| Name | Heer-Maynollo, Martha |
| Geboren am .. | |
| Verstorben am ... | |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 06 |
| Autor(in) | Claus Weber |
Claus Weber besuchte Frau Martha Heer-Maynollo in Würzburg, er war überrascht und beeindruckt von ihren Scherenschnitten, die sie im stillen, hauptsächlich für sich und als Geschenke für Freunde geschnitten hat und noch schneidet Interessenten können Scherenschnitte von ihr erwerben, die Adresse finden Sie in der Mitgliederliste.

Masken und Figuren.
Mitte der dreißiger Jahre, also
mit etwa 13 bis 14 Jahren, war sie Mitglied des Zusatzchors der Frankfurter
Oper und lernte dort auch zu schminken, die Arbeit der Maskenbildner. Masken
überhaupt faszinieren sie noch immer, was man an vielen ihrer Arbeiten
ablesen kann (Abb. 3, 4).
Damals schnitt sie auch Figurinen zu Schauspielszenen,
der Intendant des Theaters ermöglichte ihr eine kleine Ausstellung
unweit der Frankfurter Hauptwache. In jene Zeit fällt die erste Begegnung
mit dem Werk Ernst Moritz Engerts: „von ihm bin ich optisch beeinflußt
worden, mich beeindruckt seine Linienführung“. Ihre Frühwerke
gingen mit wenigen Ausnahmen (Abb. l, 2) verloren, als ihr Elternhaus in
Frankfurt im März 1944 während eines Bombenangriffs ausbrannte.
Seit 1945 sammelte sie Belege und verwahrte sie, wie auch ihre Arbeiten,
chronologisch zusammengestellt, in Ordnern. Und Schubladen („Das ist anders,
als üblich, ich heb's mal auf“).
Im Krieg war sie dienstverpflichtet, arbeitete
als Landkartenzeichnerin und in einer Munitionsfabrik In dieser Zeit gab
es fast nichts zu kaufen, mit Scherenschnitten- als Geschenke wollte sie
anderen eine Freude bereiten. An einen Verkauf dachte' sie damals nicht
vielmehr „waren mir meine eigenen Arbeiten nie gut genug, das kann doch
jeder, dachte ich immer“! Nach dem Krieg durchlief sie mehrere Stationen
in einem Kunstverlag und im Zeitungswesen. Zuletzt, bis zu ihrem Ruhestand
arbeitete sie als Chef-Sekretärin der Wirtschaftswissenschaftlichen
Fakultät der Universität Würzburg. Mehrere Umzüge gehörten
zwangsläufig zu ihrem Leben. Einige Jahre verbrachte sie in Düsseldorf,
wo sie an der Kunstschule in der Schriftklasse bei Prof. Köhler-Achenbach
hospitierte. Seit 1956 lebt sie in Würzburg. Darauf angesprochen,
welche Bedeutung der Name Maynollo habe, gibt sie eine überraschende
Erklärung: „Ich wohnte in einem Viertel, in dem es vier Familien mit
dem Namen Heer gab. Unsere Post wurde oft vertauscht, deshalb ergänzte
ich meinen Namen um den Geburtsnamen meiner Mutter, die Verwechslungen
hörten auf, und es klingt doch auch ganz gut“
„Gedanken als Formen“
„Meine Scherenschnitte entstehen sehr
impulsiv, die Darstellung springt mich als Impression fertig an“ erklärt
sie und fügt hinzu „Auftragsarbeiten liegen mir weniger. Der Idee
folgt sofort die Umsetzung, bei mir hat es keinen Zweck, etwas liegen („verkochen“)
zu lassen“. Danach allerdings spielt sie ausdauernd und offensichtlich
begeistert mit Formen und Ausdruck. Starke Anregungen empfing sie von den
stahlplastischen Arbeiten Prof. Dr. C. F. Claussens, von deren Reduzierung
auf das Wesentliche eines Ausdrucks sie stark beeindruckt war. Dieser künstlerische
Weg ist bei ihren Arbeiten allerdings schon vor der Begegnung mit Prof.
Claussens Werk festzustellen. Hintergründige Ironie und Doppelsinn
werden bei manchen ihrer Schnitte und deren Titel deutlich. Der Betrachter
spürt das Augenzwinkern, mit dem sie gearbeitet hat (Abb. 5). Ihre
„Gedankenformen“, von ihr erfühlt und gestaltet, können in vollem
Umfang nur intuitiv erfaßt werden,
der Zugang mit der Ratio ist zwar möglich, erschließt jedoch
nie die ganze Fülle und Tiefe der Bilder. Die Schönheit und Vielfalt
der Schöpfung faszinieren sie, diese zu zeigen war und ist ihr Anliegen.
Grafischer Eindruck
„Ich habe immer „anfallsweise“ geschnitten
und tue das immer noch, wobei meist während einer Periode ein Motiv
thematisiert wird.“ Sie abstrahiert, vereinfacht arbeitet linear-grafisch,
gelegentlich flächig. Immer erkennt man die Freude an der Variation
der Fenn, an unterschiedlicher Gestaltung desselben Themas, der gedanklichen
und formalen Betrachtung aus verschiedenen Richtungen. Bei ihren Masken
und Gesichtern wird nicht die Silhouette gestaltet, vielmehr bleiben die
Umrißlinien stehen, das Bild wirkt fast "gezeichnet" (Abb. 6). Hier
werden die Einflüsse des Großvaters, wie auch Ernst Moritz Engerts
und der Ausbildung in Schriftgestaltung deutlich.
Bilder der Intuition
Beeindruckend sind Collagen, die sie aus
den unveränderten Ausschnitten der Scherenschnitte komponiert (Abb.
7 und 8). Sie sind ausdrucksstark und überraschen durch die vielfältigen
Möglichkeiten der Aussage. Es ist faszinierend, was diese Künstlerin
aus „Resten“, aus „Abfall“ gestaltet In diesen Werken, die sie auch „Restebilder“
nennt, fühlt man ihre Intuition, ihre Spontanität besonders stark,
man empfindet, dieses Bild kommt aus der Seele. Die Komposition ist nicht
geplant, sie ist empfunden, erfühlt, erlebt.
Die Technik
Martha Heer-Maynollo schneidet ihre Arbeiten
ohne Vorzeichnung, also frei. Allenfalls fertigt sie eine grobe Skizze,
allerdings nicht auf dem Scherenschnittpapier, sondern separat Gelegentlich
und bei sehr großen Bildern kennzeichnet sie wenige, wichtige Stellen
durch Positionspunkte. „Ich zeichne mit der Schere“, betont sie, „aber
ich schneide auch, vor allem längere, glatte Linien mit dem Messer“.
Messerschnitt und Scherenschnitt stehen gleichberechtigt nebeneinander,
mit dem einen Werkzeug wird gearbeitet, mit dem anderen, falls erforderlich,
nachgebessert Ähnlich, wie wir es von Josi Meidinger kennen, schneidet
Frau Heer-Maynollo mehrere übereinandergelegte Lagen Papier. Dabei
verwendet sie neben Scherenschnittpapier - höchstens 3 Lagen - auch
Seidenpapier; dann sogar bis zu 10 Lagen gleichzeitig. Sie benutzt verschiedenfarbige
Seiden-Papiere, klebt aus den entstandenen Figuren interessante Collagen,
die leider im Schwarz-Weiß-Druck nicht wirkungsvoll dargestellt werden
können. Spiel mit Farben. Bei Köpfen und Masken hinterlegt sie
die Flächen zwischen den schwarzen Umrißlinien gerne mit verschiedenfarbigen
Metallfolien, wodurch ein verblüffender Eindruck entsteht, der durchaus
gewöhnungsbedürftig als möglicher Weg in die Farbe aber
bemerkenswert ist. Es entstehen interessante Unterschiede im Ausdruck eines
einzigen „Urschnittes“.
Zusammenfassung
Martha Heer-Maynollo arbeitete ein leben
lang als Scherenschnittkünstlerin im. Verborgenen. Ihr war nicht bewußt,
daß sie mit den meisten ihrer Arbeiten den Bereich „Kunsthandwerk“
verließ und aussagekräftige Kunst schuf. Aus Spaß an der
Umsetzung von Gedanken in form und um anderen Menschen eine Freude zu bereiten
gestaltete und gestaltet sie Werke des Scherenschnitts, in denen sie ein
Thema nicht rational, sondern emotional interpretiert. Ihre Arbeiten hinterlassen
starken Eindruck, sie rühren an, sie lassen schmunzeln.