| Name | Kirchner, Ursula |
| Geboren am .. | 1931 |
| Verstorben am ... | |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 02 |
| Autor(in) | Otto Kirchner |
Biografisches
Ursula Kirchner wurde 1931 in Stuttgart
geboren. Sie lebte bis 1938 in Dörrenzimmern KreisKünzelsau,
wo ihr Vater Dorfschullehrer war. Von ihm erhielt sie die ersten Anregungen,
Scherenschnitte zu machen. Größere Bedeutung für die Anfänge
hatte jedoch die Mutter. Sie hatte ganz bestimmte Vorstellungen, wie ein
Scherenschnitt hergestellt werden muß: Ohne Vorzeichnen und an einem
Stück. Nach dem Abitur 1950 ging Ursula Kirchner ein Jahr nach England
und besuchte danach die Dolmetscherschule. 1953 heiratetete sie und hat
drei Söhne geboren: Thomas, Hans und Rudolf. Hans ist im März
1995 gestorben. Er hat sich intensiv mit dem Scherenschnitt beschäftigt,
eine erste Bibliographie erstellt und begonnen, ein Archiv aufzubauen.
Außerdem hat er einen Scherenschnittverlag gegründet und fünf
Büchlein mit Scherenschnitten seiner Mutter veröffentlicht. 1975
war in Stuttgart die erste Einzelausstellung von Ursula Kirchner in Stuttgart.
Seither hatte sie zahlreiche Ausstellungen in Deutschland und in der Schweiz.
Ursula Kirchner ist Mitglied im Bund Bildender Künstlerinnen Württembergs
und im Kunsthöfle Bad Cannstatt.
![]()
Helmut Pfisterer: Nacht trinkt Sonnenblumen
Verlag Bärbel Ammann 1982
Ovid: Die große Flut Lithos-Verlag
1983
104. Psalm Lithos-Verlag 1985
Tausendundeine Nacht Dt. Bücherbund
1987
Deutsche Märchen Dt. Bücherbund
1988
Europäische Märchen Dt. Bücherbund
1989
Fünf Scherenschnittbüchlein
Federgansverlag 1994
Schwäbisch saumäßig Silberburgverlag
1994
Zum Werk
Ursula Kirchner benützt für
ihre Scherenschnitte nur die Schere. Sie sticht damit ins Papier und läßt
beim Weiterschneiden in der Regel den Einstich sichtbar stehen. Den Bildentwurf
im Kopf setzt sie direkt in den Schnitt um. Es entsteht eine Art Papierrelief,
das in seiner Entstehungsweise der Arbeit des Bildhauers näher steht
als graphischen Drucktechniken. Scherenschneider wurden deshalb früher
als Papierschnitzer bezeichnet.
Seit ihrer Kindheit auf dem Dorf hat Ursula Kirchner eine intensive Beziehung zur Natur. Man kann das bis heute in ihren Scherenschnitten sehen: Pflanzen und Tiere sind ihre wichtigsten Themen. Auch bei Arbeiten zu literarischen Texten bleiben sie präsent. «Über hundert Krähen flogen durch den schönsten Regenbogen» heißt es in «Nacht trinkt Sonnenblumen» von Helmut Pfisterer. Die Krähen sind kein Problem für die Scherenschneiderin, aber wie löst sie die Darstellung des Regenbogens?
Über hundert Krähen flogen
durch den schönsten Regenbogen (1982)
Außer der Nähe zur Natur gibt
es bei Ursula Kirchner eine Neigung zum Grotesken. Sie hat immer wieder
Texte illustriert, die der Phantasie '" gestalterischen Raum lassen wie
bei Morgensterns Galgenliedern oder Ovids Metamorphosen. «Scherenschnitte
aus der Fabelwelt» hat Uta Schlegel-Holzmann dazu gesagt. Anläßlich
einer Ausstellung von Scherenschnitten zu Texten von Morgenstern wurde
ihre Verbindung von Natur und Phantasie so beschrieben: «Es hat nämlich
die Künstlerin wie Morgenstern, zunächst beherrscht vom Übermaß
der reinen Lebensfülle, sich in ihren Schnitten der freien Phantasie
hingegeben, zu der jede Form der Natur anregt. Sie hat das Ornamentale
in gewachsenen Strukturen entdeckt und es mit der Schere poetisch aufblühen
lassen.»
![]() |
![]() |
|
|
|
«An den Brüsten der Natur» hat Ursula Kirchner einen Scherenschnitt betitelt. Er gehört zu einer Reihe von lebensbäumen, die 1980 im Kunsthöfle Bad Cannstatt ausgestellt waren. Günter Wirth bezeichnete sie als zauberische Bäume, die aus der Verwandlung leben.
Die Bewahrung der Natur ist das Thema der
Scherenschnitte, die Ursula Kirchner 1985 zum 104. Psalm geschnitten hat.
Wolf-Dietrich Hardung sagte bei der Einführung in die Ausstellung:
«Ihre Blätter quellen über von Gestalten. Und doch ist
alles weislich geordnet. Jedes Blatt ist - in der Ausgeglichenheit und
dem Gleichgewicht der Spannungen in der Fläche - einem dynamischen
und doch abgegrenzten lebensraum vergleichbar».
![]() |
![]() |
|
|
|
Seit 1990 sind musikalische Themen eine
der Quellen für die Scherenschnitte von Ursula Kirchner. Sie nimmt
die Formen der Notenschrift, der Instrumente und kombiniert sie in freier
und auch witziger Weise mit den Gestalten der Spieler und Sänger.
![]() |
![]() |
|
|
Das große U (1991)
Für eine Ausstellung in der «Literaturstadt»
Marbach hat Ursula Kirchner das große Alphabet geschnitten. Sie habe
eine hintergründige Bildsprache aus Symbolen und Allegorien entwickelt,
meinte die Kritik, der Betrachter könne sich davon verzaubern und
verführen lassen. Beim «U», dem Anfangsbuchstaben ihres
Namens, sieht sich die Scherenschneiderin inmitten der Fülle des lebendigen
Universums.
Ankäufe: Dt. Literaturarchiv Marbach:
24 Scherenschnitte zu "Wahls Nase" von Johann Christian Friedrich
Haug (1761- 1821)
Herausgeber: Edition Wuz. Armin Elhardt.
Andersen-Museum Odense: "Elverhoj"
(Elfenhügel) von Hans Christian Andersen. Buchobjekt, gebunden von
Otto Kirchner, auf dänisch von Hand geschrieben von Ursula Kirchner
mit 16 Illustrationen von Ursula Kirchner. 2005.