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    Bögel, Dr. Helmuth

Name Bögel, Dr. Helmuth
Geboren am .. 1927
Verstorben am ...  
Vereinszeitung Ausgabe SAW 05
Autor(in) Otto Kirchner

Geboren 1927 in München
verheiratet, drei Kinder Studium der Geowissenschaften Dissertation 1972
Tätigkeit an der TU München, zuletzt Akademischer Direktor, Seit 1993 in Pension, Seit 1995 Antiquariat "Kunst & Stein"

Illustrierte Bücher:
Werner Karl: Liederbuch für Bergsteiger, Rother, München 1967
Ruderich Lavan: Adalbert mit dem schwarzen Zylinder, Chur, Schleiden 1970
Ruderich Lavan: Tucki und der schwarze Panther, Chur, Schleiden 1971
Helmuth Bögel: Schmuddelpitt, Chur, Schleiden 1972
Fritz Schmitt: Parodie auf Berg und Ski, Berg, München 1978
Walter Stürmer: Türme im Wind, Sursum, München 1993
Zahlreiche Abbildungen in alpinistischen Zeitschriften

Otto Kirchner zeichnet im folgenden Beitrag das Bild des Scheren- und Messerschneiders Dr. Helmuth Bögel dessen karikierende, mit viel Humor, Menschenkenntnis und wohlwollendem Schmunzeln gestaltete Schnitte ein Stück bayerische Schlitzohrigkeit und Lebensphilosophie verkörpern.
Da leider fast alle Schnitte nicht mehr im Original zugänglich sind, musste auf Maßangaben verzichtet werden.
Der Anfang Helmuth Bögel schneidet nicht, wie viele Scherenschneider, seit seiner Kindheit. Erste konventionelle Scherenschnitte entstanden 1946, also mit 19 Jahren. Wie es dazu kam, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Vielleicht spielte die Abneigung, nach der Natur zu zeichnen, eine gewisse Rolle (Helmuth Bögel absolvierte kurze Zeit eine künstlerische Ausbildung in der Blocherer Schule). Schon 1949 sind Bögels Scherenschnitte Kommentare zu menschlichen Verhaltensweisen. Auch das Erlebnis der Zeichenübungen wurde im Scherenschnitt dargestellt (Abb. 1)

(Abb. 1, Der Zeichenlehrer)

Die ersten Arbeiten wurden mit der Schere geschnitten. Seit 1960 verwendet Bögel zunehmend das Messer. Trotz der freieren Arbeitsmöglichkeit mit der Schere bietet das Messer wegen der geringen Festigkeit des Papiers Vorteile beim Schneiden feinerer Strukturen (Bögels Seil- und Wolkendarstellungen).

Der „Bögelstil“
Bereits 1949 schneidet Bögel die für ihn typischen dünnen Männchen. Er meint heute, wahrscheinlich habe er instinktiv empfunden, dass eine allzu naturnahe Gestaltung im Scherenschnitt wenig bringe beziehungsweise die Gefahr des Kitschigen zur Folge habe (Abb.2).

(Abb. 2, Weihnachtsvorbereitungen)

Helmuth Bögel hat schon früh den Knapp in die Hand bekommen (Deutsche Schatten- und Scherenbilder, um 1916). Dieses Buch ist heute noch das Standardwerk des Deutschen Scherenschnitts. Der "Schattenschnitter" Engert hinterließ den stärksten Eindruck mit seinen expressiv betonten und dynamisch konstruierten Figuren. Für die Adalbertfigur (Männchen mit hohem Hut, Abb. 3) sind in gewisser Weise die Karikaturen Feiningers ein Vorbild.

  (Abb. 3, Adalbert mit dem schwarzen Zylinder, 1970)

Berg und Ski
Mit dem Bergsteigen hat Bögel sein zentrales Thema gefunden. Berg und Stein sind ihm nicht nur als Geologe vertraut, bis 1953 war er auch aktiver Bergsteiger. Das "Liederbuch für Bergsteiger" mit Scherenschnitt-Illustrationen von Helmuth Bögel ist 1967 erschienen. Ein Beispiel aus diesem Buch ist "Auf geht's Franze" (Abb. 4). Diese Buchseite zeigt nicht nur die graphische Einheit von Scherenschnitt und Notenblatt, sie zeigt auch, mit weIcher Schonungslosigkeit Bögel die Situation dargestellt hat: "Nimm mi ans Seil, die Wand wird mir z'steil". Bögel sagt zu seinen Arbeiten: "Von Anfang an ist eine Neigung zum Skurrilen, zur Parodie und Persiflage sichtbar, und die Absicht, das lächerliche im Alltäglichen und das Kitschige im Pathos herauszustellen".
 

Abb.4 "Auf geht's Franze Abb.5 "Über mit ein Überhangl"

Die surrealistische Übertreibung zeigt besonders schön "Über mir ein Überhangl" (Abb. 5). Diese Qualitäten der Bögelschen Scherenschnitte führte zu der Buchveröffentlichung mit Fritz Schmitt: "Parodie auf Berg und Ski" (1978). Fritz Schmitt, erfahrener Bergsteiger und Schriftleiter der "Deutschen Alpenzeitung", hatte Verse geschrieben, in denen er sich über das Verhalten des Menschen in den Bergen lustig macht. Helmuth Bögel hat zu diesen Versen die Bilder geschnitten (Abb. 6). Diese Scherenschnitte sind nicht nur wegen der Thematik interessant, sondern auch wegen der formalen Gestaltung. Häufig werden von Bögel die realen Gegebenheiten in ein lineares Netzwerk verwandelt.

So im "Ski-Snob" (Abb. 7), wo Hubschrauber, Wolken, Berge und Skispur eine geometrische Einheit bilden, mit kaum merklicher Betonung der darin gefangenen menschlichen Figürchen. In diesem Buch gibt es auch einige Umkehrungen von Schwarz und Weiß. Es scheint, als ob die weißen Lineaturen im Schwarz deutlicher hervortreten; andererseits wird die Entschlüsselung erschwert.
 
 

Abb.6 "Von Felsexperten, Nordwandhelden..."
Abb.7 "Der Ski-Snob"
Abb.8 "Das Biwakkonzert

Farbe
Von Helmuth Bögel gibt es zahlreiche farbige Arbeiten. Oft werden schwarze Schnitte farbig hinterlegt. "Alles geht" sagt Bögel und meint damit die ganze Bandbreite vom klassischen Scherenschnitt bis zur Collage. Der eigentliche Scherenschnitt ist bei Bögel immer aus einem Stück, und es gibt so gut wie keine Binnenschnitte. Ein Beispiel, das sich in SAW wiedergeben lässt, ist der "Teilweis' picassionäre Clown", ein schwarzer Schnitt auf grauem Grund. Hier sei auch auf die sprachliche Originalität der Titel hingewiesen: "Ornamentaler Dino", "Zufälliges Berggesicht mit gelbem Mond". "Trüber Vogel auf tristem Papier".


Abb.9 "Teilweis' picassionärer Clown"

Auftragsarbeiten
Bei Helmuth Bögel kann man Exlibris in Auftrag geben mit Vorgabe nicht nur des Namens, sondern auch des Bildinhalts.
Ein Beispiel ist die Arbeit für den Musiker und Escherliebhaber Carlos Yaras (Abb. 10). Hier spielt Bögel mit den räumlichen Vorstellungen, sowohl bei dem geschnittenen Escherkubus als auch bei den schwarzweißen Wandelementen und bei der Verbindung von Schrift und Bild, wo z.B. das Y in das Kabel übergeht.

Die Einladung zur Taufe
Von Helmuth Bögel gibt es so gut wie keine Faltschnitte. Da er in der Regel einfach schneidet, kommt er auch nicht in Versuchung, den Scherenschnitt symmetrisch zu verdoppeln. Eine Ausnahme gibt es allerdings: die Taufkarte für Fabian Leonardo (Abb. 11). Das Baby liegt Inder Wiege; sichtbar sind nur die Händchen, die sich der Welt entgegenstrecken. Über dem Kind bilden die zusammengewachsenen Pinien ein Schutzdach, vielleicht ein Symbol für die beiden Eltern.
 
 

Abb.10: Exlibris für Carlos Yaras
Abb.11: Einladung zur Taufe

Kunst & Stein
Helmuth Bögel betreibt seit 1995 ein Antiquariat mit vorwiegend geologischer Literatur; daneben bietet er Kunst- und Scherenschnittliteratur sowie Originalscherenschnitte an. Mit deren Abbildungen schmückt er die Kataloge. In Heft 2 "Schwarz Auf Weiß" hat Helmuth Bögel mit einer Annonce für "Kunst & Stein" geworben.

In der abgebildeten Figur unternimmt er den Versuch, beide Themen zu vereinen. Das gleiche Thema findet man Im Titelbild dieses Hefts: An die geometrische Kristallstruktur des Steins gelehnt betrachtet das Männchen die ausgeschnittene Maskenfigur. Der Hammer, zweites Werkzeug neben der Schere, bildet das Gegengewicht und stützt gleichzeitig den Stein. Offen bleibt, wie der zerfaserte Stiel gedeutet werden soll. Der Stein hat eine eigenartige Drunter- und Draufsicht und ist so mit der Figur verbunden, dass deren Füße den Boden als Stütze nicht brauchen. Abstraktes und Gegenständliches ist auf verwirrende Weise miteinander verknüpft, auch die Perspektive leistet ihren Beitrag zur Irritation.

Türme im Wind
Während im "Liederbuch für Bergsteiger" und in "Parodie auf Berg und Ski" Text und Bild eine harmonische Einheit bilden, meint man in "Türme im Wind" (1993) eine deutliche Spannung wahrzunehmen. In den Textdialogen dieses Buches werden die Probleme des Bergsteigens mit denen des menschlichen Lebens verknüpft, ernsthaft und ohne Ironie. Darüber hinaus wird die technische Entwicklung problematisiert, insbesondere am Beispiel der Kernenergie. Diesen Texten gegenüber stehen die Papierschnitte von Helmuth Bögel (Abb.12).