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    Kämpffe, Marie Luise

Name Kämpffe, Marie Luise
Geboren am .. 13.01.1892
Verstorben am ... 30.07.1963
Vereinszeitung Ausgabe SAW 04
Autor(in) Mechthild Ernst

Es war im Juli 1995, als ich in dem attraktiv gestalteten und ausgesprochen informativen Katalog „Schwarze Kunst im Buch” von Christa und Claus Weber auf S.36 zu meinem großen Erstaunen den Namen „Kaempffe, Maria Luise” entdeckte: Im Vorspann hatte ich gelesen: „Für einige Künstler war es nicht möglich, Lebensdaten festzustellen...”. Dies galt offenbar auch für M. L. Kaempffe! Mir aber war der Name „Kaempffe” sehr wohl vertraut. In unserer Familie war oft liebevoll und mit Respekt über „Fräulein Kaempffe” gesprochen worden! Sie war in den dreißiger Jahren Zeichenlehrerin meiner Mutter und ihrer Schwester in Waldenburg in Schlesien, hatte dort bei meinen Großeltern Dinglinger im Sandberger Pfarrhaus freundschaftlich verkehrt und auch später nach Krieg und Ausweisung aus Schlesien wieder Kontakt zu unserer Familie gehabt.
Mein Interesse war geweckt, und in der Hoffnung über M. L. Kaempffe die fehlenden Informationen zusammentragen zu können, begann ich meine Nachforschungen: Zuerst übergab mir meine Mutter ein Klassenphoto vom Waldenburger Lyzeum aus dem Jahr 1933, auf dem M. L. Kaempffe in vorderster Reihe mit Aktentasche, Heft oder Zeichenblock und einem flotten Hut am Arm zu sehen ist (s. S. 9). Gleichzeitig erhielt ich von ihr einen Stapel Briefe und Postkarten, die ihr M. L. Kaempffe in der Zeit von 1958 bis April 1963 geschrieben hatte, sowie den „Nachruf für Maria Louise Kaempffe”, von ihrer Schwester Rose Kaempffe verfasst, der bereits die wesentlichen Lebensdaten enthielt. Außerdem konnte ich von der Schwester meiner Mutter interessante Einzelheiten über M. L. Kaempffes künstlerische Laufbahn und ihre Lehrtätigkeit erfahren. Auch war mir inzwischen von Herrn Weber die Kopie der Scherenschnittillustrationen zu „Rübezahl” und „Taugenichts” zugeschickt worden, und als Familie Willersinn von meinem Interesse erfuhr, stellte sie mir als Kopie ein weiteres Scherenschnittwerk M. L. Kaempffes, Titel „Die Heilandsgeschichte” zur Verfügung. So lernte ich erstmals ihre Scherenschnittkunst im Druck kennen.
Wie gebannt stand ich dann jedoch eines Tages im Kulturhistorischen Museum Stralsund vor dem Original einer von M. L. Kaempffe handgeschnittenen und -gerissenen Silhouette dieser Stadt (s. „Schwarz Auf Weiß” Nr. 3, S. 29). Jetzt ahnte ich langsam, dass die Bedeutung von M. L. Kaempffes Schaffen über den privaten Bereich und einige bescheidene Veröffentlichungen hinausgereicht haben musste. Dies fand ich dann erst recht bestätigt, als ich mich durch Vermittlung von Frau Willersinn mit dem aufschlussreichen und umfangreichen Schriftwechsel zwischen M. L. Kaempffe und Herrn Dr. Adler vom Stralsunder Museum aus der Zeit 1931/32 anlässlich ihrer dortigen Ausstellung vertraut machen konnte.

Aufgrund meiner Anfrage in Nr. 3 von „Schwarz Auf Weiß” meldete sich sodann Herr Professor Dr. med. Hans Helmut Jansen bei mir mit dem entscheidenden Hinweis auf einen Abschnitt über M. L. Kaempffe im „Allgemeinen Lexikon für bildende Künstler des 20. Jahrhunderts” von Hans Vollmer, Band 3, im VEB E.A. Seemann Verlag, Leipzig 1956 erschienen, wo als Literatur „Der Oberschlesier” 9 (1927) 693/700 angegeben ist. Dass ich dann dieses Heft durch Nachfrage in der Bibliothek der Freien Universität Berlin (und entsprechende Computerauskunft) im Museum für Volkskunde, Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem Im Winkel 6/8 ausfindig machen konnte, entpuppte sich als einer jener seltenen Glücksfälle, die jegliche „Forscher”-tätigkeit so unglaublich aufregend machen! Denn - wie sich bei meinen dortigen Besuchen dann nach und nach herausstellte, ist dieses Museum im Besitz des gesamten wesentlichen Scherenschnittnachlasses von M. L. Kaempffe und zwar registriert unter 296/63-301/63, 118/64,135/64 und 33/P/10-33/P/35.
Hier fand ich nicht nur das Heft 12/1927 „Der Oberschlesier” mit einem ausführlichen Artikel von Dr. Alfred Schellenberg unter dem Titel „Die Kunst der Silhouette - Maria Luise Kaempffe, eine schlesische Scherenkünstlerin” und mit einer Auswahl typischer Scherenschnitte von ihr. Vielmehr befinden sich im Museum vor allem viele Originalscherenschnitte, auch Vorlagen für ihre Veröffentlichungen und spätere Schnitte aus den 50 er Jahren, sodann verschiedene Veröffentlichungen selbst, darunter das mit einer Widmung für ihre Mutter versehene Exemplar von „Maria und das Jesuskind”, sowie ein Widmungsexemplar des „Taugenichts” für „Max Klingmüller in Verehrung und herzlicher Freundschaft dankbarst von Maria Luise Kaempffe Juli 1927” und - besonders reizvoll - eine weitere Veröffentlichung mit dem Titel „Tänze”, fein durchstilisierte Vignetten von beinahe „modern” anmutender Klarheit in Form und Bewegung, eines der beiden Exemplare als Luxusausgabe in Kassette in blaues Leder gebunden, nummeriert („7”) und handsigniert.
Zu guter Letzt konnte ich noch die Überlassungsakte einsehen. Aus ihr geht hervor, dass M. L. Kaempffe sich bereits im November 1961 an Herrn Dr. Lothar Pretzel vom Staatl. Museum Berlin gewandt hat, um ihren Scherenschnittnachlass dem Museum anzubieten, und zwar auf Anregung von Frau Dr. Reygers, Direktorin des Ostwall-Museums in Dortmund, wo sich heute der zeichnerische Nachlass von M. L. Kaempffe befindet (Inv. Nr. A 29/89 - A 33/89, 1-16). Ich war begeistert, denn die Fülle an Material, die ich hier im Museum für Volkskunde vorfand , war geradezu überwältigend! Besonderen Dank möchte ich deshalb an dieser Stelle Herrn Dr. Konrad Vanja, dem Oberkustos des Museums aussprechen, der mir diese Schätze in zuvorkommender und liebenswürdiger Weise zugänglich machte. Unvergesslich bleibt mir ein warmer Herbsttag in seinem Büro - die Weihnachtsvorbereitungen liefen schon auf Hochtouren - als ich den Originalschnitt einer bezaubernden fünfteiligen Adventskrippe von Maria Louise Kaempffe, auf durchscheinendes Pergament von ihr locker aufgeklebt, gegen das Sonnenlicht halten konnte!

    

Nun hatte am 21. September 1996 die Mitgliederversammlung des „Deutschen Scherenschnittvereins” in Calw-Holzbronn stattgefunden. Und wen wird es angesichts der bereits geschilderten Zufälle noch weiter verwundern, dass ich dort rein „zufällig” an demselben Tisch Platz fand, an welchem bereits Heide Klingmüller saß?! In ihr lernte ich nicht nur eine eifrige, aktive Scherenschneiderin, sondern zugleich ein Mitglied aus der Verwandtschaft von M. L. Kaempffes Familie kennen. Diese war ihr als bewunderte, aber auch gefürchtete „Tante Mieze” aus Erzählungen in der Familie ihres Mannes bekannt. In ihrem Hause hängen die Originale der Porträtsilhouetten, die M. L. Kaempffe 1947 von der Familie ihres Mannes geschnitten hatte. In der von Heide Klingmüller im Falken - Verlag veröffentlichten Scherenschnittanleitung entdeckte ich eine dieser Silhouetten, sehr hübsch kombiniert mit einem von Heide Klingmüller selbst geschnittenen mehrfarbigen Blütenkranz. So hatte die Kunst von M. L. Kaempffe bis hinein in die Scherenschnittliteratur unserer Tage ihren Weg gefunden!
Durch Heide Klingmüller wurden dann auch Kontakte möglich zu weiteren Verwandten und Freunden, die M. L. Kaempffe noch persönlich gekannt hatten, und die mit ergänzenden Informationen über ihr Leben und künstlerisches Schaffen halfen, das Bild dieser einzigartigen Persönlichkeit und Künstlerin abzurunden. Allen, die in diesem Sinne zum Gelingen des Artikels beigetragen, bzw. diesen Artikel gewissermaßen überhaupt erst möglich gemacht haben, möchte ich hiermit von ganzem Herzen danken.
Maria Louise Kaempffe wurde am 13. Januar 1892 auf dem Gut Mückendorf bei Strehlen in Schlesien geboren. Sie wuchs mit 8 Geschwistern auf und war als jüngste Tochter der Liebling des Vaters. Sie hatte großartige Eltern, von deren christlicher Gesinnung und Lebensart sie stark geprägt wurde. Ihre Kindheit war sorglos und glücklich, und schon als Kind muss sie eine künstlerische Begabung beim Zeichnen und Malen gezeigt haben, „begründet in dem in ihrer Familie erblichen Zeichentalent” - so Dr. Schellenberg. Mit 14 Jahren kam sie zum ersten Mal zu einem einjährigen Schulbesuch in die Stadt, und mit 15 Jahren verlor sie bereits ihren Vater, gewiss ein sehr schmerzvoller Verlust. Ihr Wunsch war, Malerin zu werden, und nach Studien im Atelier von Else Bartsch in Breslau und auch bei Professor Siegfried Haertel ermöglichte ihr die Mutter dann den Besuch der Breslauer Kunstakademie, wo sie von Professor Karl Hanusch in der Ölmalerei, im Radieren und Lithographieren unterrichtet und durch Professor Hans Poelzig dazu angeregt wurde, insbesondere ihr Talent im Scherenschnitt weiter auszubilden. Im Jahr 1912 bestand sie an der Kunstakademie zu Breslau ihr Zeichenlehrerexamen mit Auszeichnung und konnte in den folgenden Jahren ganz ihren künstlerischen Neigungen leben. Sie ging auf Reisen, um neue Anregungen zu bekommen und besuchte 1916/17 die Fachklasse für Porträt von Professor Georg Burmeister an der Kasseler Akademie. Es folgten ihre ersten Ausstellungen in Breslau, aber auch in der Kunsthandlung Otto Fischer in Bielefeld und bei Professor Dr. Fuchs im Diözesanmuseum von Paderborn.
1920 erschienen zum ersten Mal Scherenschnitte von ihr im Druck. Es war das außergewöhnlich kunstvoll gestaltete Büchlein „Maria und das Jesuskind”. Im Nachsatz lesen wir: „Das Werk wurde von Herm. Birkholz/Berlin vom Stein gedruckt, 50 Exemplare hat Fritz Merker/Charlottenburg in echtes Japan mit Kalbspergamentrücken handgebunden. Sie sind nummeriert und von M. L. Kaempffe signiert.” Als nächstes erschien ein „Lautenliederbuch” von Heinz Thum mit Federzeichnungen von M. L. Kaempffe und danach im H. Haessel Verlag, Leipzig drei Scherenschnittfolgen, diese ganz ohne Text.
Es waren dies „Die Heilandsgeschichte - 16 Scherenschnitte von Maria Luise Kaempffe” mit dem Nachsatz: „Nach Originalscherenschnitten von Maria Luise Kaempffe ätzten Adolf Klauß & Co., Leipzig doppeltstarke Zinkplatten....100 nummerierte Handpressendrucke erschienen als Vorzugsausgabe”, sowie „Weihnacht - 6 Scherenschnitte von Maria Luise Kaempffe” und „Tänze - ein Zyklus von 9 Scherenschnitten von Maria Luise Kaempffe”, beide mit dem Nachsatz „35 Exemplare wurden auf Bütten abgezogen, nummeriert und in Mappe ausgegeben”. Ebenfalls in dieser Zeit wurden auch die Postkartenserien „Weihnacht” und „Madonnen”, je 4 Scherenschnittmotive, gedruckt und waren im Handel sehr schnell vergriffen!

    

Dieser künstlerische Erfolg wurde getrübt durch den Tod der geliebten, von M. L. Kaempffe hoch verehrten Mutter.
Und so kehrte sie 1924 ihrer Heimat den Rücken und „zog mit Aquarellkasten, Silhouettenschere und Zeichenstiften und einem großen Sack voll Mut nach China”, so ihre eigenen Worte. Für eine allein stehende Frau damals sicher ein ebenso faszinierendes, wie gewagtes Unternehmen. Auf jeden Fall besaß sie Einfallsreichtum genug, um ihre Reise, die für ein Jahr geplant war, auch dadurch zu finanzieren, dass sie auf dem Überseedampfer für jeden Tag neue Tischkarten zeichnete! Diese Studienreise führte sie auch nach Japan, Korea, die Philippinen und Ceylon, mit Ausstellungen 1925 in der Konfuziushalle in Tsingtau und in Tsinanfu, sowie 1926 in Hankou und 1927 in Peking.
In China schnitt sie die noch erhaltene Porträtsilhouette „Der Taoistenpriester auf dem Berg Taishan (Schantung)”. Ich war nicht wenig erstaunt, als ich auf der Rückseite des Originals, das ich mir im Museum für Volkskunde ansehen konnte, eigenhändige Notizen und Skizzen von M. L. Kaempffe entdeckte, die sich z.B. auf die Kopfbedeckung des Priesters, aber auch auf Traditionen und eigene Erlebnisse in China bezogen.
Dass ihr Aufenthalt in Ostasien schließlich doch fast 3 Jahre dauern konnte, war vielleicht auch dem finanziellen Erfolg zu verdanken, den sie mit ihrem „Taugenichts” und dem „Rübezahl” erzielte, die beide 1925, während sie also in China weilte, beim Ferdinand Hirth Verlag in Breslau erschienen waren, und zwar in der volkstümlichen Reihe „Aus Märchen, Sage und Dichtung”, für die auch andere Scherenschnittkünstler wie Alfred Thon, Professor Julius Paul Junghans und Ada Steiner (Wien) schon gearbeitet hatten.
Als M. L. Kaempffe im Sommer 1927 nach Schlesien zurückkehrte, brachte sie eine wertvolle Sammlung ostasiatischer Kunst, auch kostbare chinesische Stoffe und natürlich viele chinesische Scherenschnitte mit, aber auch 160 eigene Bilder und konnte sogleich mit einer „von der Kritik sehr freundlich aufgenommenen Ausstellung im Breslauer Kunstgewerbemuseum” auf neue Erfolge hoffen.

    

Sie plante bereits zwei weitere Veröffentlichungen, eine 16 Schnitte umfassende Folge zum Thema „Passion” für den H. Haessel Verlag und eine neue Buchillustration mit Scherenschnitten zu Adalbert v. Chamissos „Peter Schlemihl” für den F. Hirth Verlag. Ein späterer Vermerk „Verträge gelöst 1933” bestätigt jedoch, dass beide Arbeiten nicht erschienen sind.
So stellen die 1927 von Dr. Schellenberg wohl unter dem Eindruck der Breslauer Ausstellung im „Oberschlesier” beschriebenen Arbeiten ihr Hauptwerk dar und fanden durch ihn eine einfühlsame und bis heute gültige Würdigung. Er schrieb über die damals 35 jährige Maria Luise Kaempffe: „So klar und einfach der äußere Umriss ihres Lebens sich zeigt, so klar und eindeutig gibt sich auch das Bild ihrer Kunst. Wenn ein junger Mensch wie sie in der Nachkriegszeit, als der Expressionismus seine tollsten Purzelbäume schoss, unbekümmert um den chaotischen Tumult und die Grimasse der Zeit sein künstlerisch Bestes in den Themen des Marienlebens und der Heiligengeschichte zu geben suchte und zwar in einer solch ruhigen, äußerlich zuweilen fast altmodisch wirkenden, aber doch so persönlichen Form, der musste schon seiner selbst sicher und seines inneren Könnens und Wissens bewusst sein. Und man sehe sich nur einmal diese Scherenschnitte an, was sie von ihrer Schöpferin aussprechen. Alles ist so natürlich, so selbstverständlich und ungesucht, ohne Effekthascherei, zu der doch gerade der Scherenschnitt leicht verführen könnte, und welch religiöse Inbrunst sprechen aus diesen Szenen! Aber auch welche Freude!
....Und wenn wir dann schließlich auf ein Blatt wie „Jesus wandelt auf dem Meere” mit diesen fast japanisch anmutenden Wellenkämmen stoßen....., dann begreifen wir auch, warum gerade China das Ziel der ersten großen Reise von Maria Luise Kaempffe war.” In diesem Zusammenhang schreibt Dr. Schellenberg dann auch sehr zuversichtlich, sie „lebt zur Zeit in Grögersdorf, Kreis Nimptsch, Bez. Breslau, wo die starken Eindrücke ihres Aufenthalts im Orient künstlerisch sich in neuen Arbeiten ausreifen sollen... Nach den Wanderjahren haben die Meisterjahre begonnen.”
Dem war jedoch offenbar nicht so, denn M. L. Kaempffe trat - nach einer weiteren Reise im Sommer 1928 in die skandinavischen Länder - im Herbst 1928 als Kunsterzieherin und Zeichenlehrerin an einem Mädchengymnasium in Waldenburg in den Schuldienst ein, da sie durch die Inflation ihr Vermögen verloren hatte. In dieser Zeit wohnte sie in Bad Salzbrunn Fünflinden und kam neben dem anstrengenden und zeitraubenden Schuldienst nicht mehr zu dem intensiven künstlerischen Schaffen, durch das sie sich über ihr bisheriges Werk hinaus einen Namen hätte machen können.
So nutzte sie ihre freie Zeit hinfort vor allem dafür, ihre Scherenschnittarbeiten in weiteren Ausstellungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Neben Waldenburg, Liegnitz, Wahlstadt, Bielefeld, Breslau und Berlin fand März/April 1932 eine durch den erwähnten Briefwechsel besonders gut dokumentierte Ausstellung im „Stralsunder Heimatmuseum für Neuvorpommern und Rügen”, dem jetzigen „Kunsthistorischen Museum der Hansestadt Stralsund” statt, damals unter Leitung von Dr. Adler. Von hier wurde die Ausstellung dann direkt nach Greifswald übernommen.
Diese Ausstellung umfasste mehr als 100 Originalscherenschnitte, darunter 17 als Fensterbilder und einige auch nur als Druck oder Photographie, da sie in Privat- oder Museumsbesitz für M. L. Kaempffe nicht mehr zugänglich waren, wie z. B. ein Scherenschnitt zu Rudolf G. Bindings „Keuschheitslegende”, deren Besitzer „Stadler, Paderborn” gewesen ist. Ferner wurden ca. 30 Exemplare ihrer veröffentlichten Werke ausgestellt. Zum Verkauf wurden auch ca. 30 handsignierte Einzelblätter der „Heilandsgeschichte” angeboten, ca. 3000 Postkarten, wohl hauptsächlich Madonnen- und Weihnachtsmotive, und ca. 300 Stück der Postkartenserie „Weihnacht”, mehr oder weniger alle für die Ausstellung neu gedruckt. Interessant ist, dass M. L. Kaempffe auch die wenigen bereits fertigen Schnitte zu „Passion” und zum „Peter Schlemihl” mit ausstellte.
Eine Porträtsilhouette ihrer Mutter und die Silhouetten der Familie ihrer Schwester Elisabeth, die mit Professor Fritz Klingmüller in Greifswald verheiratet war und zu deren Familie sie - auch als Patin - engen Kontakt hatte, waren ebenso ausgestellt wie der „Taoistenpriester” und die „Märchenerzählerin”, eine amüsant eigenwillige Silhouette.
Als es um die Einladungskarten ging, erfuhr M. L. Kaempffe von Dr. Adler, dass auch eine Ausstellung von Sulamith Wülfing im Museum in Stralsund stattfinden würde und die Einladungskarten für beide Ausstellungen zusammen verschickt werden sollten. Sie schrieb daraufhin: „Sehr freue ich mich auf die Arbeiten der Sulamith Wülfing, von der ich durch Dr. Schellenberg viel hörte.” Und als sich die Frage stellte, ob es sinnvoll sei, auch Postkarten anzubieten, schrieb Dr. Adler am 21. Januar 1932: „Auch bei der Kollwitz - Ausstellung werden wir Postkarten mit in Verkauf nehmen und ich kann Ihnen dann ja noch rechtzeitig unsere Erfahrungen damit mitteilen.” So sehen wir, dass M. L. Kaempffe sich mit ihrer Ausstellung in Stralsund in wahrlich guter Gesellschaft befand mit interessanten und sehr ernst zu nehmenden Künstlerinnen ihrer Zeit.
Die Ausstellung in Stralsund wurde ein großer Erfolg, und M. L. Kaempffe freute sich über Dr. Adlers „freundliche, aufmunternde Worte in der Presse”. In seinem Brief vom 20. April 1932 resümiert Dr. Adler: „Am Sonntag haben wir die Ausstellung endgültig geschlossen, nachdem sie im ganzen von über 840 Personen besucht worden ist. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Erfolg und hoffe, dass auch Sie es sind, wenn es auch nur ein ideeller Erfolg ist”. Der weitere Lebensweg von M. L. Kaempffe blieb jedoch geprägt von ihrem pädagogischen Engagement, in das sie ihre künstlerischen Fähigkeiten einbrachte, indem sie mit Ernst und Eifer und dem ihr eigenen Temperament ihren Zöglingen im Zeichenunterricht nicht nur den vorgegebenen Lehrstoff vermittelte, sondern ihnen auch moderne Künstler, wie Marc und Gaugin, Monet und Kokoschka, den sie von Breslau her persönlich kannte, nahebrachte und auch durchsetzte, dass entsprechende Bilder in den Schulräumen aufgehängt wurden. Sie nahm teil mit den Arbeiten ihrer Schüler an Ausstellungen wie „Das Kind zeigt sein Herz” oder „Blick in unseren Zeichensaal”.

  

Bei festlichen Anlässen stellte sie ihr Talent zur Verfügung. So hatte sie zu den „unvermeidlichen Goethefeiern nach der Büste von Rauch eine Monumentalsilhouette geschnitten, 60 x 80, die als Transparent in der Aula über der Bühne hing, von Lorbeergewinde umrahmt, dahinter elektrisches Licht, und es wirkte sehr gut”. Aber auch außerhalb des schulischen Bereichs suchte sie immer wieder Möglichkeiten, sich kreativ auszuprobieren.
So schlug sie vor, in der Sandberger Kirche, deren Apsis von Professor Hannes Maximilian Avenarius wunderschön neu ausgemalt worden war, die drei Felder der Kanzel ebenfalls auszuschmücken, und sie malte in jedes Feld eine herrliche Waldwildblume. Das war 1935, und August 1937 erschien von ihr ein sehr gelungener Artikel über ihre Eindrücke in China und speziell über die chinesischen Scherenschnitte in „Velhagen & Klasings Monatshefte”.
Im Mai 1946 musste auch sie Schlesien verlassen. Doch sie konnte vor allem ihre wichtigsten Schätze, die Scherenschnittarbeiten, im Rucksack in den Westen mitnehmen. Zuerst fand sie ein Unterkommen in Lüneburg und unterrichtete hier an der Berufsschule, bevor sie 1948 wieder als Kunsterzieherin am Mädchengymnasium in Altena/Westfalen tätig wurde. Von dort wurde sie 1952 von der Direktorin des Mädchengymnasiums in Castrop-Rauxel an deren Schule geholt. Sie erwarb die Lehrbefähigung für das Fach Religion und konnte hier als Studienrätin bis zu ihrem Ruhestand 1957 arbeiten. In der Aula des Gymnasiums hatte sie 1956 nochmals eine umfangreiche Ausstellung!
1959 zog M. L. Kaempffe nach Alsbach an der Bergstraße, des milden Klimas wegen, und unternahm von hier aus noch Reisen und Besuche bei Freunden und Verwandten, wo sie überall ihre - auch künstlerischen - Spuren hinterließ.
So schrieb ihr Neffe Arnold Klingmüller noch 1984 in einem Brief an Heide Klingmüller: „Weihnachten ohne Scherenschnittkrippe ist kein richtiges Weihnachten. Ich bin doch in Schlesien mit den schönen Krippen meiner Patentante Maria Louise Kaempffe aufgewachsen”.
Maria Louise Kaempffe starb am 30. Juli 1963 nach einem sehr, sehr langen, sehr schweren Krankenlager.
In einem Brief vom 27. Oktober 1962 offenbarte sie: „Ich versprach früher meinem bedeutenden Lehrer Prof. Hans Poelzig, ehe ich sterbe, meine „Passion” als Folge der „Heilandsgeschichte” zu vollenden”. Diese Vollendung fand nicht mehr mit der Schere, sondern durch ihr eigenes Leiden statt.
Und so möchte ich abschließend ihre Nichte Marie Elisabeth Kaempffe zu Wort kommen lassen, die ihre Beziehung zu Maria Louise Kaempffe in folgenden Worten zusammenfasste: „Sie war Vorbild für mich, ein sehr großes Vorbild - aber, sie war auch meine Anfechtung! Obwohl ich im Grunde ein ebenso unabhängiges und großzügiges Leben führen kann wie sie, wollte ich doch von ihr lernen, dass eine zu große persönliche Dominanz problematisch ist”.

Bemerkungen:
1. Scherenschnitte ohne Größenangabe sind in Originalgröße wiedergegeben.
2. MVK = Museum für Volkskunde Berlin
3. Titelseite: „Madonna” in „Der Oberschlesier”, MVK 118/64
4. Seite 9: „Ruhe auf der Flucht”, MVK 33/P/34, Original 1932 im Kunsgewerbemusum Breslau