| Name | Günst, Bettina |
| Geboren am .. | |
| Verstorben am ... | |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 21 |
| Autor(in) | Hartmut Klug |
Bettina Günst - eine Doppelbegabung
![]() |
Abb. 5: Bettina Günst: Scherenschnitt von Ursula Kirchner nach einer Fotografie |
Eines Tages flatterte mir die Einladung
zu einem Musikfest ins Haus, vorn drauf war ein Geiger, als Scherenschnitt
(Abb. 1).
![]() |
Abb. 1: Einladung zum Musikfest (Ausschnitt) |
Nun ist die Geigenhaltung wirklich das Unnatürlichste, was es gibt (mir wurde sie als Kind abverlangt...) und für den Silhouettisten kommt die Schwierigkeit hinzu, all die Überschneidungen genau in dem Moment zu erfassen, wo man alle ausdrucksbestimmenden Körperteile, die Geige und den Bogen in glaubhaftem Zusammenspiel erkennen kann. In diesem Falle erkannte ich blitzhaft: Hier hat jemand einen Scherenschnitt gemacht, der etwas von Musik versteht! Auf diesem Umweg kam eine höchst ersprießliche Bekanntschaft zustande mit einer Künstlerin, die tatsächlich zweifach eine solche ist. Zunächst tauschten wir per Post einige für uns typische Schwarzweißbilder aus und entdeckten sehr viel "Verwandtschaft": der bildnerische Blick auf das musikalische Motiv, der humoristische Anflug und sogar technische Einzelheiten waren verblüffend ähnlich. Und nun habe ich die Ehre und das Vergnügen,
Ihnen ein neues Mitglied des Deutschen
Scherenschnittvereins vorzustellen: Bettina Günst, Cellistin, Mutter
von drei Kindern, lebt in Kiel, ihr Mann ist von Beruf Kontrabassist. Als
Scherenschneiderin ist sie Autodidaktin. Die Natürlichkeit ihres Talents
kommt aus der Familientradition: Ihr Großvater war ein vielseitiger
bildender Künstler, der wohl auch großen Einfluss auf seine
Enkelin nahm, der Vater war Berufsmusiker. So ist es kein Wunder, wenn
auch ihre Kinder wieder sich zeichnerisch, musikalisch und sogar scherenschneidend
äußern (ein Schnitt der 8jährigen Tochter ist da ein schwungvolles
Zeugnis) (Abb. 2).
![]() |
Abb. 2: Scherenschnitt der Tochter (20x15 cm) |
Es vollzieht sich das, was gelangweilte
Kritiker herablassend als heile Welt apostrophieren (wo kämen wir
hin, wenn sich das verlöre??), nämlich, dass mit der größten
Selbstverständlichkeit Kinder die Tätigkeiten ihrer Eltern aufnehmen.
Diese "mothertongue-method" (wie sie der berühmte japanische Geigenpädagoge
Suzuki nennt) ist die gründlichste Art, sich "Kunst" anzueignen, ohne
Schnörkel und Getue, fern allem berechnenden Kitsch. Wahrscheinlich
muss man "vom Theater" sein, um bei einer Komposition wie der "Prüfung
von Pamina und Tamino" (Abb. 3) den hundertprozentigen Spaß zu kriegen.
![]() |
Abb. 3: "Prüfung von Pamina und Tamino" (28,5x19,5 cm) |
Wie in einem Provinztheater so eine Illusion
hergestellt wird, ist ja an sich schon komisch. Allein die Wichtigkeit,
die der Theater-Feuerwehrmann bekommt, wenn der Unterbühnenmaschinist
den Hebel dreht und die Sänger erst durch Wasser, dann durch Feuer
schreiten müssen! Da hört man förmlich die schaurige Musik
für Flöte mit der Paukenbegleitung, die Mozart dieser Szene angepasst
hat. Und all das hat Bettina Günst mit Akribie eingefangen, kaum übertrieben,
nur einfach meisterhaft erzählt! Ja, - was auswählen aus dem
köstlichen Panoptikum ihrer Scherenschnitte? Da ist noch die Probe
für ein Duett zwischen Cello und Geige (Abb. 4). Die Frau mit der
spitzen Nase unterbricht lächelnd den gerade zu hohen künstlerischen
Schwüngen ausholenden Geiger, der über sein Einhalten selbst
erstaunt ist. Der feine Realismus dieser Momentaufnahme sucht seinesgleichen!
Kontrapunktiert wird die Szene durch die prätentiösen, barocken
Notenständer und die Kerzenbeleuchtung.
![]() |
Abb. 4: (29,5 x 18 cm) |
Im Briefwechsel mit Bettina Günst
fragte ich an, ob die auffallend häufige Spitznasigkeit ihrer Typen
etwas mit ihrer eigenen Physiognomie zu tun habe, und prompt kam die Bestätigung
in Form einer Fotografie, die wir hier, als Portraitsilhouette, geschnitten
von Frau Ursula Kirchner, einfügen (Abb. 5). Im Schaffen eines Künstlers
prägen sich gewisse Attitüden aus, die das Temperament und Gedankengut
ihres Schöpfers widerspiegeln. Bettina Günst beobachtet ihre
Umwelt mit größter Präzision, alles ist in Bewegung, die
Proportionen stimmen, die Umrissführung lässt phantasievolle
Einschnitte zu, das erzählende Beiwerk ist in Harmonie mit der Gesamtwirkung
- es ist eine Freude, mit den Augen darauf spazieren zu gehen! Wir sollten
gespannt sein, mehr von ihrer Kunst zu sehen, - Willkommen Bettina Günst!