| Name | Gauhl, Giselher |
| Geboren am .. | 19.12.1929 |
| Verstorben am ... | |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 09 / 10 |
| Autor(in) | Vera Gaul |
1929 Geboren in Lyck/Masuren
1949 Abitur in Osterode/Harz
1950-1956 Studium zunächst in Göttingen,
dann an der Universität und an der Landeskunstschule Mainz (Kunsterziehung
und Geographie)
1956-1958 Referendariat in Frankfurt/Main
ab 1959 Wohnsitz in Höxter/Westfalen
1959-1990 Kunsterzieher am dortigen Gymnasium,
zuletzt als Studiendirektor
Scherenschnitte seit 1983.- Einzelausstellungen
in Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Thüringen, Baden-Württemberg
und Bayern. Teilnahme an Gruppenausstellungen, u.a. an der Ausstellung
des Deutschen Scherenschnittvereins in Schwäbisch Gmünd 1997
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Zur Schere griff Giselher Gauhl erst in vorgerückten Lebensjahren, als bei der Schreibhand zunehmend Blockaden auftraten (langjähriger Gebrauch einer Gehstütze bei umgeschulter Linkshändigkeit). Während der Umgang z.B. mit Stift oder Feder sehr bald Mühen bereitete, war die Handhabung einer Schere problemlos, denn beim Schneiden wird die Fingermuskulatur ungleich weniger beansprucht als etwa beim Schreiben oder Zeichnen.
Abb. 1: Porträtkarikatur: Die
Galeristin Th. (110 x 80)
Giselher Gauhl ist nicht an dekorativer Gestaltung interessiert. Vielmehr strebt er szenisch gebundene realitätsnahe Darstellungen an und sieht daher in seinen Silhouetten nicht Schattenbilder, also Ungreifbares, sondern faßbar Dingliches, Körper aus Fleisch und Blut, wie im Gegenlicht gesehen. Mimik, Haltung und Bewegung müssen dabei von überzeugender Lebendigkeit sein (Abb. 1, letzte Umschlagseite). Das legt eine kompakte, geschlossene Formgebung nahe. Deshalb finden sich in seinen Arbeiten auch kaum Binnenschnitte.
Abbildung auf der letzten Umschlagseite
(SAW 9/10)
Beispiele seiner großformatigen Blätter (Landschaften und figürliche Darstellungen), im Anschluß an Auslandsreisen entstanden, belegen dies (Abb. 2 und letzte Umschlagseite). Solche Schnitte sind durchwegs Ergebnis unmittelbarer eigener Anschauung, entweder durch Skizzen vor Ort festgehalten oder im visuellen Gedächtnis bewahrt.
Abb. 2: Venezianische Gondelsteven.
(270 x 500)
Die Hinwendung zum Silhouettenschnitt signalisiert bei Giselher Gauhl wohl eine Art „Rückzug“, doch daß er zur Passion seiner späten Jahre wurde, liegt vor allem in der Natur des Werkzeugs Schere selbst. Es war der Vorgang des Schneidens, der stimulierend auf Bilderfindung und Formengebung einwirkte. Der scharfe Schnitt, der „Biß der Schere, kann auch zu einer Darstellung mit „Biß“ führen!
Hier eröffnet sich ein breites Spektrum vom Satirischen bis hin zum Makabren. Das ist nicht Jedermanns Sache, aber bei Gauhl traf es auf eine entsprechende innere Disposition. So entstanden neben Porträtkarikaturen (Abb. 1) verschiedene Serien satirischen Inhalts. Zum Beispiel gaben Berichte über „Erfolge“ der Gentechnologie den Anstoß zu einer Folge von „Vorschlägen für Brehms neues Tierleben oder Gentechnik macht’s möglich“ (Abb. 3). Anläßlich einer Ausstellung Gauhl’scher Silhouetten wurde gesagt, daß da ein „Christian Morgenstern mit der Schere“ am Werk gewesen sei. Tatsächlich hat Morgenstern gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts u.a. eine groteske „Aufzählung“ mit dem Titel „Neue Bildungen, der Natur vorgeschlagen“ geschrieben.
Abb. 3: Peliutan. Aus der Serie
„Vorschläge für Brehms neues Tierleben“. (250 x 230)
Schwerpunkt der Arbeit mit der Schere wurde
für Giselher Gauhl in den letzten Jahren die Literaturillustration.
In ihr sieht er eine echte Herausforderung durch selbstgestellte Aufgaben.
Dabei reizt besonders die „Übersetzung“ des geschriebenen Wortes in
eine Bildsprache. Voraussetzung hierfür ist das Vertrautsein mit dem
Inhalt und eine ernsthafte Bemühung um das Verständnis der jeweiligen
literarischen Vorlage.
Am Anfang stand hier die Vagantenliteratur
des Mittelalters, Carmina Burana (Titelbild) und die Balladen von François
Villon.
Titelbild: "O Fortuna" Aus
Carmina Burana. (600 x 450)
Als ergiebig wenn auch hürdenreich erwies sich die von Einfällen strotzende Sprache des großen Barockdichters Grimmelshausen (Simplizissimus, Courasche, Abb. 4) mit seinen wüsten Szenarien des Dreißigjährigen Krieges. Die größere von zwei Fassungen der beiden Illustrationsfolgen wurde von der Grimmelshausenstiftung im badischen Renchen für ein Museum erworben.
Abb. 4: Die Courasche als
Offiziersdiener. Illustration zu H.J.Chr. v. Grimmelshausen, Lebensbeschreibung
der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin
Courasche. (130 x 250)
Auch Charles de Costers flämischer „Ulenspiegel und Lamme Goedzack“ mit seiner vielschichtigen Symbolik stellte einen harten Brocken dar (Abb. 5).
Abb. 5: Lamme im Bordell.
Illustration zu Ch. de Coster, Ulenspiegel und Lamme Goedzack. (170 x 250)
Leichter von der Hand gingen die Silhouetten zu Haseks bravem Soldaten Schwejk, der, jegliche Obrigkeit ad absurdum führend, das Vorstellungsvermögen eher heiter beflügelte (Abb. 6).
Abb. 6: Schweijk. Titelvignette
zu J. Hasek, Die Abenteuer des braven Soldaten Schweijk. (180 x 90)
Giselher Gauhl stellt an seine Illustrationen
eine grundsätzliche Forderung: Jede ins Bild gesetzte Szene muß
am Text überprüfbar sein. Sie soll „auf den Punkt gebracht“ werden,
schnörkellos, drastisch und klar.