| Name | Andersen, Hans Christian |
| Geboren am .. | 02.04.1805 |
| Verstorben am ... | 04.08.1875 |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 20 |
| Autor(in) | Otto Kirchner |
![]()

Otto Kirchner (Text aus Scherenschnitt
20/2002):
Andersen ist einer der erfolgreichsten
Schriftsteller, seine Märchen und Geschichten kennt man in der ganzen
Welt. Sein Leben begann ärmlich, am Ende war er ein berühmter
und gefeierter Mann. Seine Reisen („Reisen ist Leben“ war seine Devise)
führten ihn durch ganz Europa, nach Nordafrika und in die Türkei.
Bei diesen Reisen und bei den vielen Besuchen im heimatlichen Dänemark
hatte Andersen stets Schere und Papier dabei. Er schnitt, während
er erzählte:
Wenn er mit seiner Geschichte fertig war
(oder beendete er sie, weil er mit dem Papier fertig war?), breitete er
einen ganzen Streifen Ballerinen vor uns aus; sie hielten sich an den Händen
und streckten die Beine in die Luft, und Andersen war glücklich über
sein gelungenes Werk.
Andersen hat, wie viele Scherenschneider,
bereits als Kind mit dem Ausschneiden begonnen. In „Das Märchen meines
Lebens“ berichtet er:
„Täglich nähte ich Puppenkleider,
und um bunte Lappen dafür zu bekommen, ging ich in die Läden
und bat, mir Proben von Stoffen und Seidenbändern zu schenken. Meine
Phantasie bewegte sich so völlig um dieses Puppenzeug, dass ich auf
der Straße stehen blieb und die reichen Damen in Samt und Seide betrachtete.
In der Phantasie sah ich all ihren Putz und Staat unter meiner Schere.“
Dass er nicht nur Stoffe für seine
Puppenkleider zerschnitt, sondern auch Papier, zeigt ein Zitat aus dem
Roman „Die beiden Baronessen“:
„Ich verstand mit einer Schere die allerschönsten
Sächelchen zu schneiden, das hatte ich schon als Kind gekonnt, und
in vielen Familien bewahrt man noch die von mir ausgeschnittenen Sachen.“
Andersens erstes Buch erschien 1829, sein
erster Roman „Der Improvisator“ 1835. Im selben Jahr erschienen, eher als
Nebenprodukt, die ersten beiden Hefte der „Märchen für Kinder“,
darin „Die Blumen der kleinen Ida“:
Meine armen Blumen sind ganz tot, sagte
die kleine Ida. Die waren gestern so schön, und nun hängen alle
Blätter welk herab, weshalb tun sie das? fragte sie den Studenten,
der auf dem Sofa saß, denn sie hatte ihn sehr gern: er konnte die
allerschönsten Geschichten erzählen und schnitt so drollige Bilder
aus: Herzen mit kleinen Frauen darin, die tanzten; Blumen und große
Schlösser, an denen Türen geöffnet werden konnten; es war
ein lustiger Student.
Offensichtlich ist aus dem Jungen mit
den Puppenkleidern jetzt ein Student geworden, der erzählt und Bilder
ausschneidet. Es ist nicht die einzige Erwähnung der Scherenschnitte
in diesem Märchen, in dem zweiten Zitat wird überraschenderweise
Kritik daran geübt:
„Was soll das heißen, dem Kind so
etwas weiszumachen!“ sagte der grämliche Kanzleirat, der zu Besuch
gekommen war und auf dem Sofa saß; er konnte den Studenten gar nicht
leiden und murrte immer, wenn er sah, wie dieser die wunderlichsten, lustigen
Bilder ausschnitt: bald einen Mann, der an einem Galgen hing und ein Herz
in der Hand hielt, denn er war ein Herzensdieb, bald eine alte Hexe, die
auf einem Besen ritt und ihren Mann auf der Nase hatte; das mochte der
Kanzleirat nicht.
Mit dem Mann am Galgen (Abb. 1) liefert
Andersen den Grund für die Ablehnung gleich mit. Die Erwähnung
des Herzensdiebs ist um so verwunderlicher, als er überhaupt nichts
mit der Geschichte von den welken Blumen zu tun hat.

Andersens Scherenschnitte sind auch sonst
keine Illustrationen zu seinen Märchen. Es sind zwar oft Figuren,
welche auch die Geschichten bevölkern, aber sie wirken wie eigenständige
Wesen. Oft wirken sie wie symbolhafte Darstellungen seiner eigenen Person;
man hat sie auch als seine Pseudonyme bezeichnet. Eines dieser verfremdeten
Selbstporträts ist der Tänzer mit den drei Köpfen (Abb.
2). Er hat die gleiche Nase wie das von Andersen gezeichnete Selbstporträt
(Abb. 3). „Wie ein Kanonenrohr so lang die Nase, die Äuglein winzig,
Erbsen gleich“ beschreibt er sich selber. Die große Nase taucht in
vielen Figuren auf, falls der Kopf nicht nur von vorne zu sehen ist, wie
bei einem einfachen Faltschnitt. Vielleicht hat der Tänzer deshalb
drei Köpfe, damit die Nase zu sehen ist; erst mit den drei Köpfen
und der Nase wird die Figur so eindrucksvoll. Man konnte aber auch an den
optischen Eindruck bei schnellem Drehen denken. Andersen gibt keine Erklärungen
zu seinen Figuren, auch nicht zu dem breitbeinig in seinen Stiefeln dastehenden
Mann (Abb. 4). Dieser hat nicht nur große Ringe am Ohr, an diesen
hängen auch noch zwei Figürchen mit einer Art Fächer in
der Hand. Außerdem hat der Mann gleich zwei Herzen in der Brust (Andersen
hätte das Herz ja nachträglich hineinschneiden können),
und was er über den Schultern hat, sieht auch nicht wie eine Jacke
aus, sondern eher wie zwei Flügel. Noch merkwürdiger ist der
unsymmetrische Spitzbart, der aus dem dicken Hals herausgeschnitten worden
ist. Ein Engel mit einem solchen Bart wäre eine seltsame Erscheinung!
Christian Morgenstern schreibt von „Des Märchendichters Scheere“:
Unsere Scheere nämlich hatte zu ihrer
großen Geschicklichkeit, die sie mit mancher ihrer Schwestern teilte,
auch noch eine Art Seele, die sie zu einem ganz neuen und außerordentlichen
Wesen machte, sobald es ihr einfiel, in sie zu fahren. Sie fuhr aber immer
zugleich mit den Fingern ihres Herrn in sie, so dass es aussehen konnte,
als währen diese selbst ihre Seele. Da würde man sich aber sehr
getäuscht haben. Denn unsere Scheere ward von diesem Augenblick an
ein ganz eigenwilliges Persönchen, das bald so, bald so dachte und
that, recht wie eine kleine Prinzessin, die sich nichts zu versagen braucht,
wonach ihr Herz steht. (SAW 2)

Morgenstern versucht, die besonderen Eigenschaften
der Scherenschnitte deutlich zu machen, indem er der Schere ein Eigenleben
zuspricht. Aber wenn Andersen das Papier mehrfach faltet, um eine ganze
Figurenreihe auszuschneiden, so war es nicht die Schere, welche das tat,
sondern Andersen selbst, in der Absicht, die geknickte Reihe nachher aufstellen
und anblasen zu können, um sie in Bewegung zu setzen (Abb. 5). Auch
der winzige Schaukelstuhl war beweglich, der als einzige Papierskulptur
überlebt hat. Er ist im Andersenmuseum in Odense ausgestellt, zusammen
mit der großen Schere, die Andersen benutzt hat (Abb. 6). Über
die Schere berichtet eine Augenzeugin:
„Er schnitt viele Silhouetten; dabei gebrauchte
er immer eine riesige Papierschere – es war mir unbegreiflich, wie er mit
seinen großen Händen und der enormen Schere so niedliche, feine
Sächelchen ausschneiden konnte.“
Andersen hat seine Scherenschnitte oft
für einen bestimmten praktischen Zweck gemacht. Eine Freundin beschreibt
dies:
Eines Tages um die Essenszeit gab er mir
ein Bukett. „Es sollte wirklich ein kleines Blumenpapier drum herum sein“,
sagte er, dann nahm er eine Schere und Papier aus der Tasche und schnitt
aus, während ich zuschaute: einen Buketthalter mit einer symmetrischen
Reihe von Sandmännchen.
Auch für den Christbaum hat Andersen
Figuren ausgeschnitten. Sie sind aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt:
Hut, Haar, Krawatte und auch das Muster des Kleides und des Hutes sind
extra ausgeschnitten und nachträglich aufgeklebt. Heute würde
man diese Arbeiten, die ganz modern wirken, als Collage bezeichnen. Augen,
Nase und Mund sind in die Köpfe hineingezeichnet – es wäre unpassend
gewesen, sie herauszuschneiden (siehe Rückseite).
Für die Kinder und Enkel seiner Freunde
hat Andersen Bücher hergestellt mit fremden und eigenen Bildern, mit
Scherenschnitten und manchmal auch mit Texten. Auch dies hat Andersen in
„Des Paten Bilderbuch“ selber beschrieben:
Der Pate konnte Geschichten erzählen,
ganz viele und ganz lange; er konnte Bilder ausschneiden und Bilder zeichnen,
und wenn es auf Weihnachten zuging, holte er ein Schreibheft mit sauberen
weißen Seiten hervor, auf die klebte er Bilder, aus Büchern
und Zeitungen herausgeschnitten; hatte er dann nicht genug für das,
was er erzählen wollte, dann zeichnete er sie selber.
Dass auch diese Bücher zum Gebrauch
bestimmt waren, zeigt das Folgende:
„Dieses Buch muss sehr gut aufbewahrt
werden“, sagten Vater und Mutter, „das darf nur bei festlichen Gelegenheiten
hervorgeholt werden.“ Auf den Einband hatte der Pate jedoch geschrieben:
„Zerreiße das Buch, es macht nicht viel aus, Andere kleine Freunde
verüben schlimmeren Graus.“
Bei der Mitgliederversammlung in Nürnberg
1998 gab es eine Diskussion über Andersens Scherenschnitte. „Die Märchen
sind gut“, hieß es, „im Gegensatz zu den Scherenschnitten.“ Tatsächlich
besteht aber kein Gegensatz zwischen den Märchen und den Scherenschnitten.
Beide stammen aus derselben Phantasiewelt und beide zeigen dieselbe erstaunliche
Kunstfertigkeit. Manchmal hat Andersen diese Fertigkeit eingesetzt, um
ornamentale, arabeskenartige Faltschnitte herzustellen. Der berühmteste
entstand 1874 für Frau Melchior, in deren Familie er den letzten Lebensabschnitt
verbracht hat (siehe Titelblatt). Mit seiner Größe (42 x 26,5
cm) und den verschiedenen Symmetrieachsen zeigt dieser Scherenschnitt Andersens
souveräne Meisterschaft. Fast alle seine Figuren sind darin versammelt:
der Mühlenmann, der Pierrot, das Sandmännchen, der Schwan (das
hässliche Entlein) und die Tänzerin. Die Masken in den Ecken
scheinen zu weinen, und neben dem chinesischen Weisen, der auch nicht fröhlich
dreinschaut, glotzt aus dem geschnittenen Geflecht breitmaulig der Tod,
der auch in den Märchen so häufig anwesend ist.
Kommt man nach Odense, in die Geburtsstadt
Andersens, fallen einem neben den zahlreichen steinernen Märchenfiguren
besonders die Scherenschnitte auf mit ihrer plakativen Werbekraft. Man
sieht sie auf den unterschiedlichsten Gegenständen, den Besucher zum
Kauf animierend. Viele Figuren kann man, maschinell gestanzt, als Mobile
kaufen. Das Museum mit der großen „Andersensonne“ am Eingang zeigt
in den Zimmerchen des Geburtshauses rührende „Erinnerungsstücke“
wie die Wiege der kleinen Ida mit den verwelkten Blumen. In dem modernen
Anbau kann man nicht nur die vielen Ausgaben der Märchen sehen, sondern
auch zahlreiche Illustrationen, darunter farbige Scherenschnitte von Sonia
Brandes (SAW 9/10) und von Kirsten Berg (sie lebt und arbeitet in Odense).
Im Gegensatz zu den Illustrationen mit ihrer Wiedergabe der Märchenszenen
kommen einem die Figuren Andersens vor, als seien sie den Geschichten entsprungen,
um ein interessantes eigenes Leben zu beginnen, ein Leben, das den Tod
nicht kennt.
Literatur:
1. Hans Christian Andersen: Sämtliche
Märchen, Winkler 1996
2. Hans Christian Andersen: Märchen
Geschichten Briefe, ausgewählt von Johan de Mylius, Insel 1999
3. Kjeld Heltoft: H. C. Andersen als bildender
Künstler, Kopenhagen 1980
4. Hans Christian Andersen: Billedbog,
Sleswigsk Forlag 1924
5. Johan de Mylius: H. C. Andersen Papirklip,
Aschehoug 2000
Ich danke Herrn Museumsdirektor Askgaard
für das Gespräch über Andersen und seine Scherenschnitte
und für die Bilder mit der Genehmigung für den Abdruck in Schwarz
Auf Weiß. Besonders dankbar bin ich Frau Bente Weitbrecht, die mich
mit Literatur über Dänemark und über Andersen versorgt hat
und die recht hatte mit ihrer Meinung, man könne über Andersen
nur schreiben, wenn man in Odense gewesen sei. Meiner Frau danke ich nicht
nur für die Begleitung nach Odense, sondern auch für die vielen
Gespräche und Diskussionen über das Thema Scherenschnitt.