| Name | Fleckseder, Ingeborg |
| Geboren am .. | 31.12.1917 |
| Verstorben am ... | |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 30 |
| Autor(in) | Ingrid Englert-Fally |
Man ist glücklich, wenn man eine Liebhaberei hat (Goethe)



Eine Frau sieht aus dem Fenster. Der Blick
aus dem Fenster ist der Blick in eine neue Umgebung. Die Frau ist gesundheitlich
nicht auf der Höhe. Deshalb hatte sie beschlossen, in die Nähe
ihrer Tochter nach Lindenberg im Allgäu zu ziehen und ihrer Heimat,
der Steiermark, den Rücken zu kehren. Eine gute Entscheidung. Mit
der gesundheitlichen Besserung kehrten die Lebensgeister zurück und
damit die Freude an der Arbeit mit Papier und Schere. Das war im Jahr 2001.
An der Scherenschnittausstellung im Herbst 2002 in Eisenstadt (Burgenland/
Österreich) beteiligte sich die Frau bereits wieder mit sehr schönen
Arbeiten. Die Rede ist von Ingeborg Fleckseder. Sie wurde am 31. Dezember
1917 in Hieflau in der Steiermark/Österreich als Tochter des Lehrerehepaares
Bauernberger geboren. Nach der Matura (Abitur) 1936 folgte von 1936 bis
1941 das Lehramtsstudium für Gymnasien und Höhere Schulen in
den Fächern Leibesübungen und Geographie. 1941 schloss Ingeborg
Fleckseder ihr Studium mit der Lehramtsprüfung ab und unterrichtete
an einem Gymnasium in Wien. 1942 heiratete sie den Diplomingenieur Dr.
Hermann Fleckseder. 1943 bekam sie ihr erstes Kind und war lange in Karenz.
Noch vor der Geburt des zweiten Kindes bat sie um die Entlassung aus dem
Schuldienst. Die mehrfache Mutter, mittlerweile Großmutter und Urgroßmutter,
hat sich zeitlebens, trotz der vielen familiären Pflichten, stets
künstlerisch betätigt. Durch den Scherenschnitt hat sie, insbesondere
nach Krankenhausaufenthalten, Mut und Kraft geschöpft.
Wegen der Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegsjahre
sowie aus beruflichen Gründen lebte Ingeborg Fleckseder mit ihrer
Familie in Liezen, Kempten und in Liestal in der Schweiz und erst ab 1960
wieder in Wien, bis 1974 die Berufung ihres Mannes als ordentlicher Professor
für Maschinenbau an die Montan-Universität in Leoben in der Steiermark
kam.
Ingeborg Fleckseder, von der Republik
Österreich zur Magistra (Mag. Phil.) ernannt, hat schon als Kind gerne
gezeichnet und gemalt. Im Gymnasium hatte sie einen ausgezeichneten Lehrer,
der ihr Talent frühzeitig erkannte und entsprechend förderte.
Sie besitzt einen ausgeprägten Sinn für Natur, weshalb sie schon
früh Pflanzenmotive in Scherenschnitte umsetzte. Die meisten ihrer
Scherenschnitte verschenkte Ingeborg Fleckseder oder stiftete sie für
karitative Zwecke. So ist leider nur wenig im Besitz der Künstlerin
geblieben. Lediglich in Buchillustrationen sind Drucke ihrer Scherenschnitte
komplett dargestellt. Erst 1973 wurde der erste Siebdruck nach einem Scherenschnitt
angefertigt, Kopierer gab es noch nicht.
Das Schlüsselerlebnis, das ihre Liebe
zum Scherenschnitt weckte, war ein altes Bilderbuch ihrer Mutter mit Kindersprüchen
und schwarzen Bildern. Von ihren Eltern bekam sie viele Ausschneidebögen.
Ein Plischke-Kalender machte großen Eindruck auf das Kind. Kontakte
zu anderen Scherenschnittkünstler hatte Ingeborg Fleckseder all die
Jahre nicht. Sie war in ihrer Umgebung die einzige, die in dieser Technik
arbeitete. Ihr Interesse galt aber auch der Malerei, dem Seidenmalen, das
sie auch heute noch interessiert, Töpfern, Handweben von Bildern,
den „Stenzelarbeiten“ (mit selber angefertigten Schablonen für Stoffbemusterung)
und dem Gestalten von Ostereiern mit Scherenschnitten und Malerei. Einige
hundert Steine hat sie aus dem Fluss Enns (Ennstal/Steiermark) gesammelt,
mit unterschiedlichsten Motiven bemalt und als Briefbeschwerer, Handschmeichler,
Wärmesteine verschenkt oder an Bazare für wohltätige Zwecke
hergegeben. Aus dem liebevollen Blick zur Natur ergab sich auch die Freude,
Blumen zu stecken und Arrangements aus Trockenblumen zu machen. Für
alle vier Kinder hat sie je ein Tafelservice mit jeweils eigenem Motiv
bemalt. Frau Fleckseder hat für das Haus ihrer Tochter Helga in Graz
die Motive der Kacheln für einen Kachelofen geritzt (Technik: in feuchtem
Ton mit einer „stumpfen“ Spitze über Plastikfolie Muster ritzen. Durch
das sofortige Aufstellen im Brennofen nach dem Glasurauftrag auf die geritzte
Kachel bilden sich Farbunterschiede, die das Motiv klar hervortreten lassen)
und 50 Stück Kacheln (Fliesen) für die Küche mit Gewürzen
und Heilkräutern bemalt. In der Nachkriegszeit war es unumgänglich,
die Kleider für die Kinder selbst zu nähen, und trotzdem ist
noch Zeit geblieben für den Scherenschnitt. Aus der intensiven Beobachtung
der Natur entstanden durch die künstlerische Begabung wertvolle Scherenschnitte.
Die zeichnerische Linie verläuft harmonisch mit der Natur.
Ingeborg Fleckseder hat kaum einmal einen
Scherenschnitt oder ein Buch verkauft. Eine kommerzielle Nutzung lag damals
nicht in ihrem Interesse, vielmehr stellte sie ihre Arbeit in den Dienst
der evangelischen Kirche. Über die Kirche fanden ihre Werke weitere
Verbreitung. Die Familie staunte nicht schlecht über die wachsende
Anerkennung der Scherenschnittarbeiten, die zunächst als Kartenserien
aufgelegt wurden und immer wieder in Ausstellungen in Österreich,
Deutschland und den Niederlanden zu sehen waren. Zusammen mit der Autorin
Liselotte Fischer entstand ein gemeinsames Werk, für das Ingeborg
Fleckseder die Buchillustrationen anfertigte. Das erste Buch „Heiter bis
Wolkig“ (Streiflichter aus dem Dasein einer österreichischen Pfarrfrau),
das 1985 erschien, war ein großer Meilenstein im Leben der Künstlerin.
Ein zweites Buch mit Scherenschnitt-Illustrationen, „Oban Tal“ (Mundartgedichte
von Lieselotte Stauber-Gray), folgte 1986. Weitere Projekte waren Bilder
zu einem Kalender und noch ein Buch, das Frau Stauber-Gray für die
Roseggergemeinschaft als Anthologie herausgab. Heute empfindet es Ingeborg
Fleckseder als großes Geschenk, mit ihren fast 90 Jahren immer noch
die Natur wahrnehmen zu dürfen, in Schnitte umsetzen zu können
und mit dieser Liebhaberei anderen Freude zu bereiten. „Helfen ist keine
Einbahn, der Segen kommt zurück“!
Tausende Scherenschnitte hat Ingeborg
Fleckseder geschaffen. Die Themen und Inhalte sind vielseitig, im Vordergrund
steht der Bezug zur Natur und zum Brauchtum im Jahresverlauf – gegenständlich,
aber doch in eine eigene Ausdrucksform und künstlerische Sprache umgesetzt.
Im Schwung einer Landschaft, in der verspielten Darstellung des Rasens
vor einer Kapelle, im Gesicht von Figuren erkennt man eine starke Persönlichkeit
mit Phantasie, Humor und Ironie. Die Linien sind locker und würden
womöglich in weiteren intensiven Schaffensjahren in die Moderne führen.
Aber: “Was heißt Moderne? Ich mag mich nicht einer Mode beugen, ich
will es nach meinem Gefühl halten“.


