| Name | Goeschen-Rösler, Paula von |
| Geboren am .. | 27.08.1875 |
| Verstorben am ... | 04.09.1941 |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 19 |
| Autor(in) | Ronny Willersinn |

Künstlerischer Werdegang
Bis 1902 erhielt Paula Rösler Unterricht
im Elternhaus durch Hauslehrer und trat in dieser Zeit kaum erkennbar an
die Öffentlichkeit. Dann verließ sie Rodach für ein Kunststudium
in München. Frauen waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht an der Kunstakademie
München zugelassen, und so nahm sie ihre Ausbildung an der Damen-Akademie
des Münchner Künstlerinnen-Vereins auf.
Zur gleichen Zeit studierte wahrscheinlich
Gabriele Münter, die später, zusammen mit Wassilij Kandinski,
Mitglied der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ wurde. Eine Studienreise
nach Florenz und mindestens zwölf Wohnortwechsel prägten diese
Zeit in München, die bis 1915 andauerte. Ab 1906 arbeitete Paula Rösler
als freischaffende Künstlerin in München. Die verschiedensten
Techniken machte sie sich zu eigen: Radierungen, Zeichnungen, Pastellzeichnungen,
Tempera-Arbeiten – und eben Scherenschnitte, die sie aber erst 1914 zum
ersten Mal der Öffentlichkeit präsentierte.
Zur gleichen Zeit entstanden auch Dichtungen.
So zeichnete sie die Illustrationen zu ihrem Gedichtband „Falter“, der
1905 erschien.



Begegnung mit Waldemar Bonsels
Dem 1880 geborenen und damit wenige Jahre
jüngeren Waldemar Bonsels begegnete Paula Rösler in München
und daraus entwickelten sich in vielerlei Hinsicht intensive Impulse. Bonsels
war mit 17 Jahren dem Elternhaus, dem Arzt-Vater und dem Gymnasium in Kiel
entflohen und durch viele Länder gereist. Paula Rösler liebte
ihn unglücklich – und doch verband beide eine Jahrzehnte lange Freundschaft.
Schon früh war sie von seiner schriftstellerischen Begabung überzeugt,
wie sich das zum Beispiel in Briefen aus dem Jahr 1908 spiegelt, in einer
Zeit bevor Bonsels 1912 mit seinem Buch um die Biene Maja zu literarischem
Weltruhm gelangte. Sie unterstützte ihn mehrfach finanziell. In seinem
Schwabinger Verlag erschienen ihr Gedichtband „Falter“ und danach noch
weitere. 1912 fand sich in ihrem Testament der Wunsch, Bonsels ihr gesamtes
Vermögen zu vererben.
Später sollten sich durch den großen
literarischen und damit auch wirtschaftlichen Erfolg Bonsels und durch
die schwierige finanzielle Situation von Paula Rösler die Verhältnisse
umkehren. Daraus ergaben sich tragische Geschichten: Als sie sich 1920
mit der Bitte um eine Empfehlung an den Insel-Verlag noch einmal brieflich
an ihn wandte, da sprach sie schon davon „dass alles Persönliche zwischen
uns erloschen ist!“ und Bonsels antwortete nur sehr schleppend, förderte
ihr Vorhaben nicht.
Künstlervereinigung „Die Welle“
Am 12.12.1915 verließ Paula Rösler
München und zog nach Achenmühle im Chiemgau. Über Gründe
dafür mag folgendes Zitat des bekannten bayrischen Schriftstellers
und Feuilletonisten Josef Hofmiller in den Münchner Nachrichten Aufschluss
geben: „Der Chiemgau ist ungemein malerisch, und wenn sich immer mehr Künstler
in ihm dauernd ansiedeln, so ist das nur natürlich… Man begreift,
dass sich Maler gerade hier niederlassen.“ Zwischen 1910 und 1920 machten
sich tatsächlich immer mehr Künstler hier ansässig. Nach
dem 1. Weltkrieg entstand der Chiemgauer Künstlerbund mit Ausstellungen
auf der Herren- und Fraueninsel, zu dessen Mitgliedern Paula Röslers
Kontakte ab mindestens 1919 verbrieft sind.
Bald aber gab es Austritte aus diesem
Künstlerbund, wohl wegen unterschiedlicher Kunstauffassungen, und
es kam 1921 zu dem Plan, eine neue Künstlervereinigung, „Die Welle“,
zu gründen. Die Welle war keine Künstlerkolonie im eigentlichen
Sinne und wurde doch oft als „Worpswede des Chiemgau“ bezeichnet. Die Mitglieder
wollten sich in kein Manifest oder festes Programm einengen, sondern eine
durch gemeinsames künstlerisches Wollen und gegenseitige Freundschaft
zusammengehaltene Gilde sein. Die Welle bestand von 1922 – 1933 und Paula
Rösler gehörte ihr als einzige Frau von Anfang an an.
Weil als Ausstellungsort die Herreninsel
nicht zu bekommen war, wurde ein Holzpavillon in Stock/Prien am Chiemseeufer
geplant. Hierfür sollte jedes der Mitglieder – Bernhard Klinckerfuß,
Emil Thoma, Friedrich Lommel, Paul Roloff, Hermann Müller-Samerberg,
Wolfgang Zeller, Rudolf Sieck, Rudolf Hause und Paula Rösler – jeweils
10.000,- DM aufbringen. Für Paula Rösler in der schon beschriebenen
schwierigen Situation wurde der Betrag reduziert, und dennoch musste sie
sich um ein Darlehen an Waldemar Bonsels wenden.
Am 24.6.1922 war es so weit: Der Ausstellungspavillon
wurde eröffnet, und Paula Rösler, die 1926 Feodor von Goeschen
heiratete und von da an Paula von Goeschen-Rösler hieß, stellte
hier bis 1933 regelmäßig aus.
Während 1922 von ihren 13 ausgestellten
Werken sechs Scherenschnitte und sieben Tempera-Arbeiten waren, waren in
den Jahren 1924 bis 1928 alle ausgestellten Arbeiten Scherenschnitte, was
auf eine besondere Wertschätzung dieser Werke durch das Publikum hindeuten
mag. Im Presseecho zur jährlichen Ausstellung der Welle wurden die
Scherenschnitte jedenfalls viele Male besonders gewürdigt. So zum
Beispiel im Rosenheimer Anzeiger vom 10.7.1929:
„Paula von Goeschen-Röslers reizvolle
Arbeiten gehören in ihrer prickelnden Eigenart zu den erfreulichsten
Bildern der Ausstellung. Die Künstlerin ist in der Aufteilung der
Fläche ganz große Könnerin…“
Ihre Höhepunkte fanden die Welle-Ausstellungen
wohl in den Jahren 1928, als Professor Karl Hagemeister und 1929, als Max
Slevogt als Gäste der Künstlervereinigung in Stock /Prien ausstellten.
Die Scherenschnitte
Mögen es nun die Prägung durch
Waldemar Bonsels, dessen Buch „Himmelsvolk“ ja auch mit Scherenschnitten
illustriert war, oder Begegnungen mit anderen Münchner Künstlern
(vielleicht mit Rolf Hörschelmann und den Schwabinger Schattenspielen)
oder ganz andere Einflüsse gewesen sein, die Paula Rösler zum
Scherenschnitt anregten, – sie setzte sich jedenfalls so ausdauernd und
intensiv damit auseinander, dass sie ihre ganz eigene Auffassung dieser
Technik entwickelte.
Neben wenigen schwarz- weißen Arbeiten
stehen viele Scherenschnitte, deren Besonderheit Farben wie warmes Braun,
lichtes Ocker und tiefes Blau, eigentümlich stumpfe Farbtöne
sind.
Nur einmal experimentierte Paula Rösler
mit Phantasieformen, ließ sich dann aber vom Künstlerkollegen
Paul Roloff wieder davon abbringen (Abb.5).
Fast ausschließlich arbeitete sie
danach an graziös stilisierten und sehr bewegten Pflanzenformen. Betrachtet
man die zeitliche Abfolge, so ist zu beobachten: die Formate werden größer,
die Skizzierung schärfer. Formen des Jugendstils, die ihre Zeit prägten,
spiegeln sich in den Arbeiten. Man meint Einflüsse japanischer Kunstblätter
zu erkennen.
Ihr Biograf Egbert Friedrich, Bad Rodach,
beschreibt sie als lebensbejahenden Menschen: „Sie nahm das Leben wie eine
Philosophin, wie Diogenes im Fass. Beherrschend in ihrem Gesicht waren
ihre ausdrucksvollen dunklen Augen. Sie war darauf bedacht, dass die Würde
des Menschen nicht verletzt wurde. Trotz ihrer Wertschätzung von gepflegten
Umgangsformen konnte sie sich über Konventionen hinwegsetzen.“
Diese eigenwillige Frau, die andauernd
zu kämpfen hatte, um mit dem Lebenswerk, dem sie sich gewidmet hatte,
zu überleben, erreichte zwar persönlich und in ihrer künstlerischen
Entwicklung viel, aber größeren finanziellen Erfolg erlebte
sie nicht. Dass der bescheidene Reichtum des Vaters durch die Kriegswirren
zerrann, sie selbst in den Inflationszeiten größte Erschwernisse
erlebte und auch ihre Heirat sie finanziell nicht absicherte – „Ich habe
mich keineswegs in glänzende Verhältnisse hinein verheiratet!“
– all diese Widerstände konnten sie doch nicht von ihrem künstlerischen
Lebensweg abbringen. Wieder und wieder vertiefte sie sich in ähnliche
Motive, um gültige Ergebnisse ringend.
Eine Einschätzung von Egbert Friedrich
von den drei Entwicklungsphasen ihres Schaffens mag den Blick auf ihr Werk
abrunden:
1. Die linear betonte „Graphik mit der
Schere“. Ihr Stil ist weder weich noch rhythmisierend dekorativ (Abb. 6).
2. Das flächig gelöste Schwarz-weiß-Spiel
mit der Natur. Harmonische, im Hell-Dunkel ausgewogene, linear reizvolle
Motive (Abb. 2).
3. Das „graphische Stillleben“, graphische,
weil die Gestaltung des Werkes von der Zeichenkunst ausgeht; Stillleben,
weil die Gegenstände und Pflanzen von der Künstlerin wirksam
geordnet worden sind. Ihre Konzeption entsprach der Befreiung der Kunst
von stofflichen, gegenständlichen Bindungen, wie es das Ziel der Impressionisten
war (Abb. 4)

Ihre letzten Jahre und danach
Feodor von Goeschen war bald schwer erkrankt
und verstarb 1931. Im Jahr 1932 zog Paula von Goeschen-Rösler nach
Wurmsdorf bei Söllhuben, wo sie ihre letzten Jahre verbrachte und
1941 verstarb.
Nach der Ausstellung 1934 löste sich
die Künstlergruppe „Die Welle“ auf, der Ausstellungspavillon wurde
abgebrochen. Wohl hatte die freie kleine Künstlervereinigung in den
Zeiten der Gleichschaltung des Nationalsozialismus seine Daseinsberechtigung
verloren.
Die Werke von Paula von Goeschen-Rösler
waren nach ihrem Tod noch in Rosenheim und im Münchner Kunstverein
als Gedächtnisausstellungen zu sehen. Im Jagdschloss von Bad Rodach
bei Coburg hängen ständig vier ihrer großformatigen farbigen
Arbeiten und zur Fränkischen Weihnacht (so auch in diesem Jahr am
16.12.01) werden einige ihrer Werke im ehemaligen herzoglichen Jagdschloss
ausgestellt.
Literatur
- „Die Welle, Kunstausstellung“, Prien
1997
- Egbert Friedrich: Paula Rösler,
Rodach 1994