| Name | Engert, Ernst Moritz |
| Geboren am .. | 24. 02.1892 |
| Verstorben am ... | 14.08.1986 |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 23 |
| Autor(in) | Franz Josef Hamm |
Der Begriff „Schattenschnitter“, geprägt
vor 85 Jahren von seinem Freund Hans Schiebelhuth, dem Darmstädter
Schriftsteller, zeigt, worauf es Engert in seinem Werk ankommt: den flüchtigen
Schatten auszuschneiden, ihn zu bannen.
Bisher wurden häufig die Schattenbilder
in Engerts Leben, die einprägsamen, die herausragenden und ungewöhnlichen
Situationen, dargestellt und weiterverbreitet, selbst wenn sie nur in Legenden
wurzelten. Daher die typischen „Engert-Anekdoten“, von denen viele einer
Nachprüfung nicht standhalten. Doch ein Leben besteht nicht nur aus
einer Vielzahl von Einzelsituationen, es besteht aus dem Fluss der Ereignisse,
aus Kontinuität und Widerspruch. Engert selbst hat zur Aufhellung
der Felder um die Schattenbilder wenig beigetragen, eher im Gegenteil.
Er war ein Meister in Antworten, die die Frage umgingen oder dem Gespräch
eine völlig andere Richtung gaben. Viele der Antworten waren so zweideutig,
dass sie zum Ausgangspunkt von Legenden wurden. Das macht es schwierig,
Dichtung und Wahrheit auseinander zu halten.


Engert wird am 24. Februar 1892 in Yokohama
in eine kunstsinnige Familie hineingeboren. Vater Moritz zeichnet selbst,
hält Kunstzeitschriften und sammelt japanische Kunst und Gebrauchsgegenstände.
Das ist für einen deutschen Bankkaufmann der Zeit nicht unbedingt
typisch.
Im Zuge des Russisch-Japanischen Krieges
kehrt die Familie nach Deutschland zurück, wohnt zunächst – ab
1902 – in Gera und zieht dann nach Rinteln an der Weser.
Dort besucht Engert das Gymnasium. Der
Schüler interessiert sich besonders für alte Sprachen und Biologie
und er zeichnet pausenlos. Zunächst sind Tiere seine Modelle. Dann
kommt die entscheidende Begegnung mit einem Scherenschneider auf dem Jahrmarkt
in Rinteln.
Sofort beginnt er mit eigenen Versuchen.
Die Köpfe der Familie, besonders der seiner Schwester Dora, aber auch
die der Mitschülerinnen und Mitschüler werden geschnitten. Es
ist erstaunlich, wie schnell und präzise er die physiognomischen Besonderheiten
der Darzustellenden erfasst und festhält. Es sind keine Abbildungen,
sondern Darstellungen der Personen.
Der Berufswunsch „Künstler“ wird
von den Eltern akzeptiert, sein ganzfiguriges Selbstbildnis als Maler mit
Palette und Pinsel (s. Abb. 1) wird zum Programmbild.
Als die Familie von Rinteln nach Hadamar
in das Haus der Familie zieht, geht er 1909 nach München.
Die Studienarbeiten und die Skizzenbücher
zeigen einen fleißigen und begabten Studenten. Seine Liebe gilt weiterhin
der Tier- insbesondere der Vogelwelt, aber auch der Darstellung des Menschen
und seines Porträts. Die Arbeiten zeigen aber auch, dass außer
handwerklichen Fähigkeiten wenig durch das Studium vermittelt wurde.
Diese Arbeiten hätten so von vielen Studierenden und an verschiedenen
Studienanstalten geschaffen werden können. Die entscheidenden Einflüsse
für seine künstlerische Entwicklung kommen aus dem Kreis der
Freunde in der Schwabinger Boheme-Szene, kommen aus dem Miteinander von
Künstlern, Literaten, Schauspielern und gebildeten Nichtstuern. Anregende
und weiterführende Orte sind die Ateliers, aber auch das Kabarett,
die Künstlerkneipen und – nicht zu vergessen – die Künstlerpension
Führmann.
Von größter Bedeutung ist aber
auch der dauernde Austausch zwischen den Boheme-Zentren München und
Berlin. Ist es in München der hochbegabte Maler und Zeichner Franz
Seraph Henseler, der Engert die Wege ebnet, so bringt ihn der früh
ertrunkene Schriftsteller Georg Heym in Berlin in den Kreis um Kurt Hiller
mit dem „Neuen Club“ und dem „Neopathetischen Cabaret“.
Der Übergang aus dem ohnehin nur
sporadischen Studium zum ungebundenen Boheme-Künstler ist fließend,
muss aber schon um 1911 angesetzt werden. Die geradezu explosionsartige
Entwicklung in seiner künstlerischen Arbeit zeigt die Tatsache, dass
schon 1913 eine erste bibliophil aufgemachte Veröffentlichung mit
sieben Zeichnungen im Verlag Bachmair in München erscheint. (s. Abb.
2)
Dieser ersten Veröffentlichung folgt
schon 1914 ein Verzeichnis seiner grafischen Arbeiten aus der Feder des
Kustos der „Königlichen Graphischen Sammlungen“, Konrad Weinmayer.
Gleichzeitig erwerben die Sammlungen 19 Arbeiten von Engert, nicht so von
Paul Klee, von dem Engert Arbeiten dorthin brachte, die Klee aber zurück
bekam, wie er in seinen Tagebüchern schreibt.
In Berlin tritt Engert zweimal mit Schattentheater-Aufführungen
im „Neopathetischen Cabaret“ auf. Alles in allem ein glänzender Start
des jungen Künstlers.

Über seine Freunde Karl Otten und
Franz Kiel lernt er August Macke kennen. Zusammen mit Franz S. Henseler
und dem Schriftsteller Karl Otten zieht er im Sommer 1913 nach Bonn, wo
August Macke lebt. Es kommt in Grau-Rheindorf zu einem Kunstsommer, der
in der „Ausstellung Rheinischer Expressionisten“, Bonn gipfelt. Neben den
genannten waren noch eine ganze Reihe rheinischer Künstler vertreten,
darunter der damals noch völlig unbekannte Max Ernst. August Macke
pflegte enge Kontakte nach Frankreich, insbesondere zu Robert Delaunay.
So konnte über die neuesten Entwicklungen in der Kunst, Kubismus und
Orphismus ebenso diskutiert werden, wie über die Experimente der italienischen
Futuristen.
Für Engert beginnt eine Zeit des
Experimentierens mit kubo-futuristischen Elementen, insbesondere in der
Technik des Holzschnittes. Die Ergebnisse sind so bedeutend, dass man Engert
in dieser und der unmittelbar danach folgenden Zeit, zur künstlerischen
Avantgarde zählen muss (s. Abb. 4).
Da bricht der 1. Weltkrieg aus und unterbricht
viele Verbindungen und Beziehungen. August Macke fällt sehr bald,
Franz S. Henseler stirbt 1918 an den Kriegsfolgen. Engert wird eingezogen
und an der Westfront eingesetzt. Er wird verwundet und kommt über
Frankfurt nach München zurück. Den Rest des Krieges spielt er
Schattentheater an der künstlerischen Figurenbühne des 1. Ersatzbataillons
des 2. Bayerischen Infanterie-Regiments. Mit den Einspielerlösen werden
die Hinterbliebenen von Gefallenen unterstützt. (s. Abb. 5)
Die politischen Wirren nach dem Krieg
gehen an dem unpolitischen Engert vorbei.
Viele seiner Freunde stehen an der vordersten
Front der Räterepublik. So Erich Mühsam, der sie mit vorbereitete,
und der Verleger Bachmair, der es zum Kommandanten der Roten Artillerie
in Dachau brachte.
Engerts Beitrag zur Revolution und Neuorientierung
sind künstlerischer Art.
So liefert er das Titelblatt der Zeitschrift
„Tribunal - Hessische Radikale Blätter“, die in Darmstadt erscheint
sowie das Signet für Plakat und Katalog einer revolutionären
Künstlergruppe, der „Darmstädter Sezession“ (s. Abb. 6), die
er 1919 mit begründet. Seine Freunde, der Maler Carl Gunschmann und
der Schriftsteller Hans Schiebelhuth, hatten ihn nach Darmstadt gebracht.
In der Folge stellt er in Darmstadt ständig
aus, so auch bei der großen Ausstellung „Deutscher Expressionismus“
1920. Er stellt hier nicht nur eigene Arbeiten, sondern auch eine Folge
von Lithographien, für die er Zeichnungen seines Freundes Franz S.
Henseler auf Stein übertragen hat, aus. Es ist sein Dank an den gestorbenen
Freund, dem er so viel zu verdanken hat.
Für das Darmstädter Theater
bearbeitet Engert 1924 Bühnenbild und Ausstattung der Lokalposse „Der
Datterich“.
Die Zwanziger Jahre sehen Engert an ganz
verschiedenen Orten, in Berlin, München, Burgthann, Bonn.
In Berlin werden 1924 in dem Stummfilm
„Schatten“ mit Fritz Kortner Szenen von Engerts Schattentheater eingeblendet.
Auf Burg Thann, die seinem Schwager, dem amerikanischen Bildhauer William
Hunt Diederich, gehört, schneidet Engert Silhouetten nach dessen Zeichnungen.
(s. Abb. 7)
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Im Bonn der späten 20er Jahre beginnt
Engert mit den Scherenschnitten zu Theaterszenen, die mit den Berichten
zu den Aufführungen veröffentlich werden.
Daneben kultiviert er die Porträtsilhouette,
er wird immer mehr der Porträtist der künstlerischen Elite, wendet
sich aber auch der Pressezeichnung und der Werbegrafik zu. Gerade die letzten
Aspekte veranlassen ihn, sich 1930 endgültig in Berlin niederzulassen.
Er wird Mitarbeiter der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ und der „Deutschen
Theaterzeitung“, für die er insbesondere Theatersilhouetten schneidet,
aber selbst auch Beiträge mit Illustrationen verfasst.
Aus dem Avantgarde-Künstler wird
der Pressezeichner, Illustrator und Werbegrafiker. Dies ist keineswegs
abwertend gemeint, denn das eine bedingt das andere, aber seine Arbeiten
von höchster Qualität besetzen nun ganz andere Felder. (s. Abb.
8)
In Berlin bildet sich um Engert noch einmal
eine Boheme-Künstlergruppe zu der unter anderen der Karikaturist Albert
Schaefer-Ast und der später in Frankreich bekannte surrealistische
Zeichner Hans Bellmer gehören.
Der zweite Weltkrieg bringt zunächst
nur eine Zwangsverpflichtung zum Reichsamt für Landaufnahme. In dieser
Zeit kann er aber seiner künstlerischen Arbeit weiter nachgehen. 1943
wird er doch noch eingezogen. Er gerät in Gefangenschaft; im Lager
zeichnet er seine Mitgefangenen und – gegen Zigaretten – seine Bewacher.
Als er entlassen wird, geht er nicht nach
Berlin zurück, sondern nach Hadamar.
Er zieht in das Haus am Herzenberg zu
seiner Schwester Dora, die hier als Hebamme arbeitet. Sein Atelier richtet
er in der leerstehenden Synagoge ein, die er erwerben kann. Er baut sich,
unter erschwerten Bedingungen und ohne den inspirierenden Künstler-Freundeskreis,
eine neue Existenz als Künstler auf. Er porträtiert, macht Werbe-
und Gebrauchsgrafik und schneidet weiterhin seine lebendigen Schattenfiguren.
Der Versuch, auf Dauer an der neu entstandenen
Glasfachschule mitzuarbeiten, schlägt nach einiger Zeit fehl.
Das aufkommende Fernsehen lässt seine
alte Neigung zum Schattentheater wieder aufleben. Zusammen mit Schülern
der Glasfachschule beginnt er Stücke einzustudieren, doch es fehlt
an Kontinuität in der Mitarbeit und an den richtigen Beziehungen zu
den Sendern und Produzenten. Das, was in München oder Berlin über
den Künstler-Freundeskreis mühelos gelungen wäre, war hier
in der Isolation nicht möglich. (s. Abb. 9)
So stirbt dieses mit viel Erwartung angegangene
Projekt – in der breit angelegten Pressekampagne wird er plötzlich
auch als Professor bezeichnet –, noch bevor es zum Probelauf kommt. Dass
diese Sache durchaus eine Chance gehabt hätte, steht außer Zweifel.
In der gleichen Zeit dreht seine Berliner Kollegin Lotte Reiniger verschiedene
Silhouettenfilme.
So zieht sich Engert in sein Atelier zurück,
arbeitet fast vergessen weiter, beobachtet mit Argwohn die Entwicklung
der Kunst der Nachkriegszeit, die er für Bluff hält, und pflegt
nur gelegentlich Kontakte nach außen.
In dieser Zeit verschlimmert sich ein
seit langem bestehendes Augenleiden so sehr, dass er schließlich
nur noch auf dem linken Auge und in einer Distanz von wenigen Zentimetern
scharf sieht. Da er so kaum noch arbeiten kann, beginnt er damit, einen
wesentlichen Querschnitt seiner Arbeiten in der Technik des Siebdruckes
zu vervielfältigen. (s. Abb. 10)
Es hatte durchaus nicht an Bemühungen
von dritter Seite gefehlt seine Arbeiten zu verbreiten. Schon 1947 schloss
der Verleger Bachmair einen Vertrag mit Engert über ein Buch mit 40
Porträt-Silhouetten von Münchner Persönlichkeiten. Dies
kam ebenso wenig zustande wie eines, das der Galerist Gurlitt zehn Jahre
später mit ihm machen wollte.
Auch sein alter Freund Franz Kiel, inzwischen
Vorstandsmitglied der Zellstoff-Waldorf AG und mit entsprechenden Beziehungen,
drängte ihn ohne Erfolg.
Als ein Limburger Kunsthändler und
ich 1966 die Idee hatten, ihm eine große Ausstellung zu widmen, mussten
wir ihn fast zwingen mitzutun. Doch als die Ausstellung am 2. Mai 1966
eröffnet wird, ist er mit sich und uns zufrieden.
Engert stand in dieser Zeit mit dem Bonner
Kunsthistoriker Ertel in Verbindung, der eine große Schau plante.
Leider zogen sich die Vorbereitungen über Jahre hin und als dieser
plötzlich starb, zeigte sich, dass die Vorarbeiten kaum zu verwenden
waren.
Damals konnte ich Joachim Heusinger von
Waldegg überzeugen, die Sache aufzugreifen und so kam nach unerhört
kurzer Zeit eine Doppel Ausstellung im „Rheinischen Landesmuseum“ zustande,
die das Werk von Ernst Moritz Engert und das seines Freundes Franz Seraph
Henseler zeigte. Heusinger schrieb auch die ersten Monografien der Künstler,
die den damaligen Kenntnisstand ohne Anekdoten wiedergeben.
Diese zwei Ausstellungen in Limburg und
Bonn waren der Anfang der Wiederentdeckung des Künstlers Ernst Moritz
Engert und seines Werkes.
Im Gefolge dieser Ausstellungen kam es
zu der Stiftung eines Teiles seiner Arbeiten an die Stadt Limburg – wo
sie bestimmender Teil der „Städtischen Kunstsammlungen“ sind –&Mac226;
und der Einrichtung des „Ernst-Moritz-Engert-Museums“ in Hadamar.
Als Engert am 14. August 1986 in Lich
bei seiner Tochter Ursula stirbt, ist das Werk der Öffentlichkeit
zugängig und in seinen Teilaspekten Zug um Zug aufgearbeitet. So gibt
es Übersichtskataloge, aber auch solche zu Spezialthemen wie „Engert
und das Theater“, „Expressionismus in Bonn und Darmstadt“ oder „Boheme
in München und Berlin“.
Die Bestände in den Städtischen
Kunstsammlungen Limburg werden systematisch bearbeitet, hier liegen bisher
die Bestandskataloge „Theaterblätter“ und „Figürliche Scherenschnitte“
vor.
Im Zuge der wissenschaftlichen Bearbeitung
der Komplexe „Rheinische Expressionisten“ und „Darmstädter Sezession“
ist die Stellung Engerts in diesen Künstlergruppen inzwischen ebenfalls
aufgearbeitet.
Wenn auch eine umfassende Monographie
noch immer aussteht, so sind Person und Werk doch weitgehend in den bisherigen
Publikationen behandelt.
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Abbildungsverzeichnis:
Abb. 1: Stadtmuseum Hadamar, abgebildet
in: Im Gegenlicht - ein Schattenbild, Limburg 1992, S. 11
Abb. 2: Sammlung Hamm, Limburg, Zeichnung
zu: Engert - Sieben Zeichnungen. Mit einem Nachwort von Karl Otten, München
1913, abgebildet in: Im Gegenlicht - Ein Schattenbild, Limburg 1992, S.
41
Abb. 3: Sammlung Hamm, Limburg, Variante
zu einem Scherenschnitt von 1911, dieser abgebildet in: Im Gegenlicht -
Ein Schattenbild, Limburg 1992, S. 25
Abb. 4: Sammlung Hamm, Limburg, abgebildet
in: Im Gegenlicht - Ein Schattenbild, Limburg 1992, S. 51
Abb. 5: Städt. Kunstsammlungen Limburg,
abgebildet in: Engert - Theaterblätter, Limburg 2000, S. 14
Abb. 6: Dokumentation des Darmstädter
Expressionismus Claus K. Netuschil, Darmstadt, abgebildet in: Darmstätter
Sezession - Kontakte zum Rheinischen Expressionismus 1919 - 1929, Bonn
1999, S. 2
Abb. 7: Städt. Kunstsammlungen Limburg,
abgebildet in: Engert - Figürliche Silhouetten, Limburg 2002, S. 71,
Nr. 104
Abb. 8: Privatsammlung Weber, Wendelstein,
abgebildet in: Simplicissimus Nr. 32, 1926, S. 423
Abb. 9: Sammlung Hamm, Limburg, abgebildet
in: Joachim Heusinger von Waldegg, E.M. Engert, Bonn 1977, S. 17 Nr. 18a
Abb. 10: Privatsammlung, Abb. in: Ernst
Moritz Engert - Figürliche Scherenschnitte, Limburg 2002, S. 30
Abb. 11: Abb. in: Engert und das Theater,
Limburg 1985 S. 79, Nr. 112