| Name | Matisse, Henri |
| Geboren am .. | 27.08.1875 |
| Verstorben am ... | 04.09.1941 |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 17 |
| Autor(in) | Doris Holzknecht |
„Der Scherenschnitt ist bisher die einfachste und unmittelbarste Ausdrucksform für mich“, resümierte Henri Matisse (1869-1954) gegen Ende seines Lebens. Als er nach einer Operation 1941 zeitweise an den Rollstuhl und ans Bett gefesselt war, griff er zu dieser weniger anstrengenden Technik, die aber auch künstlerisch über die Ölmalerei hinausführte. Daraus resultierte ein brillantes Spätwerk, das ungeheuer populär wurde.
Ich habe von ihm viel gelernt und verehre
ihn und bewundere seine Kunst sehr. So möchte ich einen kleinen Beitrag
für unsere Zeitschrift „Schwarz auf Weiß“ über dieses Thema
geben.
Was interessiert uns als Scherenschneider/innen
wohl am meisten? Das überlegte ich hin und her und fand eine Antwort
in dem Buch von Françoise Gilot „Matisse und Picasso“ 1990 bei Kindler.
Somit überlasse ich der Autorin das Wort, denn sie kannte den Meister
persönlich und schildert humorvoll und liebenswert genau, wie sie
Matisse beim „Zeichnen mit der Schere“ zugeschaut hat:
„Als wir ankamen, fanden wir Matisse mit
einer riesigen Schere bewaffnet. In kühnem Schwung schnitt er Formen
aus bunten Papierbogen aus, die nach seinen Anweisungen in satten Farben
getönt worden waren. Behutsam hielt er mit der linken Hand das Blatt,
das ihm für seine Zwecke geeignet erschien, und schnitt, während
er es drehte und wendete, mit der Rechten mit großem Geschick die
unglaublichsten Formen aus. Frauen, Pflanzen, Vögel, Tänzer,
Badende, Seesterne und abstrakte Gebilde - eine ganze Welt voller Kraft
und Vitalität entstand unter seinen Händen.

Es war faszinierend, ihm bei der Arbeit zuzuschauen, zu beobachten, wie er in die reine Farbe hineinschnitt. Die Überbleibsel wurden sorgfältig untersucht. Mitunter gaben sie noch ein unerwartetes Schmuckelement ab oder eigneten sich zur Andeutung der Leere, das heißt, zu einer Art Schlüsselloch-Effekt. Die fertigen Formen wanderten auf farbige Bogen, die aufs Geratewohl an der Wand befestigt waren. Dort wurden sie nach Matisse' Anweisungen noch ein wenig nach links, ein wenig nach rechts, nach oben oder unten gerückt, bis schließlich die gesamte Assemblage in eine Wechselbeziehung trat und zu blühen begann. ...
Während wir uns unterhielten, fielen
die Papierschnitte lustig auf Matisse' Tagesdecke herunter. Bis zu diesem
Zeitpunkt hatte er nur eine Form nach der anderen ausgeschnitten, ohne
sie in irgendeiner Weise zusammenzustellen. Plötzlich stieß
er auf eine winzige schwarze Figur, die während der Arbeit an einer
größeren heruntergefallen war. Er musterte sie aufmerksam und
sagte dann: „Das ist Françoise im Profil mit ihren langen Haaren,
eine kleine kniende Figur. Ich weiß schon, was ich jetzt mache.“
Er nahm einen Bogen in kräftigem
Grün, hielt einen magentaroten Papierschnipsel dagegen, begutachtete
den Aufeinanderprall der beiden Farben und erwog die Möglichkeit,
die Schockwirkung durch die schwarze Form abzumildern. Dann nickte er zufrieden,
begann aus dem grellen Rot eine komplizierte Figur auszuschneiden, die
wesentlich größer war als die winzige kniende Gestalt, und ließ
noch zwei an Seetang erinnernde Formen folgen. Vor sich auf dem Bett hatte
er ein Tablett, auf dem bereits das grasgrüne Rechteck lag und auf
die übrigen Teile wartete. Die rote Form legte er rasch senkrecht
in die Mitte des Blattes, die kleine Figur platzierte er entschlossen in
der linken unteren Ecke. Mehrere Male veränderte er noch die Position
der beiden Tangschnipsel in den oberen Ecken, dann war er mit dem Ergebnis
zufrieden.
In gleicher Weise schnitt Matisse eine
schwarze Form für die rechte untere Ecke aus, doch als er sie dort
hingelegt hatte, sah die ganze Komposition zu gleichförmig und ein
bisschen langweilig aus. Die Symmetrie war einfach zu stark. Matisse nahm
das Teil sofort wieder weg und verkleinerte es gnadenlos mit seiner Riesenschere,
bis es ziemlich winzig war, aber scharfe Zacken aufwies. Es hatte nun zwar
jegliche Schönheit verloren, dafür aber ein Höchstmaß
an Energie gewonnen.
Wir waren ganz gebannt und hielten den
Atem an, als Matisse sich daranmachte, diesem letzten Schnipsel seinen
Platz zuzuweisen. Dabei zögerte er keine Sekunde. Es war, als würde
er von einer fremden Macht getrieben. Langsam, aber entschlossen legte
er die dreizackige Form rechts unten auf die grüne Fläche. Sie
saß einfach perfekt. Alle Teile schlossen sich schlagartig zur Einheit
zusammen, zu einem ausgewogenen und doch nicht übertrieben abgezirkelten
Ganzen mit der rechten Mischung aus Spannung und Ruhe, aus Bedrohung und
Hochstimmung, aus Elan und Innehalten - einem Ganzen, das Gemüt und
Sinne, das den Menschen in seiner lebendigen Existenz zutiefst befriedigte.
Wir hatten ein ganz und gar zerbrechliches Meisterwerk vor uns, das noch
keineswegs für die Nachwelt gesichert war. In der eindrucksvollen
Stille, die nun folgte, gelang es Lydia mit Hilfe etlicher Nadeln, die
fünf Formen auf dem Untergrund zu befestigen, ohne sie zu verschieben.
Wir saßen wie angewurzelt da und konnten uns erst allmählich
aus der Trance befreien. In vollkommenem Einklang mit Matisse hatten wir
den gesamten Werdegang mitverfolgt und an jeder seiner Bewegungen und Entscheidungen
Anteil genommen.
Unterdessen griff Matisse mit einem triumphierenden
Lächeln zu seinen Bleistiften, suchte einen aus, schrieb etwas auf
das Blatt und überreichte es mir.
Die Widmung lautete:
Für Françoise Gilot
Mit vorzüglicher Hochachtung
H.Matisse, Dez. 47