| Name | Holzknecht, Doris |
| Geboren am .. | 07.01.1928 |
| Verstorben am ... | |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 07 |
| Autor(in) | Otto Kirchner |
Doris Holzknecht ist eine vielseitige Künstlerin. Ihre graphischen Arbeiten zeichnen sich durch Einfallsreichtum und Experimentierlust aus. Dies gilt auch für ihre Scherenschnitte. Anläßlich Ihres 70. Geburtstags wird im Januar 1998 eine Ausstellung in ihrem Heimatort Warmbronn stattfinden. Auf ihre Anregung hin wurden in der dortigen Bücherei seit längerem Ausstellungen durchgeführt.
Lebenslauf:
1928 Geboren in Mannheim
1944 - 1947 Höhere Fachschule für
das graphische Gewerbe in Stuttgart
1947 - 1948 Freie Akademie bei Prof.Berger
- Bergner, Unterricht bei Ilse Beate Jäkel und Prof. Schlegel in Stuttgart
seit 1948 Tätigkeit als Graphikerin
1959 - 1966 Eigene Siebdruckerei in Köngen/Neckar
seit 1968 Lehrtätigkeit als Kunsterzieherin,
Werkunterricht in Weil der Stadt
1991 Silbermedaille auf der internationalen
Graphik - Ausstellung in Bergamo/Italien
Doris Holzknecht lebt in Warmbronn, einem Stadtteil Leonbergs.
Die Scherenschnitte von Doris Holzknecht wecken keine romantischen Gefühle; ihre Schwarzweiß - Schnitte wirken manchmal sogar aggressiv. Das ist um so erstaunlicher, als die Hilfsbereitschaft und die Menschenliebe der Doris Holzknecht fast grenzenlos sind. Es ist, als ob der Scherenschnitt keine Zugeständnisse oder Kompromisse dulde.
Die Pflanzenschnitte.
Doris Holzknecht hat eine intensive Beziehung
zur Natur. Es ist nicht nur das Wunder des Lebens, das den empfindsamen
Menschen überwältigt, es ist der unendliche Vorrat an Formen,
der die Künstlerin fasziniert. Diese Formen schneidet Doris Holzknecht
direkt vor den Gegenständen der Natur. Rosen sind ein Motiv, das sie
immer wieder geschnitten hat (Abb. 1).
Durch das Fehlen der Farbe sind Blüte,
Blatt und Stengel gleichberechtigt. Das Problem der Fülle löst
Doris Holzknecht bei der Rosenblüte durch wenige Einschnitte in die
schwarze Umrißform. Originell ist, wie sie den rechten Bildrand in
den Rosenzweig auflöst. So, als ob sie versuchen wolle, die Trennung
von Kunst und Natur aufzuheben.
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Die meisten Pflanzenschnitte sind strenger als die Rose, wie z.B. die Palmenpflanze (Abb. 2). Die lanzettartigen Blätter streben unruhig nach allen Seiten, der Rand dagegen ist ruhige, aber nicht gleichmäßige Begrenzung: dem massiven Boden ist ein schwächeres Oben entgegengesetzt, die dünneren Seiten scheinen durch die Kraft der Pflanze etwas nach außen gedrückt zu werden.
Einfluß der Graphik.
Doris Holzknecht wird öfters als
Graphikerin bezeichnet. Sie ist, außer mit Scherenschnitten, mit
Zeichnungen, Aquarellen, Radierungen, Siebdrucken, Linol- und Holzschnitten,
in zahlreichen Ausstellungen an die Öffentlichkeit getreten. Von der
Kritik wurde sie deshalb als „vielseitige Künstlerin” bezeichnet.
Der Scherenschnitt nimmt innerhalb ihrer Arbeiten eine besondere Stellung ein. Schon mit 5 Jahren habe sie zu schneiden begonnen, der Scherenschnitt sei „immer so mitgelaufen”. Durch die leichtere Handhabung von Schere und Papier, insbesondere gegenüber der Radierung, wurde der Scherenschnitt für sie immer wichtiger. Doris Holzknecht abstrahiert die Naturform beim Umsetzen in den Papierschnitt. Die Graphikerin „überwacht” dabei die Schwarzweiß - Verteilung mit strengem Auge.
Die Buchzeichen.
Von Doris Holzknecht gibt es eine Reihe
von hochformatigen Scherenschnitten; sie werden von ihr auf Kartonstreifen
kopiert und als Buchzeichen verschenkt.
Neben „normalen” Schnitten (wie der Rose)
verwendet sie dazu phantasievolle Faltschnitte (Abb. 3). Doris Holzknecht
bringt es fertig, trotz der harmonisierenden Symmetrie eine ungewöhnliche
Spannung zu erzeugen. Das hat verschiedene Ursachen: einmal läßt
sie die beiden Personen die Köpfe zusammenstoßen, dann stellt
sie mit der Mittelsäule einen Raum her und erweitert diesen im unteren
Teil zu einer Art Bühne, auf der zwei Personen sitzen und einem unsichtbaren
Publikum ihren „Löffel” zeigen. Es ist, als ob eine ganze Geschichte
erzählt würde. In dem Maskenturm (Abb. 4) benützt Doris
Holzknecht die Symmetrie zur Darstellung der Gesichter. Sie trennt und
verbindet zugleich die drei Masken durch die verschiedenartigen Strahlen
und erzeugt das Turmgefühl, indem sie die Figuren nach oben kleiner
werden läßt. Und was das Besondere ist: sie bleibt dabei ganz
im Zweidimensionalen.
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Gouaches découpées.
Doris Holzknecht verwendet immer wieder
farbige Papiere, nicht nur als Hintergrund schwarzer Scherenschnitte, sondern
auch als Material für farbige Arbeiten. Selbst eingefärbte, braungelbe
Papiere verarbeitet sie zu abstrakten Gebilden, teilweise mit Flechtwerk,
das sie über die Grundformen legt oder in sie einarbeitet (Abb. 5).
Diese Gebilde nennt sie gouaches découpées.
Sie sind von besonderem ästhetischen Reiz und spiegeln die Vorliebe
der Künstlerin für die Farbnuancen des Rostes wider.
Es ist ein Musterbeispiel für die
künstlerische Verarbeitung persönlicher Neigungen.
Fabelwesen und Monster.
Während bei den gouaches découpées
Schönheit und Technik eine faszinierende Verbindung eingehen und eine
wohltuende Ruhe ausstrahlen, sind die ausgeschnittenen Monster merkwürdig
beunruhigend und irritierend (Abb. 6). Man sieht oder spürt, daß
sie sich dem Betrachter verschließen wollen, aber gleichzeitig geben
sie Zeugnis von psychischen Spannungen, über welche die Künstlerin
anders nicht reden kann oder will.
Solche Monster gibt es auch als Bleistiftzeichnungen.
Der irritierende Eindruck wird hier noch verstärkt durch ein realistisches
Auge, das einen emotionslos anblickt (Abb. 7). Ist es das Künstlerauge,
das so auf die Dinge und Menschen blickt?
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Illustrationen zu Geschichten und Märchen.
Doris Holzknecht hat eine ganze Anzahl
Geschichten und Märchen mit Scherenschnitten illustriert; sie sind
nur in Kleinauflagen für den Freundeskreis erschienen. Auch bei diesen
Arbeiten findet sie originelle Bildlösungen, siehe Irmi beim Gänsehüten
(Abb. 8). Die Beine der Gänsehirtin bilden fast eine Reihe mit den
Hälsen der Gänse, und aus den vereinigten Bäuchen ragen
die Gänsefüße als Sterne hervor.
Abb. 8: "Irmi beim Gänsehüten"
(8x12,2 cm)
Doris Holzknecht hat immer wieder Artikel zu literarischen Themen geschrieben, auch über Christian Wagner. Dieser „Seher und Bramine” ist schon anfangs dieses Jahrhunderts für die mögliche Schonung alles Lebendigen eingetreten.
Titelbild "Puck"
Nach einem Besuch des Sommernachtstraums hat Doris Holzknecht den Puck geschnitten (Titelbild). Dieser Scherenschnitt ist ein gelungenes Beispiel für den Wechsel von Schwarzweiß. Über die Figur des Puck schreibt Rolf Vollmann:
„Puck, eine Elfe aus dem Sommernachtstraum, sehr über oder ganz neben den Menschen stehend, mit leicht sadistischen Zügen, auch etwas zotig, herzlos, fern: Aber im Recht, denn dieser Blick auf die Menschen ist ein wahrer Blick.”
Auch wenn das zotig, herzlos nicht auf Doris Holzknecht paßt, es ist eine Beschreibung der Künstlerpersönlichkeit.
Behütete Frauen und Portraits.
Die geschnittenen Frauenköpfe von
Doris Holzknecht sind keine sanften und geschönten Portraits, sondern
kompromißlos in harte Schwarzweiß - Strukturen umgesetzte Kopf-
und Gesichtsformen, bei denen Hüte eine wichtige Rolle spielen. Einerseits
„behütet” der Hut den Kopf und schützt ihn, andererseits thront
er auf dem Kopf und versucht ihn zu dominieren. Dieses Wechselspiel zwischen
Kopf und Hut wird von Doris Holzknecht in immer neuen Variationen dargestellt.
Sie sammelt die notwendigen Erfahrungen mit verschiedenen Modellen, die
sie skizziert oder auch direkt schneidet. Die Skizzen werden von ihr zu
fiktiven Portraits weiterverarbeitet. Mit Vorliebe verwendet sie dabei
starke Kontraste, die sie auch ins Maskenhafte verändert oder sogar
verzerrt. Nicht eine oberflächliche Ähnlichkeit ist das Ziel,
sondern eine charakteristische Gesichtsstruktur (Abb. 9).
Abb. 9: "Frau mit Hut" (19,5x14,5
cm)
Das schwarze Augendreieck ist verbunden
mit dem gleichfalls schwarzen Nasenprofil, der geöffnete und deshalb
weiße Mund ist eingefaßt von harten Lippen. Die weiße
Gesichts- und Halsfläche wird unterbrochen durch ein am schwarzen
Ohr hängendes schwarzes Objekt. Die Perspektive des Huts ist eingeordnet
in die Schwarzweiß-Komposition, auch die weiße Hand unter der
Schulter wird scheinbar von ihr bestimmt. Gleichzeitig unterstreicht die
Hand aber die aggressive Haltung des Kopfes, d.h. formale Struktur und
Aussage lassen sich nicht trennen.
Doris Holzknecht begnügt sich bei
den Portraits nicht mit der Darstellung im Profil. Sie experimentiert auch
mit dem schwierigen Halbprofil und schneidet Köpfe von vorne (Abb.
10). Die aspektivische Darstellung, welche Berta von Böventer fordert
(SAW Heft 2), ist nicht auf das Profil beschränkt, sie kann auch bei
der en face - Darstellung realisiert sein.1
Abb. 11: Selbstbildnis (11,5x 19cm)
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist das Selbstbildnis von Doris Holzknecht (Abb. 11). Gesicht, Haar, Hals und der Rahmen bilden eine Einheit, die flächig ist, auch wenn der Betrachter versucht, die plastische Form zu rekonstruieren. Innerhalb der Gesichtsfläche kann man zwei Bereiche unterscheiden: einmal die Augen mit den Wimpern, die ebenso in den Brauen enden wie die von oben kommenden Haarzwickel, dann der in eine Faltenstruktur eingefaßte Mund. Diese beiden Bereiche sind verbunden durch einen starken Nasenbalken, dessen Flügel in den äußeren Faltenbogen übergehen. Man kann dieses Gesicht lesen wie eine Schwarzweiß - Struktur, man kann aber auch versuchen, den Ausdruck zu interpretieren, oder man kann fragen, was der beobachtende Blick der Künstlerin ins Auge gefaßt hat. Vielleicht ist man froh, daß dieser Blick nicht auf einen selber gerichtet ist. Auch wenn der künstlerische Blick nicht werten will, könnte er doch eine Prüfung sein, die man zu bestehen hat.
1 Emma Brunner-Traut: Frühformen des Erkennens Aspektive im Alten Ägypten WBG 1963