| Name | Jacob-Kalähne, Haidelis |
| Geboren am .. | 1942 |
| Verstorben am ... | . |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 30 |
| Autor(in) | Rainer Beßling |
Rainer Beßling „Zum Wesenskern der Natur - Scherenschnitt-Arbeiten" von Haidelis Jacob-Kalähne
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Abb.2 "Mohrenblüte", 1992, 68 x 46 cm |
Abb. 3 "Die Frucht" 1990, (Lunaria annua L.: Silberblatt) 49 x 39 cm |
Doch auch ohne den botanischen Schlüssel
bleibt ein reiches offeneres Assoziationsangebot: Blütenformen erinnern
an menschliche Silhouetten in charakterisierenden Haltungen und extremen
Stimmungslagen (Titelbild). Das Formenspiel der Pflanzen illustriert Spielarten
des menschlichen Miteinanders oder Gegeneinanders. Umgekehrt sind Porträts
eingewoben in Gras-, Baum- oder Blütenlandschaften, die das Innenleben
der Dargestellten nach außen zu kehren scheinen. Romantische Allegorien,
reiche Anspielungen in Gefühls- und Sinnesdimensionen, eine offene
Symbolik, die den Mythos Natur im Umfeld technischer Rationalität
und kühler Ästhetik mutig beschwört, ohne geschmäcklerische
Anleihen an archaische Kulte, ohne die Flucht in private Mythen. So sehr
sich Haidelis Jacob-Kalähne der Nöte der Natur gerade in unserer
Zeit auch bewusst ist, Provokation oder Aufschrei sind nicht ihre Sache.
Die Stimmung, die in ihren Arbeiten herrscht,
ist eher die der Harmonie. Und wenn auch die Störung des natürlichen
Gleichgewichts in ihren Arbeiten thematisiert wird, bleiben doch Sehnsucht
und Suche nach der verloren gegangenen Ordnung der atmosphärische
Fluchtpunkt ihrer Scherenschnitte. In der Mehrzahl ihrer Schnitte stellt
die Künstlerin die sichtbaren Phänomene aus Pflanzen- und Tierwelt
ins Bildzentrum. Der natürliche Bau ist ihr dabei Ausgangspunkt und
Folie, Oberfläche und Umrisse sind für den Betrachter meist rasch
entzifferbar. Blätter oder Blüten, Larven oder Schmetterlinge
platziert Haidelis Jacob-Kalähne als kompositorische Highlights der
Evolution auf eine vielfach gebrochene, insgesamt aber wohl ausgewogene
Fläche. Der Reiz der Arbeit liegt hier nur vordergründig in der
Nachgestaltung der Gegenstandswelt. Die Arbeiten besitzen abseits ihres
gegenständlichen Bezuges eine formspezifische Aussagekraft und Suggestivität:
Die Künstlerin leuchtet die Spannbreite ihrer konzentrierten, auf
Schwarz-Weiß-Kontraste reduzierten Kunst, aus, buchstabiert die Möglichkeiten
der Spannung zwischen Linie und Fläche durch und erweitert die grafischen
Mittel häufig in fast skulpturale Momente hinein. Meditationsräume
voller geheimnisvoller Innenwelten sind das Ergebnis, über den Verdacht
puren Naturalismus weit erhaben. In faszinierender Weise prägt die
Künstlerin ihren Schnitten Räumlichkeit und eine vielschichtige
Auffächerung der Grundkontraste ein. In originärer Weise scheint
sie die materialen Qualitäten von Holzschnitt und Zeichnung in ihrer
Kunst auf einer neuen Stufe miteinander zu verbinden.
Dabei stellt sich in Haidelis Jacob-Kalähnes
Schnitten die auch dem Holzschnitt ureigene archaische und meditative Kraft
ein. Der Bildinhalt kommt zu sich selbst.
Abb. 4 "Lebensspuren" 1990 (Helioplacus, 5 cm: Fossil, vor 510 Mill. Jahren ausgestorben) 70 x 50 cm |
Abb. 1 "Loslösung" (Tragopogon pratensis: Wiesenbocksbart), 1992, 70 x 50 cm |
Reduziert auf einfachste gestalterische Grundelemente evoziert das Werk auch beim Betrachter Sammlung, Voraussetzung dafür, sich über die Oberfläche allmählich den Innenwelten des Bildes zu nähern - so wie sich die Künstlerin selber allmählich im Nachschaffen und zugleich im autonomen künstlerischen Prozess ihrem Werk genähert hat. Häufig hat Haidelis Jacob-Kalähne in ihren frühen Arbeiten Menschenkörper oder -köpfe mit ins Bild gestellt, Porträts in Nachbarschaft oder Verbindung zu Pflanzen gesetzt. Das feine Gewebe von Blättern stützt hier ornamental Gesten, Gebärden oder Posen, in anderen Fällen bebildert ein naturnahes Geränk innere Befindlichkeiten oder Atmosphären. Bisweilen ist auch das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Natur schon Thema. Ein weiteres wichtiges Thema sind auch Architekturabbildungen; hier gelingen ihr Räume, die ihrer realistischen Konturen merkwürdig entrückt erscheinen. Was hier mittels einer konkreten und gegenständlichen Bildsprache noch eher auf rasche, dafür aber eindimensionale „Entzifferungen“ zielt, hat Haidelis Jacob-Kalähne folgerichtig zu vermehrter Abstraktion und offenerer Bildsprache weiterentwickelt. Folgerichtig, weil der Verstoß von der Erscheinung zum Wesen schon in ihrem wissenschaftlichen Denken angelegt war, folgerichtig, weil sie die Darstellungs- und Ausdruckspotenz ihrer Scherenschnitte erst im künstlerischen Prozess selbst entdecken musste, um die gegenständliche Orientierung lediglich noch als Basis für die Bildkomposition nehmen zu können. In ihren jüngeren Arbeiten beherrscht nun vollends nicht mehr eine grafisch aufbereitete Gegenständlichkeit das Bild. Vielmehr ist die Künstlerin über das Studium der Morphologie natürlicher Organismen zu einer kompositorischen Freiheit gelangt, die ihren Ausgang nimmt in der autonomen künstlerischen Aussageabsicht und die formalen Mittel aus ihrer Zuträgerrolle für das „Abbild“ befreit. In den eher abstrahierenden Arbeiten erschließen sich die Erlebnis- und Erkenntnisqualitäten nicht auf den schnellen Blick oder durch das Wieder erkennen. Der Weg zur „Entschlüsselung“ der Bildelemente ist steiniger, ein Ankommen wird nicht unbedingt garantiert. Dafür kann der Betrachter eine unendliche Zahl von Bildern selbst „nachschaffen“. Die geschnittenen Linien und Flächen tragen auch ohne letzte gegenständliche Ausformulierung den Charakter von Körperlichkeit. Zeichnerische Grundformen symbolisieren archetypisch die Elemente sensibler Organismen, ihr Verhältnis zueinander wird durch Inszenierungen und Verflechtungen gestaltet; die Stellung der Künstlerin – in kritischer Sorge und nachdenklicher Beobachtung – offenbart sich in der Gesamtkomposition. Wie Haidelis Jacob-Kalähne uns den Blick schärft und die Gedanken ebnet, um von der Naturerscheinung zum Wesenskern von Mensch und Natur fortzuschreiten, das ist faszinierend. Wie sie das Medium „Scherenschnitt“ zu einer veritablen und eigenständigen Kunst neben den gängigen Genres entwickelt hat, das erstaunt. Welch suggestive, dynamische Kraft und zugleich konzentrierte Sammlung ihren Arbeiten innewohnt, davon sollten sich die zahlreichen Betrachter, die ihre Kunst verdient, selbst überzeugen.
Dieser Aufsatz ist entnommen worden aus
dem Buch
„Haidelis Jacob-Kalähne - Scherenschnitt-Arbeiten",
1992