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Künstler
Kerbitz, Charlotte
| Name |
Kerbitz, Charlotte |
| Geboren am .. |
30.03.1904 |
| Verstorben am ... |
03.04.1989 |
| Vereinszeitung Ausgabe |
SAW 26 |
| Autor(in) |
Rudolf Kerbitz |

Vor etwa zwanzig Jahren begann ich, für
sie und meine Familie Scherenschnitte meiner Mutter zu sammeln, um diese
vor dem endgültigen Aus zu bewahren. Als erstes Ergebnis konnte ich
ihr noch zu Weihnachten 1988 ein Album von Kopien ihrer Arbeiten präsentieren.
Obwohl sie unermüdlich seit ihrer Jugend mit der Herstellung von Scherenschnitten
beschäftigt war, hatte sie vorher wohl nie daran gedacht, sich ein
eigenes Archiv anzulegen.
Es sind die Arbeiten der in Meerane/Sa.
geborenen Friseurmeisterstochter Rosa Charlotte Nürnberger, verehelichte
Kerbitz. Sie war die Ältere von zwei Töchtern und stand unter
starkem Einfluß ihres insbesondere musisch vielseitig engagierten
Großvaters Carl Gustav Adolph Müller, der Mitglied des Vorstandes
des Gewerbemuseums Meerane war, Mitbegründer der Vereinigung Heimatforschung,
Vorstand und Regisseur im dortigen Theaterverein, Vorstand des Aquarien-
u. Terrarienvereins, Vorstand des Verkehrsvereins und auch noch amtlicher
Armenpfleger. Großvaters Sohn, ihr Onkel Carl Ludwig Müller,
war Kaufmann. Seine Hobbys waren ebenfalls Theater und Musik, er spielte
mehrere Musikinstrumente, komponierte und dirigierte ein Liebhaberorchester.
Seine Frau beschäftigte sich mit Ölmalerei. Meinem Vater versuchte
er, vor meiner Geburt, das Zitherspielen bei zu bringen, allerdings erfolglos
(Vater überließ das Singen und Spielen lieber meiner Mutter).
Als Kleinkind erlebte ich eine Livesendung des Rundfunksenders Leipzig
mit diesem Onkel und meiner Mutter als Solistin.
Vom Großvater und dessen Vater, der
Schriftsetzer (Metteur) gewesen war, erbte sie wohl ihr Zeichentalent.
Vielleicht war es eine Schere aus dem elterlichen Frisiersalon, mit der
sie ihre ersten Scherenschnitte versuchte. An beider Interessen und den
ererbten Talenten hat sie ihr späteres Leben ausgerichtet. In der
Schulzeit bekam sie wegen ihrer guten Noten eine Freistelle für den
Besuch der Höheren Bürgerschule für Mädchen, wo sie
bei passenden Gelegenheiten mit Zither oder Laute als singende Schülerin
mit einem besonderen Timbre ihres Soprans aufgefallen war und daher bei
Frau Kantor Krantz und später bei einer Sängerin, Frl. Rackwitz,
Gesangsunterricht erhielt. Mitwirkung im Oratorienverein, Freundschaft
mit der damals bekannten Rezitatorin Ella Herzog und ihre eigenen solistischen
Auftritte im musischen Milieu einer mitteldeutschen Kleinstadt trugen dazu
bei, daß sie begann, von einer Zukunft als Koloratursopranistin par
excellence zu träumen. Doch schon mit 18 Jahren lernte sie meinen
Vater kennen. Zwar war sie gerade erst bei dem Kaufmanns-Onkel Kontoristin
geworden und arbeitete danach als Stenotypistin und Fremdsprachenkorrspondentin
in einem Werk für Holzbearbeitungsmaschinen.
Aber 1926 wurde geheiratet, 1929, 1932
und 1935 drei Söhne geboren, und damit war es aus mit dem Traum von
einer Theaterkarriere.

Der Beruf meines Vaters brachte es mit sich,
daß wir sehr oft umziehen mußten. Bei meinem Eintritt in den
Kindergarten hatte ich die dritte, bei der Schuleinführung die vierte,
Ende des ersten Schuljahres die fünfte, in der Mittelschule die sechste,
und als man mich ins Gymnasium steckte die siebente Adresse in fünf
zum Teil weit auseinander liegenden Städten auf meiner Wohnungsliste;
mit einem vorübergehenden Schulbesuch in Meerane bei Mutter's Eltern
sind es sogar acht. Teller und dergleichen in Zeitungen wickeln und in
Kisten verpacken war Standard. Über noch nicht fertige neu angestrichene
und noch nicht überall trockene Dielenbretter balancieren auch. Meine
Mutter war ganz einfach zu lokalisieren, auch für einen Blinden. Überall
wo sie stand, saß oder ging, war sie am Singen. In der Küche,
überall in der Wohnung, und überall im Freien, wenn man spazieren
ging. Ich erinnere mich daran, daß ich es als unangenehm empfand,
wenn sie mal nicht sang. Das war nämlich das Anzeichen dafür,
daß etwas im Busch war und man wahrscheinlich irgend etwas falsch
gemacht hatte, und als Ältester war ich immer dran. Damals war ich
regelmäßig froh, wenn sie wieder mit ihrem Koloratursopran verkündete:
"kommt ein schlanker Bursch' ge-ga-an-gen usw.", und alles in Butter war.
Kombiniert wurde der Gesang mit der Herstellung von Scherenschnitten. Auf
diesem Gebiet war sie Spitze. Überall und zu jeder Gelegenheit machte
sie welche, klebte sie sogar an die Fensterscheiben (z.B. im Restaurant
am alten Müggelturm am Müggelsee in Berlin) und hatte Kontakte
zu verschiedenen Verlagen (Bischof & Klein in Lengerich/Westf., Kunstverlag
E.R.Herzog, Meerane/Sa., Deutsches Verlagsbuchhaus Dresden, und ein leider
unbekanntes weiteres Schweizer Verlagshaus). Mit ihren Scherenschnitten
war sie sehr freigebig, sie konnte, während wir irgendwo zu Besuch
waren, in Nullkommanix einen Scherenschnitt ohne Vorzeichnung mit ihrer
immer mitgeführten Schere hervorzaubern und hat ihn dann verschenkt.
Familienstationen waren Schlettau und Annaberg
im Erzgebirge, Wurzen, Dresden, Zittau in Sachsen und Kleinmachnow bei
Berlin, was aber nicht etwa bedeutete, daß die Familie auch immer
zusammen lebte. Während vieler Jahre arbeitete der Vater bereits vor
dem nächsten Umzug am folgenden Wohnort, in der Dresdener Zeit wurde
er u.a. nach Hamburg und Zittau versetzt, von Zittau wieder nach Dresden
und Berlin. Ich habe meine Mutter vor allem als Scherenschnitte produzierende
Hausfrau erlebt, deren Hauptaufgabe darin bestand, drei Jungen lange Zeit
ohne Vater aufzuziehen und sich nebenher von der Plackerei in einer Welt
aus Schwarz und Weiß zu erholen. Als ich so ungefähr zehn Jahre
alt war, bekamen wir oft Post aus der Schweiz, wohin sie Briefkarten -
lauter Originale in Vignettengröße - lieferte, manchmal habe
ich ihr beim Aufkleben und Büttenrand schneiden (mit der Hand) geholfen.

Damals im Krieg begann sie auch mit der Produktion
von kunstvoll gestalteten Puppen aus gebrauchten Damenstrümpfen und
Stoffresten. Der Traum, einmal an einem Theater zu arbeiten, verwirklichte
sich für sie erst in Zittau, allerdings nun als Kostümbildnerin
und Kunstgewerblerin. Bisweilen arbeiteten die Damen der Kostümschneiderei
aus Platzmangel auch in unserer Wohnung. Meine Brüder waren derweil
im Theaterkindergarten. Ihre Freundin, die Malerin Frau Gertraud Hinrich-Möbius,
erzählte mir damals, daß die von mir bestaunte Filmschauspielanfängerin
und Exstudentin Hildegard Knef ihre Kommilitonin gewesen sei, als sie ebenfalls
Malerei studierte.
Nicht viel hat meine Mutter hinterlassen;
außer einigen Originalscherenschnitten im Besitz der Familie sind
noch einzelne unglasiert gebrannte Tonfiguren erhalten, zu denen sie im
Zittauer Atelier ihrer Freundin angeregt worden ist. Wie sie zeichnete,
zeigt auch ein Architekturmotiv.
Sie legte wenig Wert auf diese Dinge und
verschenkte immer alles, sie freute sich aber darüber, wenn man das,
was sie tat, beachtete. An dem, was sie uns hinterlassen hat, kann man
jedoch ihre Gedanken und ihren Lebensweg ablesen.

Unterzeichnet mit Lotte Nürnberger findet
man da zum Beispiel ein kleines afrikanisches Motiv: denn ihren Tanzstunden-Abschlußball
erlebte sie u.a. mit einer afrikanischen Prinzessin, der dunklen Schönheit
Jenny Pilz, Tochter eines Kolonialbeamten, der eine Tochter des dortigen
Stammesfürsten geheiratet hatte. Eine Reise zu ihren Cousinen nach
Dornbirn/Österreich in den zwanziger Jahren inspirierte sie zu Alpenlandschaften.
Während ihrer Freundschaft zur Rezitatorin Ella Herzog erscheinen
Poesie-Postkarten; in den Jahren, als sie noch mit Mann und später
den Kindern singend durch die Landschaft wanderte, solche mit (natürlich
geschnittener) Notenzeile bekannter Volks- und Wanderlieder, und als junge
Mutter Motive des Themas Mutter und Kind. In der Novemberausgabe 1935 (Das
Wikingerschiff, Verlag Bischof & Klein, Lengerich) sieht man (ihre)
zwei Jungen an der Wiege des neugeborenen "Schwesterleins". Sie muß
enttäuscht gewesen sein, denn genau in diesem Monat wurde ihr dritter
Sohn geboren. Vom Großvater übernahm sie dessen biedermeierliche
Welt; Landschaft und Natur, Märchenhaftes, Kinder und Engelchen kamen
ihr beinahe wie von selbst aus der Schere gepurzelt. Die Umgebung von Schlettau
und Annaberg/Erzgebirge inspirierten sie ebenso wie die belebte Welt, der
wir auf unseren Wanderungen begegneten. Für ihre Vorliebe, oft auch
diese Tierwelt in ihre zahlreichen Darstellungen einzubeziehen, erhielt
sie 1935 sogar vom Tierschutzverein Erzgebirge in Annaberg eine Anerkennungsurkunde.
Bleibt nachzutragen: ihr letzter Arbeitsplatz vor der Rente war, wie in
ihrer Jugend, der einer Büroangestellten und Stenotypistin. Dem Scherenschnitt
blieb sie immer treu, auch den Gesang hat sie nie ganz aufgegeben. Zwar
nicht im Theater, aber in privaten Veranstaltungen ihres Zittauer Kreises
sang sie ihre Lieder und Arien. Sogar im Altersheim zu Potsdam hat sie
sich wieder mit Musikern angefreundet. Von dort besitzen wir auch eine
- technisch allerdings nicht sehr aussagekräftige – Aufnahme ihrer
Stimme. Leider ist es die Einzige.