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Künstler
Kämpffe, Marie
Luise
| Name |
Kämpffe, Marie Luise |
| Geboren am .. |
13.01.1892 |
| Verstorben am ... |
30.07.1963 |
| Vereinszeitung Ausgabe |
SAW 04 |
| Autor(in) |
Mechthild Ernst |
Es war im Juli 1995, als ich in dem attraktiv
gestalteten und ausgesprochen informativen Katalog „Schwarze Kunst im Buch”
von Christa und Claus Weber auf S.36 zu meinem großen Erstaunen den
Namen „Kaempffe, Maria Luise” entdeckte: Im Vorspann hatte ich gelesen:
„Für einige Künstler war es nicht möglich, Lebensdaten festzustellen...”.
Dies galt offenbar auch für M. L. Kaempffe! Mir aber war der Name
„Kaempffe” sehr wohl vertraut. In unserer Familie war oft liebevoll und
mit Respekt über „Fräulein Kaempffe” gesprochen worden! Sie war
in den dreißiger Jahren Zeichenlehrerin meiner Mutter und ihrer Schwester
in Waldenburg in Schlesien, hatte dort bei meinen Großeltern Dinglinger
im Sandberger Pfarrhaus freundschaftlich verkehrt und auch später
nach Krieg und Ausweisung aus Schlesien wieder Kontakt zu unserer Familie
gehabt.
Mein Interesse war geweckt, und in der
Hoffnung über M. L. Kaempffe die fehlenden Informationen zusammentragen
zu können, begann ich meine Nachforschungen: Zuerst übergab mir
meine Mutter ein Klassenphoto vom Waldenburger Lyzeum aus dem Jahr 1933,
auf dem M. L. Kaempffe in vorderster Reihe mit Aktentasche, Heft oder Zeichenblock
und einem flotten Hut am Arm zu sehen ist (s. S. 9). Gleichzeitig erhielt
ich von ihr einen Stapel Briefe und Postkarten, die ihr M. L. Kaempffe
in der Zeit von 1958 bis April 1963 geschrieben hatte, sowie den „Nachruf
für Maria Louise Kaempffe”, von ihrer Schwester Rose Kaempffe verfasst,
der bereits die wesentlichen Lebensdaten enthielt. Außerdem konnte
ich von der Schwester meiner Mutter interessante Einzelheiten über
M. L. Kaempffes künstlerische Laufbahn und ihre Lehrtätigkeit
erfahren. Auch war mir inzwischen von Herrn Weber die Kopie der Scherenschnittillustrationen
zu „Rübezahl” und „Taugenichts” zugeschickt worden, und als Familie
Willersinn von meinem Interesse erfuhr, stellte sie mir als Kopie ein weiteres
Scherenschnittwerk M. L. Kaempffes, Titel „Die Heilandsgeschichte” zur
Verfügung. So lernte ich erstmals ihre Scherenschnittkunst im Druck
kennen.
Wie gebannt stand ich dann jedoch eines
Tages im Kulturhistorischen Museum Stralsund vor dem Original einer von
M. L. Kaempffe handgeschnittenen und -gerissenen Silhouette dieser Stadt
(s. „Schwarz Auf Weiß” Nr. 3, S. 29). Jetzt ahnte ich langsam, dass
die Bedeutung von M. L. Kaempffes Schaffen über den privaten Bereich
und einige bescheidene Veröffentlichungen hinausgereicht haben musste.
Dies fand ich dann erst recht bestätigt, als ich mich durch Vermittlung
von Frau Willersinn mit dem aufschlussreichen und umfangreichen Schriftwechsel
zwischen M. L. Kaempffe und Herrn Dr. Adler vom Stralsunder Museum aus
der Zeit 1931/32 anlässlich ihrer dortigen Ausstellung vertraut machen
konnte.



Aufgrund meiner Anfrage in Nr. 3 von „Schwarz
Auf Weiß” meldete sich sodann Herr Professor Dr. med. Hans Helmut
Jansen bei mir mit dem entscheidenden Hinweis auf einen Abschnitt über
M. L. Kaempffe im „Allgemeinen Lexikon für bildende Künstler
des 20. Jahrhunderts” von Hans Vollmer, Band 3, im VEB E.A. Seemann Verlag,
Leipzig 1956 erschienen, wo als Literatur „Der Oberschlesier” 9 (1927)
693/700 angegeben ist. Dass ich dann dieses Heft durch Nachfrage in der
Bibliothek der Freien Universität Berlin (und entsprechende Computerauskunft)
im Museum für Volkskunde, Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer
Kulturbesitz in Berlin-Dahlem Im Winkel 6/8 ausfindig machen konnte, entpuppte
sich als einer jener seltenen Glücksfälle, die jegliche „Forscher”-tätigkeit
so unglaublich aufregend machen! Denn - wie sich bei meinen dortigen Besuchen
dann nach und nach herausstellte, ist dieses Museum im Besitz des gesamten
wesentlichen Scherenschnittnachlasses von M. L. Kaempffe und zwar registriert
unter 296/63-301/63, 118/64,135/64 und 33/P/10-33/P/35.
Hier fand ich nicht nur das Heft 12/1927
„Der Oberschlesier” mit einem ausführlichen Artikel von Dr. Alfred
Schellenberg unter dem Titel „Die Kunst der Silhouette - Maria Luise Kaempffe,
eine schlesische Scherenkünstlerin” und mit einer Auswahl typischer
Scherenschnitte von ihr. Vielmehr befinden sich im Museum vor allem viele
Originalscherenschnitte, auch Vorlagen für ihre Veröffentlichungen
und spätere Schnitte aus den 50 er Jahren, sodann verschiedene Veröffentlichungen
selbst, darunter das mit einer Widmung für ihre Mutter versehene Exemplar
von „Maria und das Jesuskind”, sowie ein Widmungsexemplar des „Taugenichts”
für „Max Klingmüller in Verehrung und herzlicher Freundschaft
dankbarst von Maria Luise Kaempffe Juli 1927” und - besonders reizvoll
- eine weitere Veröffentlichung mit dem Titel „Tänze”, fein durchstilisierte
Vignetten von beinahe „modern” anmutender Klarheit in Form und Bewegung,
eines der beiden Exemplare als Luxusausgabe in Kassette in blaues Leder
gebunden, nummeriert („7”) und handsigniert.
Zu guter Letzt konnte ich noch die Überlassungsakte
einsehen. Aus ihr geht hervor, dass M. L. Kaempffe sich bereits im November
1961 an Herrn Dr. Lothar Pretzel vom Staatl. Museum Berlin gewandt hat,
um ihren Scherenschnittnachlass dem Museum anzubieten, und zwar auf Anregung
von Frau Dr. Reygers, Direktorin des Ostwall-Museums in Dortmund, wo sich
heute der zeichnerische Nachlass von M. L. Kaempffe befindet (Inv. Nr.
A 29/89 - A 33/89, 1-16). Ich war begeistert, denn die Fülle an Material,
die ich hier im Museum für Volkskunde vorfand , war geradezu überwältigend!
Besonderen Dank möchte ich deshalb an dieser Stelle Herrn Dr. Konrad
Vanja, dem Oberkustos des Museums aussprechen, der mir diese Schätze
in zuvorkommender und liebenswürdiger Weise zugänglich machte.
Unvergesslich bleibt mir ein warmer Herbsttag in seinem Büro - die
Weihnachtsvorbereitungen liefen schon auf Hochtouren - als ich den Originalschnitt
einer bezaubernden fünfteiligen Adventskrippe von Maria Louise Kaempffe,
auf durchscheinendes Pergament von ihr locker aufgeklebt, gegen das Sonnenlicht
halten konnte!

Nun hatte am 21. September 1996 die Mitgliederversammlung
des „Deutschen Scherenschnittvereins” in Calw-Holzbronn stattgefunden.
Und wen wird es angesichts der bereits geschilderten Zufälle noch
weiter verwundern, dass ich dort rein „zufällig” an demselben Tisch
Platz fand, an welchem bereits Heide Klingmüller saß?! In ihr
lernte ich nicht nur eine eifrige, aktive Scherenschneiderin, sondern zugleich
ein Mitglied aus der Verwandtschaft von M. L. Kaempffes Familie kennen.
Diese war ihr als bewunderte, aber auch gefürchtete „Tante Mieze”
aus Erzählungen in der Familie ihres Mannes bekannt. In ihrem Hause
hängen die Originale der Porträtsilhouetten, die M. L. Kaempffe
1947 von der Familie ihres Mannes geschnitten hatte. In der von Heide Klingmüller
im Falken - Verlag veröffentlichten Scherenschnittanleitung entdeckte
ich eine dieser Silhouetten, sehr hübsch kombiniert mit einem von
Heide Klingmüller selbst geschnittenen mehrfarbigen Blütenkranz.
So hatte die Kunst von M. L. Kaempffe bis hinein in die Scherenschnittliteratur
unserer Tage ihren Weg gefunden!
Durch Heide Klingmüller wurden dann
auch Kontakte möglich zu weiteren Verwandten und Freunden, die M.
L. Kaempffe noch persönlich gekannt hatten, und die mit ergänzenden
Informationen über ihr Leben und künstlerisches Schaffen halfen,
das Bild dieser einzigartigen Persönlichkeit und Künstlerin abzurunden.
Allen, die in diesem Sinne zum Gelingen des Artikels beigetragen, bzw.
diesen Artikel gewissermaßen überhaupt erst möglich gemacht
haben, möchte ich hiermit von ganzem Herzen danken.
Maria Louise Kaempffe wurde am 13. Januar
1892 auf dem Gut Mückendorf bei Strehlen in Schlesien geboren. Sie
wuchs mit 8 Geschwistern auf und war als jüngste Tochter der Liebling
des Vaters. Sie hatte großartige Eltern, von deren christlicher Gesinnung
und Lebensart sie stark geprägt wurde. Ihre Kindheit war sorglos und
glücklich, und schon als Kind muss sie eine künstlerische Begabung
beim Zeichnen und Malen gezeigt haben, „begründet in dem in ihrer
Familie erblichen Zeichentalent” - so Dr. Schellenberg. Mit 14 Jahren kam
sie zum ersten Mal zu einem einjährigen Schulbesuch in die Stadt,
und mit 15 Jahren verlor sie bereits ihren Vater, gewiss ein sehr schmerzvoller
Verlust. Ihr Wunsch war, Malerin zu werden, und nach Studien im Atelier
von Else Bartsch in Breslau und auch bei Professor Siegfried Haertel ermöglichte
ihr die Mutter dann den Besuch der Breslauer Kunstakademie, wo sie von
Professor Karl Hanusch in der Ölmalerei, im Radieren und Lithographieren
unterrichtet und durch Professor Hans Poelzig dazu angeregt wurde, insbesondere
ihr Talent im Scherenschnitt weiter auszubilden. Im Jahr 1912 bestand sie
an der Kunstakademie zu Breslau ihr Zeichenlehrerexamen mit Auszeichnung
und konnte in den folgenden Jahren ganz ihren künstlerischen Neigungen
leben. Sie ging auf Reisen, um neue Anregungen zu bekommen und besuchte
1916/17 die Fachklasse für Porträt von Professor Georg Burmeister
an der Kasseler Akademie. Es folgten ihre ersten Ausstellungen in Breslau,
aber auch in der Kunsthandlung Otto Fischer in Bielefeld und bei Professor
Dr. Fuchs im Diözesanmuseum von Paderborn.
1920 erschienen zum ersten Mal Scherenschnitte
von ihr im Druck. Es war das außergewöhnlich kunstvoll gestaltete
Büchlein „Maria und das Jesuskind”. Im Nachsatz lesen wir: „Das Werk
wurde von Herm. Birkholz/Berlin vom Stein gedruckt, 50 Exemplare hat Fritz
Merker/Charlottenburg in echtes Japan mit Kalbspergamentrücken handgebunden.
Sie sind nummeriert und von M. L. Kaempffe signiert.” Als nächstes
erschien ein „Lautenliederbuch” von Heinz Thum mit Federzeichnungen von
M. L. Kaempffe und danach im H. Haessel Verlag, Leipzig drei Scherenschnittfolgen,
diese ganz ohne Text.
Es waren dies „Die Heilandsgeschichte
- 16 Scherenschnitte von Maria Luise Kaempffe” mit dem Nachsatz: „Nach
Originalscherenschnitten von Maria Luise Kaempffe ätzten Adolf Klauß
& Co., Leipzig doppeltstarke Zinkplatten....100 nummerierte Handpressendrucke
erschienen als Vorzugsausgabe”, sowie „Weihnacht - 6 Scherenschnitte von
Maria Luise Kaempffe” und „Tänze - ein Zyklus von 9 Scherenschnitten
von Maria Luise Kaempffe”, beide mit dem Nachsatz „35 Exemplare wurden
auf Bütten abgezogen, nummeriert und in Mappe ausgegeben”. Ebenfalls
in dieser Zeit wurden auch die Postkartenserien „Weihnacht” und „Madonnen”,
je 4 Scherenschnittmotive, gedruckt und waren im Handel sehr schnell vergriffen!

Dieser künstlerische Erfolg wurde getrübt
durch den Tod der geliebten, von M. L. Kaempffe hoch verehrten Mutter.
Und so kehrte sie 1924 ihrer Heimat den
Rücken und „zog mit Aquarellkasten, Silhouettenschere und Zeichenstiften
und einem großen Sack voll Mut nach China”, so ihre eigenen Worte.
Für eine allein stehende Frau damals sicher ein ebenso faszinierendes,
wie gewagtes Unternehmen. Auf jeden Fall besaß sie Einfallsreichtum
genug, um ihre Reise, die für ein Jahr geplant war, auch dadurch zu
finanzieren, dass sie auf dem Überseedampfer für jeden Tag neue
Tischkarten zeichnete! Diese Studienreise führte sie auch nach Japan,
Korea, die Philippinen und Ceylon, mit Ausstellungen 1925 in der Konfuziushalle
in Tsingtau und in Tsinanfu, sowie 1926 in Hankou und 1927 in Peking.
In China schnitt sie die noch erhaltene
Porträtsilhouette „Der Taoistenpriester auf dem Berg Taishan (Schantung)”.
Ich war nicht wenig erstaunt, als ich auf der Rückseite des Originals,
das ich mir im Museum für Volkskunde ansehen konnte, eigenhändige
Notizen und Skizzen von M. L. Kaempffe entdeckte, die sich z.B. auf die
Kopfbedeckung des Priesters, aber auch auf Traditionen und eigene Erlebnisse
in China bezogen.
Dass ihr Aufenthalt in Ostasien schließlich
doch fast 3 Jahre dauern konnte, war vielleicht auch dem finanziellen Erfolg
zu verdanken, den sie mit ihrem „Taugenichts” und dem „Rübezahl” erzielte,
die beide 1925, während sie also in China weilte, beim Ferdinand Hirth
Verlag in Breslau erschienen waren, und zwar in der volkstümlichen
Reihe „Aus Märchen, Sage und Dichtung”, für die auch andere Scherenschnittkünstler
wie Alfred Thon, Professor Julius Paul Junghans und Ada Steiner (Wien)
schon gearbeitet hatten.
Als M. L. Kaempffe im Sommer 1927 nach
Schlesien zurückkehrte, brachte sie eine wertvolle Sammlung ostasiatischer
Kunst, auch kostbare chinesische Stoffe und natürlich viele chinesische
Scherenschnitte mit, aber auch 160 eigene Bilder und konnte sogleich mit
einer „von der Kritik sehr freundlich aufgenommenen Ausstellung im Breslauer
Kunstgewerbemuseum” auf neue Erfolge hoffen.

Sie plante bereits zwei weitere Veröffentlichungen,
eine 16 Schnitte umfassende Folge zum Thema „Passion” für den H. Haessel
Verlag und eine neue Buchillustration mit Scherenschnitten zu Adalbert
v. Chamissos „Peter Schlemihl” für den F. Hirth Verlag. Ein späterer
Vermerk „Verträge gelöst 1933” bestätigt jedoch, dass beide
Arbeiten nicht erschienen sind.
So stellen die 1927 von Dr. Schellenberg
wohl unter dem Eindruck der Breslauer Ausstellung im „Oberschlesier” beschriebenen
Arbeiten ihr Hauptwerk dar und fanden durch ihn eine einfühlsame und
bis heute gültige Würdigung. Er schrieb über die damals
35 jährige Maria Luise Kaempffe: „So klar und einfach der äußere
Umriss ihres Lebens sich zeigt, so klar und eindeutig gibt sich auch das
Bild ihrer Kunst. Wenn ein junger Mensch wie sie in der Nachkriegszeit,
als der Expressionismus seine tollsten Purzelbäume schoss, unbekümmert
um den chaotischen Tumult und die Grimasse der Zeit sein künstlerisch
Bestes in den Themen des Marienlebens und der Heiligengeschichte zu geben
suchte und zwar in einer solch ruhigen, äußerlich zuweilen fast
altmodisch wirkenden, aber doch so persönlichen Form, der musste schon
seiner selbst sicher und seines inneren Könnens und Wissens bewusst
sein. Und man sehe sich nur einmal diese Scherenschnitte an, was sie von
ihrer Schöpferin aussprechen. Alles ist so natürlich, so selbstverständlich
und ungesucht, ohne Effekthascherei, zu der doch gerade der Scherenschnitt
leicht verführen könnte, und welch religiöse Inbrunst sprechen
aus diesen Szenen! Aber auch welche Freude!
....Und wenn wir dann schließlich
auf ein Blatt wie „Jesus wandelt auf dem Meere” mit diesen fast japanisch
anmutenden Wellenkämmen stoßen....., dann begreifen wir auch,
warum gerade China das Ziel der ersten großen Reise von Maria Luise
Kaempffe war.” In diesem Zusammenhang schreibt Dr. Schellenberg dann auch
sehr zuversichtlich, sie „lebt zur Zeit in Grögersdorf, Kreis Nimptsch,
Bez. Breslau, wo die starken Eindrücke ihres Aufenthalts im Orient
künstlerisch sich in neuen Arbeiten ausreifen sollen... Nach den Wanderjahren
haben die Meisterjahre begonnen.”
Dem war jedoch offenbar nicht so, denn
M. L. Kaempffe trat - nach einer weiteren Reise im Sommer 1928 in die skandinavischen
Länder - im Herbst 1928 als Kunsterzieherin und Zeichenlehrerin an
einem Mädchengymnasium in Waldenburg in den Schuldienst ein, da sie
durch die Inflation ihr Vermögen verloren hatte. In dieser Zeit wohnte
sie in Bad Salzbrunn Fünflinden und kam neben dem anstrengenden und
zeitraubenden Schuldienst nicht mehr zu dem intensiven künstlerischen
Schaffen, durch das sie sich über ihr bisheriges Werk hinaus einen
Namen hätte machen können.
So nutzte sie ihre freie Zeit hinfort
vor allem dafür, ihre Scherenschnittarbeiten in weiteren Ausstellungen
der Öffentlichkeit zu präsentieren. Neben Waldenburg, Liegnitz,
Wahlstadt, Bielefeld, Breslau und Berlin fand März/April 1932 eine
durch den erwähnten Briefwechsel besonders gut dokumentierte Ausstellung
im „Stralsunder Heimatmuseum für Neuvorpommern und Rügen”, dem
jetzigen „Kunsthistorischen Museum der Hansestadt Stralsund” statt, damals
unter Leitung von Dr. Adler. Von hier wurde die Ausstellung dann direkt
nach Greifswald übernommen.
Diese Ausstellung umfasste mehr als 100
Originalscherenschnitte, darunter 17 als Fensterbilder und einige auch
nur als Druck oder Photographie, da sie in Privat- oder Museumsbesitz für
M. L. Kaempffe nicht mehr zugänglich waren, wie z. B. ein Scherenschnitt
zu Rudolf G. Bindings „Keuschheitslegende”, deren Besitzer „Stadler, Paderborn”
gewesen ist. Ferner wurden ca. 30 Exemplare ihrer veröffentlichten
Werke ausgestellt. Zum Verkauf wurden auch ca. 30 handsignierte Einzelblätter
der „Heilandsgeschichte” angeboten, ca. 3000 Postkarten, wohl hauptsächlich
Madonnen- und Weihnachtsmotive, und ca. 300 Stück der Postkartenserie
„Weihnacht”, mehr oder weniger alle für die Ausstellung neu gedruckt.
Interessant ist, dass M. L. Kaempffe auch die wenigen bereits fertigen
Schnitte zu „Passion” und zum „Peter Schlemihl” mit ausstellte.
Eine Porträtsilhouette ihrer Mutter
und die Silhouetten der Familie ihrer Schwester Elisabeth, die mit Professor
Fritz Klingmüller in Greifswald verheiratet war und zu deren Familie
sie - auch als Patin - engen Kontakt hatte, waren ebenso ausgestellt wie
der „Taoistenpriester” und die „Märchenerzählerin”, eine amüsant
eigenwillige Silhouette.
Als es um die Einladungskarten ging, erfuhr
M. L. Kaempffe von Dr. Adler, dass auch eine Ausstellung von Sulamith Wülfing
im Museum in Stralsund stattfinden würde und die Einladungskarten
für beide Ausstellungen zusammen verschickt werden sollten. Sie schrieb
daraufhin: „Sehr freue ich mich auf die Arbeiten der Sulamith Wülfing,
von der ich durch Dr. Schellenberg viel hörte.” Und als sich die Frage
stellte, ob es sinnvoll sei, auch Postkarten anzubieten, schrieb Dr. Adler
am 21. Januar 1932: „Auch bei der Kollwitz - Ausstellung werden wir Postkarten
mit in Verkauf nehmen und ich kann Ihnen dann ja noch rechtzeitig unsere
Erfahrungen damit mitteilen.” So sehen wir, dass M. L. Kaempffe sich mit
ihrer Ausstellung in Stralsund in wahrlich guter Gesellschaft befand mit
interessanten und sehr ernst zu nehmenden Künstlerinnen ihrer Zeit.
Die Ausstellung in Stralsund wurde ein
großer Erfolg, und M. L. Kaempffe freute sich über Dr. Adlers
„freundliche, aufmunternde Worte in der Presse”. In seinem Brief vom 20.
April 1932 resümiert Dr. Adler: „Am Sonntag haben wir die Ausstellung
endgültig geschlossen, nachdem sie im ganzen von über 840 Personen
besucht worden ist. Ich bin sehr zufrieden mit diesem Erfolg und hoffe,
dass auch Sie es sind, wenn es auch nur ein ideeller Erfolg ist”. Der weitere
Lebensweg von M. L. Kaempffe blieb jedoch geprägt von ihrem pädagogischen
Engagement, in das sie ihre künstlerischen Fähigkeiten einbrachte,
indem sie mit Ernst und Eifer und dem ihr eigenen Temperament ihren Zöglingen
im Zeichenunterricht nicht nur den vorgegebenen Lehrstoff vermittelte,
sondern ihnen auch moderne Künstler, wie Marc und Gaugin, Monet und
Kokoschka, den sie von Breslau her persönlich kannte, nahebrachte
und auch durchsetzte, dass entsprechende Bilder in den Schulräumen
aufgehängt wurden. Sie nahm teil mit den Arbeiten ihrer Schüler
an Ausstellungen wie „Das Kind zeigt sein Herz” oder „Blick in unseren
Zeichensaal”.

Bei festlichen Anlässen stellte sie ihr
Talent zur Verfügung. So hatte sie zu den „unvermeidlichen Goethefeiern
nach der Büste von Rauch eine Monumentalsilhouette geschnitten, 60
x 80, die als Transparent in der Aula über der Bühne hing, von
Lorbeergewinde umrahmt, dahinter elektrisches Licht, und es wirkte sehr
gut”. Aber auch außerhalb des schulischen Bereichs suchte sie immer
wieder Möglichkeiten, sich kreativ auszuprobieren.
So schlug sie vor, in der Sandberger Kirche,
deren Apsis von Professor Hannes Maximilian Avenarius wunderschön
neu ausgemalt worden war, die drei Felder der Kanzel ebenfalls auszuschmücken,
und sie malte in jedes Feld eine herrliche Waldwildblume. Das war 1935,
und August 1937 erschien von ihr ein sehr gelungener Artikel über
ihre Eindrücke in China und speziell über die chinesischen Scherenschnitte
in „Velhagen & Klasings Monatshefte”.
Im Mai 1946 musste auch sie Schlesien
verlassen. Doch sie konnte vor allem ihre wichtigsten Schätze, die
Scherenschnittarbeiten, im Rucksack in den Westen mitnehmen. Zuerst fand
sie ein Unterkommen in Lüneburg und unterrichtete hier an der Berufsschule,
bevor sie 1948 wieder als Kunsterzieherin am Mädchengymnasium in Altena/Westfalen
tätig wurde. Von dort wurde sie 1952 von der Direktorin des Mädchengymnasiums
in Castrop-Rauxel an deren Schule geholt. Sie erwarb die Lehrbefähigung
für das Fach Religion und konnte hier als Studienrätin bis zu
ihrem Ruhestand 1957 arbeiten. In der Aula des Gymnasiums hatte sie 1956
nochmals eine umfangreiche Ausstellung!
1959 zog M. L. Kaempffe nach Alsbach an
der Bergstraße, des milden Klimas wegen, und unternahm von hier aus
noch Reisen und Besuche bei Freunden und Verwandten, wo sie überall
ihre - auch künstlerischen - Spuren hinterließ.
So schrieb ihr Neffe Arnold Klingmüller
noch 1984 in einem Brief an Heide Klingmüller: „Weihnachten ohne Scherenschnittkrippe
ist kein richtiges Weihnachten. Ich bin doch in Schlesien mit den schönen
Krippen meiner Patentante Maria Louise Kaempffe aufgewachsen”.
Maria Louise Kaempffe starb am 30. Juli
1963 nach einem sehr, sehr langen, sehr schweren Krankenlager.
In einem Brief vom 27. Oktober 1962 offenbarte
sie: „Ich versprach früher meinem bedeutenden Lehrer Prof. Hans Poelzig,
ehe ich sterbe, meine „Passion” als Folge der „Heilandsgeschichte” zu vollenden”.
Diese Vollendung fand nicht mehr mit der Schere, sondern durch ihr eigenes
Leiden statt.
Und so möchte ich abschließend
ihre Nichte Marie Elisabeth Kaempffe zu Wort kommen lassen, die ihre Beziehung
zu Maria Louise Kaempffe in folgenden Worten zusammenfasste: „Sie war Vorbild
für mich, ein sehr großes Vorbild - aber, sie war auch meine
Anfechtung! Obwohl ich im Grunde ein ebenso unabhängiges und großzügiges
Leben führen kann wie sie, wollte ich doch von ihr lernen, dass eine
zu große persönliche Dominanz problematisch ist”.
Bemerkungen:
1. Scherenschnitte ohne Größenangabe
sind in Originalgröße wiedergegeben.
2. MVK = Museum für Volkskunde Berlin
3. Titelseite: „Madonna” in „Der Oberschlesier”,
MVK 118/64
4. Seite 9: „Ruhe auf der Flucht”, MVK
33/P/34, Original 1932 im Kunsgewerbemusum Breslau