| Name | Grützmacher, Horst |
| Geboren am .. | 07.07.1933 |
| Verstorben am ... | |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 20 |
| Autor(in) | Otto M. Welker |
Besuch bei einem Scherenschnittkünstler in Australien
Während meiner letzten zweimonatigen
Reise in Australien besuchte ich auch Horst und Dagmar Grützmacher
in Queensland.
Mit Horst habe ich einige Jahre in Deutschland
im Grafischen Gewerbe zusammengearbeitet.
Nun wohnt Familie Grützmacher schon
seit einigen Jahren an der Ostküste in Australien, im sonnigen Queensland,
wo ihre Tochter schon vor ihnen lebte. Sie wohnen dort an einem Hügel
umgeben von Zuckerrohrfeldern auf halber Strecke zwischen der Stadt Bundaberg
und dem Ferienort Bargara, der direkt am warmen Pazifikstrand liegt.
Zwar wußte ich, dass Horst als grafischer
Fachberater auch ein sehr guter Zeichner war, trotzdem war ich überrascht,
als ich die großen detaillierten Scherenschnitte sah, die Horst jetzt
hier in seiner neuen Heimat gefertigt hat.
Natürlich hatte ich schon früher
einige hübsche kleine Scherenschnitte in Deutschland gesehen, aber
diese Arbeiten, die ich hier zu sehen bekam, ließen meine bisherigen
Vorstellungen von Scherenschnitten in ganz neuem Licht erscheinen.
Da gab es große Bilder, die im ersten
Moment eher wie Holzschnitte erscheinen, mit eindrucksvollen Darstellungen.
Es waren darunter ganze australische Landschaften mit ihrer besonderen
Tier- und Pflanzenwelt, aber auch kritische Bilder gegen Krieg und Umweltzerstörung.
Das Erstaunlichste aber ist, wie diese
Bilder entstehen. Ich konnte selbst zusehen wie Horst nur mit der Schere,
ohne jegliche Vorskizzierung, ein ganzes Bild ausschnitt.
Nie würde er auf dem Scherenschnittpapier
einen Bleistiftstrich machen, erklärte mir Horst. Des Öfteren
würde er von ‚Schulen und Clubs aufgefordert, seine Kunst vor versammelten
Zuschauern vorzuführen. Dann bäte er immer die Anwesenden, ihm
vorzuschlagen, was er für sie ausschneiden solle.
Natürlich kämen da manchmal die
komischsten Vorschläge, z. B. ein Motorradfahrer oder ein Kricketspieler
und ähnliches mehr. Aber trotzdem schneidet er das Gewünschte
immer schnell ohne Vorzeichnung aus.
Die vielen Zertifikate, die ich sah, bestätigten
mir die Zufriedenheit der Schulen und Clubs mit dem Gezeigten.
Manchmal mache er Zeichnungen nach der
Natur, sagte mir Horst, aber niemals auch nur einen Strich auf dem Scherenschnittpapier.
Zu den großformatigen Bildern ging Horst über, weil die Australier
nur die Gesichtssilhouette kennen und kleine Scherenschnitte auf Ausstellungen
gegen die dort ausgestellten Gemälde sonst kaum beachtet wurden.
Damit beim Schneiden der bis 60 x 80 cm
großen Scherenschnitte die bereits fertig geschnittenen Bildteile
nicht beschädigt werden, müssen diese stückweise mit Transparentpapier
abgeklebt werden. So kann man zwar noch die fertigen Bildteile für
das Weiterschneiden erkennen, diese aber nicht mehr beschädigen.
Besonders bewundernswert erschienen mir
die harmonischen Formkompositionen, die von diesem Künstler wie die
Melodien der Tonkomponisten zu einer gleichklingenden Symphonie zusammen
komponiert werden. Es ist wirklich schade, dass diese Bilder nicht auch
auf größeren Ausstellungen in Deutschland gezeigt werden können.
Zwar wurden schon einige kleinere Bilder
.zu Ausstellungen in Deutschland gesandt, aber erst die großen Arbeiten
von Horst zeigen sein wirkliches Können. Es ist noch besonders beachtenswert,
wenn man bei der Entstehung dieser Arbeiten zuschauen kann.
Zu einigen Bildern macht Horst noch dazu
passende Gedichte, wodurch für den Betrachter noch eine bessere Beziehung
zu den Arbeiten hergestellt wird. So kann man nur wünschen, dass dieser
Scherenschnittkünstler im fremden Australien im Alter noch die ihm
gebührende Anerkennung bekommt.
Zu mir sagte er etwas resigniert: "van
Gogh hat zu Lebzeiten auch nur ein einziges Bild verkauft und heute zahlt
man Millionen für seine Bilder. Vielleicht bekommen meine Arbeiten
auch später, wenn ich nicht mehr lebe, ihre volle Anerkennung."
„Two Cultures meet“ (69,5 x 50,5 cm)