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Künstler
Duttenhofer,
Luise
| Name |
Duttenhofer, Luise |
| Geboren am .. |
1776 |
| Verstorben am ... |
1829 |
| Vereinszeitung Ausgabe |
|
| Autor(in) |
Julia Sedda |

Teestündchen, Lesekränzchen
und Blumenstecken,
das Alltagsleben der bürgerlichen
Frau in den Scherenschnitten um 1800
von Luise Duttenhofer
Julia Sedda


„... die Männer machten über Kunst,
Goethe, Schiller die Unterhaltung, unter sich zwar, aber so laut und im
Halbcirkel des Tisches, daß wir alle Antheil nehmen konnten; die
Hausfrau nähete stille recht fleißig ihren saubern Creuzstich
und mir ward als hört’ ich eine akademische Vorlesung von vielen Stimen...“1
schildert die bedeutendste deutsche Scherenschneiderin ihrer Zeit, Luise
Duttenhofer (1776-1829), einen Gesellschaftsabend in einem Brief an Freunde.
Die Geselligkeit, die Konversation über Kunst, Literatur und Musik,
ist charakteristisch für die sich im 18.Jahrhundert formierende bürgerliche
Gesellschaftsschicht. Luise Duttenhofer hat die gehobene Stuttgarter Gesellschaft,
in der sie selbst verkehrte, in ihren Scherenschnitten festgehalten. Insbesondere
die Szenen des häuslichen Alltags vermitteln auf faszinierende Weise
das Alltagsleben der Frau um 1800, obzwar sie nur einen kleinen Teil des
mehrere hundert Scherenschnitte umfassenden Œuvres2 ausmachen. Das Scherenschnittwerk
ist durch ein äußerst breites Themenspektrum gekennzeichnet:
Porträtsilhouetten, Landschaften, Tier- und Pflanzendarstellungen,
Chinoiserien, religiöse und mythologische Szenen, Heiligendarstellungen,
Ornamente, Textillustrationen. Selten nur beschränkt sich Duttenhofer
auf einen thematischen Bereich; meist beinhalten die Scherenschnitte ein
komplexes Themengefüge, wo überlieferte und eigene Bildsprache
nur noch schwer voneinander zu trennen sind. Es scheint, als habe Duttenhofer
immer und überall Schere und Papier zur Hand gehabt, um ihre Eindrücke
unmittelbar im Scherenschnitt umzusetzen. Christiane Luise Hummel, später
verheiratete Duttenhofer, wurde am 5. April 1776 in Waiblingen bei Stuttgart
als Tochter einer altwürttembergischen Pfarrersfamilie geboren. Nach
dem frühen Tod ihres Vaters wächst sie geschwisterlos bei Mutter
und Großmutter in Stuttgart in einem protestantisch geprägten
Umfeld auf. Ein Großonkel nimmt sich der geistigen Erziehung seiner
Großnichte an und fördert ihr künstlerisches Talent, indem
er ihr den Unterricht bei einem Zeichenlehrer finanziert. Doch ist Luise
als Tochter des Honoratiorenstandes die Kunst nur für den Hausgebrauch
gestattet, nicht aber ein Studium, das ihr sehnlichster Wunsch ist, wie
sie noch in hohem Alter in Briefen bedauert. 1804 heiratet sie ihren Cousin,
den Kupferstecher Christian Friedrich Traugott Duttenhofer (1778 - 1846),
der ebenfalls einer ehrwürdigen Pfarrersfamilie entstammt. Nach einem
18monatigen Romaufenthalt kehren sie 1806 in ihre schwäbische Heimat
zurück. Friedrich Traugott arbeitet zum einen als Reproduktionsstecher
und fertigt zum anderen Blätter für verschiedene Stichwerke,
so z.B. für das Musée Napoleon und für das Kölner
Domwerk der Brüder Boisserée.

Währenddessen wird Luise vor allem vom
bekannten klassizistischen Bildhauer Dannecker künstlerisch gefördert,
indem sie in dessen Werkstatt und Antikensammlung zeichnen darf. Bei den
Lesekränzchen des Hartmann-Reinbeck’schen Hauses3, dem damals intellektuellen
Mittelpunkt Stuttgarts, begegnet sie fast allen schwäbischen Dichtern
ihrer Zeit und weiteren Geistesgrößen, wie beispielsweise Jean
Paul und Goethe, die dieses gastfreundliche Haus auf der Durchreise
besuchen. 1828 hält sich Luise mehrere Monate in München auf,
gemeinsam mit ihrem Ehemann, der einen Tochter und dem einen der beiden
Söhne, die von sieben Kindern überlebt haben. Kurze Zeit nach
ihrer Rückkehr nach Stuttgart stirbt sie am 16. Mai 1829.

Duttenhofer führte einen Haushalt mit
Kindern, häufigen Gästen und verfügte über Personal,
so dass ihr Zeit blieb, sich dem Scherenschneiden widmen zu können.
Die Vielzahl der von ihr im Scherenschnitt dargestellten Frauen sind Frauen
ihrer Gesellschaftsschicht. Insofern ist das abgebildete Alltagsleben vor
allem das Alltagsleben der Frau des gelehrten und gehobenen Bürgertums,
die sich aufgrund der
höhergestellten beruflichen Position
ihres Ehemannes der Bildung widmen konnte, mit der Gelehrsamkeit jedoch
nicht den Lebensunterhalt bestreiten musste. Wir sehen in erster Linie
Frauen bei der Handarbeit, Frauen beim Lesen, Frauen beim Schreiben und
Frauen als liebevolle Mütter (Abb. 2 und 3). Soweit Duttenhofer Frauen
abbildet, die nicht dem Stand des Bürgertums angehören, sind
sie mit Attributen ihrer Arbeit gezeigt. Beispielhaft seien drei Scherenarbeiten
herausgegriffen. Wir sehen eine Frau beim Fegen, die vielleicht zu Duttenhofers
Hauspersonal gehörte, ebenso wie die Frau – eine Köchin oder
eine Küchenhilfe? - mit einem toten Huhn in der Hand und eine Bäuerin
mit einer Mistgabel (Abb. 4, 5 und 6). Diese Scherenschnitte sind schlichte
Porträts der arbeitenden Frau im Unterschied zu denen, die die gebildete
Frau zeigen. Eine gebildete Frau, die mit ihrem Wissen noch dazu Geld verdiente
war Therese Huber (1764 - 1829), sowohl erfolgreiche Schriftstellerin als
auch bedeutende Kritikerin, Tochter des berühmten Göttinger Altphilologen
Heyne, in erster Ehe verheiratet mit dem bekannten Naturwissenschaftler
und Weltumsegler Georg Forster, von dem sie sich trennt, um den Schweizer
Schriftsteller Huber zu heiraten, mit dem sie nach Stuttgart geht.4 Hier
ist sie von 1816 bis 1823 Redakteurin des Cotta´schen „Morgenblatts
für gebildete Stände“ und damit die erste deutsche Frau in einer
solchen Position. Duttenhofer ist ihr vermutlich im Hartmann-Reinbeck’schen
Haus begegnet, wo beide Frauen nachweislich regelmäßig am Lesekränzchen
teilnahmen. Sie porträtiert Therese Huber bei der für sie charakteristischen
Tätigkeit, nämlich beim Schreiben.

Im Unterschied zu Therese Huber sind die lesenden
Frauen bei Duttenhofer keine Dichterinnen von Beruf, sondern Frauen der
gehobenen Stuttgarter Kreise. Diese Scherenschnitte spiegeln eine für
das 18. Jahrhundert typische Freizeitbeschäftigung wider: das Lesen.
In jener Zeit bricht ein regelrechtes` „Lesefieber“ aus. Das Buch widmet
sich neuen Themen und Leserschichten, der literarische Markt expandiert,
Lesegesellschaften werden gegründet, so eben auch das oben bereits
erwähnte Lesekränzchen in Stuttgart, kurzum: es wird gelesen,
was einem vor die Augen kommt. Den Scherenschnitten von Duttenhofer ist
die Leseobsession der dargestellten Frauen anzumerken, die über der
Lektüre das Stricken mitunter zu vergessen scheinen. Entweder muss
man sich ausschließlich der Handarbeit, dem „saubern Creuzstich“,
widmen (Abb. 10) oder sich eben vorlesen lassen wie Madame Bohn von ihrer
Tochter am Blumentisch. Das Blumenstecken am Blumentisch oder „Jardin portaif“,
dem aus Frankreich kommenden Möbelstück, war im 18. Jahrhundert
ebenfalls ein beliebter Zeitvertreib der bürgerlichen Frau (Abb. 8).
Warum sollte im Rahmen dieses geselligen Beisammenseins nicht auch vorgelesen
werden? Neben dem Lesen und den Handarbeiten, pflegte die bürgerliche
Frau eine weitere Beschäftigung: das Kaffee- oder Teestündchen
(s. Titelbild). Der Tee, der im 17. Jahrhundert nach Europa kam und zunächst
als Arzneimittel eingesetzt wurde, erreichte im folgenden Jahrhundert die
europäischen Fürstenhöfe sowie adligen Kreise und bald darauf
auch das Bürgertum. Der Teekonsum verbreitete sich schnell, ebenso
wie der Genuss von Kaffee und Schokolade. Die geschmiedete bauchige „Theemaschine“,
wie sie auch in diesem Scherenschnitt in der Mitte des Tisches aufragt,
war für den Bürger erschwinglich, so dass der Teegenuss bald
zu einer bürgerlichen Freizeitbeschäftigung des ausgehenden 18.
Jahrhunderts wurde. Mit der Familie und Gästen wurden beim geselligen
Beisammensein am Teetisch oftmals nicht nur der neueste „Klatsch und Tratsch“
ausgetauscht, sondern auch literarische Neuerscheinungen diskutiert. Beispielsweise
wurde der „Teetisch“ von Johanna Schopenhauer in Weimar zum Mittelpunkt
literarischer Unterhaltung, an der auch Goethe regelmäßig teilnahm.
Eben ein solch geselliges Stündchen des bürgerlichen Alltags
hat Duttenhofer in dieser Scherenarbeit eingefangen. Wir sehen zwei Damen
beim Teetrinken, und eine dritte, die einer anderen Lieblingsbeschäftigung
nachgeht, nämlich dem Lesen oder genauer: dem Vorlesen in geselliger
Runde.

Das Scherenbild zeigt darüber hinaus
den Ideenreichtum und das künstlerische Können Duttenhofers,
das beispielhaft für ihr gesamtes Œuvre steht. Mittels perspektivischer
Gestaltung des Fußbodens erzeugt sie eine Räumlichkeit und überwindet
dadurch die Zweidimensionalität des Scherenschnitts. Damit ist Duttenhofer
die erste Künstlerin in der Geschichte der Scherenschnittkunst, die
die Perspektive in die Papiertechnik einführt. Die „Bodenperspektive“
wird später von anderen Scherenkünstlern aufgegriffen, wie beispielsweise
von der Stuttgarter Scherenschneiderin Luise Walther (1833-1917).5 Insofern
ist dieses Blatt nicht nur aus sozialhistorischer, sondern eben auch aus
kunsthistorischer Sicht interessant. Die hier vorgestellten Scherenarbeiten
zeigen lediglich einen winzigen Ausschnitt des sowohl an Umfang als auch
an Qualität beeindruckenden Œuvres. Die beobachtende, immer wieder
auch ironisch distanzierte Künstlerin, kommentiert ihre Umwelt und
setzt sich mit ihr in den Scherenschnitten auseinander. Diese meisterhafte
Leistung unterscheidet sie grundlegend von zeitgenössischen bekannten
Künstlerkolleginnen, wie Adele Schopenhauer (1797-1849) oder Rosa
Maria Assing (1783-1840), Schwester des Schriftstellers Karl August Varnhagen
von Ense. Duttenhofer hat in ihren Scherenbildern eine Virtuosität
erreicht, die ihresgleichen sucht und das, obwohl ihr ein Malereistudium
verwehrt blieb und sie als dilettantische Künstlerin allerlei Sticheleien
seitens des Stuttgarter Bürgertums zu ertragen hatte, wie sie in einem
Brief an eine Freundin berichtet: „... Ich passire bey aller Unwissenheit
und Nichtskennerey doch für eine gelehrte Frau, [...] und wo kein
Grund ist, da wird das alles zum Spott bey unserm Geschlecht, die Weiber
hassen und die Männer – wenns gnädig geht – verachten und verhöhnen
uns. Darum bey allem was uns tief inen bewegt, beym Größten,
Schönsten, Herrlichsten, ob Talent, Liebe, Freundschaft, / Nur – Still
daß die Leute (Menschen?) es nicht hören wie alles dieß
uns hochbeglükt!...“.6

1 Brief an Friederike Mayer vom 26.11.1828.
SNM/DLA 42.873/2.
2 Das Schiller-Nationalmuseum/Deutsches
Literaturarchiv in Marbach (SNM/DLA) beherbergt mit rund 1700
Schnitten die größte Sammlung der Scherenschnitte von
Luise Duttenhofer. Weitere Schnitte befinden sich vor allem in Privatbesitz.
3 S. dazu Bernhard Gerlach: Die literarische
Bedeutung des Hartmann-Reinbeckschen Hauses in Stuttgart, 1779-1849. Münster
1910 (Diss.)
4 Weiterführend zu Therese Huber
s. Andrea Hahn/Bernhard Fischer: „Alles von mir!“ Therese Huber (1764-
1829) Schriftstellerin und Redakteurin.
Marbacher Magazin 65, 1993,
5 siehe beispielsweise SAW, Nr. 24, 2004,
S. 6-11.
6 Brief an Friederike und Karl Mayer vom
6.1.1828. SNM/ Nr. 32514
Anm. d. Red.: Die abgebildeten Scherenschnitte
der Luise Duttenhofer stammen aus dem Archiv des Schiller-Nationalmuseum/Deutsches
Literaturarchiv in Marbach. Die unten abgebildeten Bilder sind aus dem
Buch „Scherenschnitte von Luise Duttenhofer“ AT Verlag, 1978, S. 45