| Name | Allmayer, Josefine |
| Geboren am .. | 21.12.1904 |
| Verstorben am ... | 01.11.1977 |
| Vereinszeitung Ausgabe | SAW 28 + SAW 30 |
| Autor(in) | Friedrich Chlebecek |
Scherenschnitte aus der Natur



Um die naturgetreue Wiedergabe der Allmayerschen
Blumen- und Pflanzen-Scherenschnitte zu verstehen, muss man zu allererst
um das Umfeld wissen, in dem sie aufgewachsen ist und bis zu ihrem Tode
gelebt hat. Am 21. Dezember 1904 wurde sie in Kierling, einem Ort im Wienerwald
bei Klosterneuburg, geboren. Sie war die Älteste von 6 Geschwistern
und wuchs in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Ihr Vater war
Tapezierer und sehr bald von Berufskrankheiten gezeichnet. Er war aber
auch künstlerisch begabt und verdiente für die Familie ein Zubrot
mit Malen, Zeichnen und – für die Zukunft Josefines ganz wesentlich
- mit Scherenschnitten. Er zog unter anderem in Wien durch die Restaurants
und Kaffeehäuser, um von den Gästen Silhouettenschnitte anzufertigen.
Seine Tochter eiferte ihm schon mit vier Jahren nach, und – da sie keine
Schere verwenden durfte – „zupfte“ sie aus Papier Blumen, Tiere und Gegenstände.
Mit fünf Jahren durfte sie allerdings bereits eine Schere verwenden.
Als sie 12 Jahre alt war, verkaufte ihr Vater den Scherenschnitt „Winterwald“
in Wien um 4 Kronen, was ihrer Motivation, den Scherenschnitt künstlerisch-professionell
zu betreiben, einen großen Auftrieb verlieh.
Das führte dazu, dass ihre Arbeiten
kurz vor ihrem 16. Geburtstag erstmals von einem Kunstverlag ausgestellt
und sie vom wissenschaftlich-humanitären Verein „Kosmos“ finanziell
unter die Fittiche genommen wurde. Nach vielen Ausstellungen in Wien folgten
1924 die ersten Ausstellungen im Ausland, in der Schweiz. Nach einigen
Domizilwechseln war sie es, die mit ihrem ersparten Geld im Nachbarort
von Kierling, in Maria Gugging, ein kleines Grundstück am Ortsrand
erwerben konnte. Es lag an einem bewaldeten Berghang, versteckt hinter
dichtem Buschwerk an einem kleinen Bächlein. Auf diesem idyllischen,
unberührten Stück Natur wurde ein bescheidenes Haus errichtet,
das von nun an der Familie als Wohnsitz diente.
Maria Gugging liegt wie der Nachbarort
Kierling im Wienerwald, beide Orte haben bis heute einen Flächenanteil
von weit über 80 % an Wald, Wiesen, Äckern und Gärten. Für
einen Menschen, der mit und in der Natur lebt, ein wahres Paradies, für
eine Künstlerin wie Josefine Allmayer ist man in Vorlagen wie eingebettet.
Ein Gutteil der Motive ihrer Schnitte
ist daher auch den Blumen und Pflanzen ihrer engsten Heimat und Umgebung
entnommen. Ihrer hervorragenden Technik, Scherenschnitte mit farbigem Seidenpapier
zu hinterlegen, kam die unbeschreibliche Vielfalt der Farbnuancen in der
Natur entgegen. Und sie nahm alles an Seidenpapier, was ihr unter die Finger
kam. Wir haben aus ihrem Nachlass im Museum eine Schachtel mit Kuvertfutter,
Weihnachtspapier für Bonbons, Seidenpapierreste von Verpackungen u.a.m.
An zwei Schnitten zeigt sich ihre Beobachtungsgabe
ganz besonders. Bei der Monatserdbeere gibt es an derselben Pflanze Blüten
sowie grüne und rote Beeren. Aber natürlich sind die Beeren nicht
durchgehend rot – sind doch an der Oberfläche kleine Körnchen,
die Erdbeersamen, und die Unterseite der Blätter ist heller als die
Oberseite.
Ein weiterer wunderbarer Beweis ihrer
Beobachtungsgabe ist der Herbststrauß. Die roten Beeren der Sträucher
sind ganz einfach nicht „nur rot“. Es unterscheiden sich die „Rotfärbungen“
bei Hagebutten, Pfaffenhütchen, Berberitzen und Schneeballen.


