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Künstler
Hilke Appen-Duis
| Name |
Appen-Duis, Hilke |
| Geboren am .. |
1935 |
| Verstorben am ... |
2006 |
| Vereinszeitung Ausgabe |
SAW 30 |
| Autor(in) |
Elvira Meisel-Kemper |

Mit einer Aktionswand möchte das Erste
deutsche Scherenschnittmuseum in Vreden einzelnen Künstlern einen
breiteren Raum zur Präsentation gewähren. Die erste Künstlerin,
die auf diese Weise vorgestellt wird, ist die Scherenschnittkünstlerin
Hilke Duis, die im letzten Jahr im Alter von 71 Jahren im Osnabrücker
Land verstarb.
15 Blätter schuf sie 1991 als „Münsterscher
Pulcinella Leporello“ für die Speisegaststätte „Pulcinella“ in
Münster. Hilke Duis war seit Anfang der 60er Jahre mit der Konzeption
und Gestaltung der Münsteraner Traditionslokale „Cavete“ und „Blaues
Haus“ eng verbunden gewesen, zu denen später die „Pulcinella“ hinzukam.
Für dieses Lokal wurde der hier ausgestellte qualitativ hochrangige
Zyklus geschaffen, aber leider nie präsentiert. Er verschwand
jahrelang in der Schublade, bis er jetzt erstmals in Vreden seine glanzvolle
Auferstehung feiern kann.
Schon das von ihr verwendete Kunstwort
„Pulnicella“ deutet an, worum es der Künstlerin geht. Stellt man die
Konsonanten richtig, findet man zu dem bekannten Wort „Pulcinella“, einer
Figur, die mit der charakteristischen Vogelmaske in der italienischen Commedia
dell ?Arte eine wichtige Rolle spielt. Der erste Scherenschnitt,
als Weißschnitt zusammen mit farbigem Papier auf dunklem Grund montiert,
zeigt bereits diese typischen Figuren. Zwei Pulcinellen umtänzeln
die Weltkugel, während hinter ihnen aus einer großen braungetönten
Woge Vögel und der Mond als Halbsichel emporsteigen.
Hilke Duis unterlegt die Bilder mit Texten,
die sie aus der Literatur in Prosa und in Lyrik zusammenstellt. Sie sind
nicht unbedingt die erklärende Wortwelt zu ihrer Kunstwelt. Sie sind
eher Stimmungsbilder für die künstlerischen Kapriolen, die sie
in den Scherenschnitten auferstehen lässt. Der Untertitel gibt schon
die einleuchtende Erklärung: „Farce mit Konfetti gesammelt; geschnitten;
gekocht und serviert für Pulcinella in der Kreuzstrasse“. Für
die Künstlerin ist es eine besondere Ehre, in „Münster, der wichtigsten
Stadt der Welt, wieder einmal aufzuerstehen“.
In Münster verlebte Hilke Duis prägende
und wichtige Jahre, an die sich viele Erinnerungen und viele Aktivitäten
knüpfen. 1935 wurde sie in Königsberg/Ostpreußen in eine
humanistisch geprägte Familie hineingeboren. Über Dresden und
Schleswig-Holstein strandete sie nach Kriegsende in Hamburg. Ihre Jugend
verlebte sie mit den Eltern und zwei Schwestern im Hamburger Stadtteil
Eppendorf. Literatur, Kunst, Musik waren ihr schon seit Kindertagen vertraut,
ebenso die Antike, das Christentum und der Orient in Mythen und Legenden.
Ihr künstlerisches Talent wurde schon früh erkannt und durch
den Besuch einer privaten Kunstschule in Hamburg gefördert. In Münster
war sie Studentin an der Werkkunstschule. Das Studium der Grafik und der
Bildhauerei bei den Professoren Winde und Kükelhaus prägten sie.
Nach dem Ende der Ausbildung lebte sie einige Jahre in Hohenholte bei Münster.
Seit den 50er Jahren beschäftigte
sie sich mit Theater, Politik, Philosophie und besonders mit der Literatur.
In den 60er Jahren half sie maßgeblich bei der Gründung und
dem Aufbau der ersten Studentenkneipen in Münster. Lokale wie „Cavete“.
„Blaues Haus“ und „Mimi ?s Bierhaus“ prägten die Geschichte der Gastronomie
in Münster entscheidend und trugen immer ihre Handschrift. Hilke Duis
führte mit ihrem Mann darüber hinaus in Münster auch die
Galerie „Schwarzes Schaf“.
Anfang der 70er Jahre zog sie sich als
freischaffende Künstlerin ins Osnabrücker Land zurück. Noch
intensiver als bisher widmete sie sich der Kunst und der Beschäftigung
mit der Literatur. Das Engagement für den Natur- und Landschaftsschutz
beschäftigte sie zusätzlich. Im Bundesverband Landschaftsschutz
e.V. engagierte sie sich gegen die Verschandelung der Landschaften durch
Windkraftanlagen.
In der Ruhe des neuen Lebensraumes vertiefte
sie ihre praktische und wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Papierschnitt,
den sie bis an ihr Lebensende perfektionierte und zu einer ganz eigenen
Ausdrucksform erblühen ließ.
Eine Auswahl ihrer Arbeitsgeräte,
die neben dem originalen Scherenschnittzyklus ausgestellt ist, zeugt von
Subtilität und kleinteiliger Feinarbeit. Scheren in verschiedenen
Schnittgrößen, Stifte, Kleber, Lineal, oder auch ein Dreieck
für spezielle Positionierungen der geschnittenen Details in der Gesamtkomposition
sowie Papier in verschiedenen Färbungen belegen die Intimität
des Arbeitsprozesses. Manchmal schöpfte Hilke Duis auch selbst Papiere
nach ihren eigenen Vorstellungen, z. B. Marmorpapiere, auf denen Sie neben
dem bevorzugten Lackpapier ihre Scherenschnitte montierte.
Absolut präzise sind die Linien,
die sie mit den verschiedenen Scheren schnitt. Sowohl die Innen- als auch
die Außenlinien bestechen durch Prägnanz und intuitiv sichere
Führung des Schneidwerkzeugs. Hilke Duis war eine der wenigen Papierschneiderinnen,
die freihändig, ohne auf der Rückseite vorzuzeichnen, schneiden.
Aus diesem Grunde „stimmen“ in ihren Arbeiten alle Schwünge und Linien.
Die „Münsterschen Pulcinellen“ teilte
Hilke Duis in drei Gruppen: Die Innamorati oder Verliebten, die Vecchi
oder Alten und die Zannini oder Diener. Der literarische Leporello,
den die Künstlerin aus ihrer vielfältigen Literaturkenntnis zusammentrug,
ist keine Erklärung zu den Bildern. Anders ausgedrückt, die Scherenschnitte
sind keine Illustrationen zu den Texten, deren Autoren erst zum Schluss
summarisch aufgeführt sind. Dennoch bilden sie eine Einheit, die sich
durch dieselbe Stimmung ergänzt. Aus der „Commedia dell ?Arte“ wurde
in den Texten die „Commedia dell ?Arte“ als Protest gegen das übliche
Schema der Komödie, in der über moralische Fehler gelacht werden
dürfe, so heißt es in dem anschließenden Text. Eine
Erklärung, was „Pulnicellas“ seien, liefert sie ebenfalls in den Texten:
„Die Pulnicellas müsst ihr wissen, hat unser Herrgott zu Beginn der
Zeichenkunst erschaffen“ Ihr braucht die Pulnicellas nur mit anderen Leuten
zu vergleichen“. Die Gaumenfreuden des Lokals, für das sie den Zyklus
schuf, werden verwoben mit den Gedanken über das Theater und die Menschen.
Genau dieses verbindet die Texte und die kunstvollen Scherenschnitte von
Hilke Duis.
Es wird getanzt, es wird die Maske gelüftet.
Aus dem großen „Bocca de veritá“ auf dem vierten Blatt entschweben
Schmetterlinge, die Hilke Duis gern verschenkte als antike und christliche
Symbole der Seele. Der berühmteste „Bocca de Veritá“, übersetzt
„Mund der Wahrheit“, befindet sich in der römischen Kirche Santa Maria
in Cosmedin. Einer mittelalterlichen Legende folgend, wird jedem Lügner
die Hand abgebissen, wenn er sie dort hineinlegt. Die Künstlerin
macht daraus eine Theaterkulisse mit wehenden Tüchern und tanzenden
„Pulnicellen“.
Ein fröhliches Völkchen macht
sich auf ihren Blättern breit, das sie fast immer wie auf einer Theaterbühne
agieren lässt. Nach dem tänzelnden Vorspiel agieren die Figuren
ab dem achten Scherenschnitt mit dem, was ein Speiselokal ausmacht. Spaghetti
statt Masken oder Flöten halten die „Pulnicellen“ in den Händen,
komödiantisch entlarven sie damit Essgenuss und manchmal auch Esssucht.
Denn spätestens im zwölften Blatt biegen sich die dicken Bäuche
einander zu und dennoch wird weiter der Völlerei gefrönt, eine
humorvolle und künstlerisch eindrucksvolle Szenerie.
„Es wurde das höchste Prinzip der
Kunst verwirklicht: die Vielfalt in der Einheit, das Lebendige, Überraschende,
Unberechenbare in strenger, gestalteter, künstlerischer Form“, so
lautet eine Textstelle in dem literarischen Leporello. Das Zitat des leider
ungenannten Meisters könnte genauso gut das Urteil eines Kunstkritikers
sein. Hilke Duis erschuf mit ihrem breit gestreuten Wissen aus Literatur,
Kunst und humanistischer Bildung und ihrem künstlerischen Können
eine eigene Kunstgattung, die sie humorvoll und hochwertig gearbeitet zu
einer Einheit formt.