gestalt,
meist unter jedem Arm ein Hündchen tragend, als das „Schlossfräulein“,
bei den Kindern als „Hundetante“ bekannt und in ihrer stillen, freundlichen
Art beliebt.
In ihrer künstlerischen Arbeit war
J. Meininger sehr vielseitig. Natürlich hat sie als Kind auch schon
mit der Schere geschnipselt. Aber Anfang und Grundlage aller späteren
Arbeit war die Zeichnung. In ihr reiften Bildvorstellung und Formgefühl.
Zum ursprünglichen Bleistift kamen
Kohle, Rötel, Kreide und Feder, dann Aquarell und Pastell, Holz- und
Linolschnitt, Blumenintarsien, Stickereien und zunehmend Scherenschnitte
als Technik, als Thema alles vom Menschenbild über religiöse
und mythologische Darstellungen bis zu Tier-, Natur- und Architektur-Motiven,
Kunstschriftblättern, wie Urkunden und Kanontafeln, Altarbildern und
schließlich das Besticken von Messgewändern.


Zum Scherenschnitt wurde sie während
des Studiums in München in einer Zeit hingeführt, als er hoch
geschätzt war, in den großen Ausstellungen, wie im Königlichen
Glaspalast in München einen ständigen festen Platz hatte. Die
Einflüsse aus dieser Zeit mit dem in seiner Hochburg ausklingenden
Jugendstil und Nachwehen expressionistischer Tendenzen sind in vielen Arbeiten
deutlich erkennbar.
Auch die Vorliebe zu Schattenspiel und
Schattentheater in damaligen Schwabinger Künstlerkreisen findet sich
bei J. Meininger in ihrer Arbeit für die „Nürnberger Künstler-Marionetten-Bühne“
und ihren als Scherenschnitt-Dias konzipierten Serien „Totentanz“ und „Dreikönigslegende“
wieder.
Bei der Arbeit mit den Verlagen hatte J. Meininger
erfahren müssen, dass ihre filigranen Arbeiten oft beschädigt
zurückkamen. Die Blätter wurden auf benötigte Druckmasse
zurechtgeschnitten, zur Befestigung mit Nadeln durchlöchert, Teile
umgeknickt und vom Untergrund gelöst. Sie ging deshalb dazu über,
die für Illustrationen bestimmten Arbeiten mehrfach zu schneiden,
indem sie auf das normale Scherenschnittpapier schwarzes Seidenpapier oder
auch andersfarbiges, etwa Goldpapier, legte und gleichzeitig mitschnitt.
Dabei entstanden gleiche Bilder, aber aus verschiedenen Papieren. Den Grundschnitt
aus dem üblichen festeren Papier mit weißer Rückseite,
auf welcher das Motiv nach Bleiskizzen aus den Zeichenblöcken grob
angerissen war, behielt sie für ihre Sammelmappe. Die Mitschnitte
aus dem ohne zusätzliche Fixierung auf lange Sicht nicht lichtbeständigen
Seidenpapier gab sie den Verlagen als Illustrationsvorlagen. Diesem Umstand
ist es zu verdanken, dass die wesentlichen Schnitte auch aus frühen
Jahren größtenteils erhalten sind und zusammen mit publizierten
Drucken ein Gesamtbild ihres Lebenswerkes im Scherenschnittbereich vermitteln
können. Für J. Meininger gab es nur den reinen, „ehrlichen“ Scherenschnitt.
Jede Kombination mit anderen Techniken, etwa zeichnerisches Beiwerk, lehnte
sie als nicht werkgerecht ab. Es musste wirklich alles mit der Schere geschnitten
sein, auch die farbigen Hintergründe und Kulissenschnitte aus Seidenpapier
oder Seide. Diese farbige Ausgestaltung wurde von Kunstverlagen vor allem
für Kunstpostkarten und Kinderbücher angeregt, weil Kinder stets
Farbe verlangten.
Bei entsprechenden Motiven, sensibler Gestaltung
in Farbwahl und Schnitt, geben sie dem Bild noch Dichte und vermögen
dem manchmal kalten Schwarz-Weiß- Kontrast zusätzlich Charme
und Stimmung zu verleihen. Allerdings erfordern sie besonderes künstlerisches
Feingefühl und absolut sichere Technik. Denn die aus manchmal fünf
oder mehr Farbschnitten zusammengefügten Hintergründe müssen
sich nicht nur dem Schwarzschnitt exakt einfugen, sie müssen vor allem
den lebendigen Linienfluss in allen Teilen harmonisch fortsetzen. Die dafür
unerläßliche Akribie darf aber die Dynamik der Gesamtdarstellung
nicht beeinträchtigen. Wie schwer hat es da die Schere gegenüber
Stift und Pinsel !
Kennzeichen der Meidinger-Schnitte sind
Klarheit, Harmonie und heitere Beschwingtheit. Sie geben ihnen neben der
äußeren Form auch den Ausdruck und tieferen künstlerischen
Gehalt. Wer J. Meininger kannte, weiß, dass sie aus dem verinnerlichten
Wesen der Künstlerin kommen.
Ein Kritiker2 schrieb über
die Meidinger-Schnitte anläßlich einer Gedächtnisausstellung
1978 in Neuburg unter der Überschrift „Zwingende Vermittlung“:
„Doch wie schnell ändert sich die
Stimmung, wenn man näher tritt, die kleinen geschnittenen Bildchen
nur schnell Revue passieren läßt und unbemerkt und scheinbar
unvermittelt immer länger vor den einzelnen Arbeiten stehen bleibt.
Sicherlich, ein Scherenschnitt teilt sich oftmals schneller und direkter
mit als ein anderes Bild, und so ist das Verweilen kein analytisches, nach
einer Aussage suchendes, vielmehr ein ruhiges Innehalten, bewegt von der
stillen Freude, die Josy Meidinger's Werk so unaufdringlich und desto zwingender
vermittelt, der man sich zuerst vielleicht unbemerkt und zusehends immer
williger hingibt.“
Anmerkungen:
1) Doris Stepperger, „Die Geschichte vom
Schlossfräulein“, Neue Neuburger Zeitung vom 27.5.1950
2) Josef Heumann, Neuburger Rundschau
vom 30.9.1978